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06.08.2013

16:27 Uhr

Amazon-Gründer kauft Zeitung

Zeig' uns den Weg, Jeff!

VonMartin Dowideit, Christof Kerkmann

Wie ein Paukenschlag hallt der Verkauf des Traditionsblatts „Washington Post“ durch die Zeitungswelt. Gelingt Amazon-Gründer Jeff Bezos die Sanierung, könnte er glänzendes Vorbild für eine leidende Branche werden.

Amazon-Gründer Jeff Bezos (links) bei einem Treffen mit Washington-Post-Chef Donald Graham. Reuters

Amazon-Gründer Jeff Bezos (links) bei einem Treffen mit Washington-Post-Chef Donald Graham.

Düsseldorf/New YorkUngefähr um die Jahreswende hatte die Familie Graham einen Beschluss gefasst. Sie wollte das Herzstück ihrer Firma, die weltweit renommierte Tageszeitung „Washington Post“, verkaufen. Eine vergleichbare Tragweite hätte in Deutschland die Entscheidung der Porsche-Familie, sich vom Sportwagengeschäft zu verabschieden.

Die Investmentbank Allen & Company suchte Interessenten. Darunter: Jeff Bezos, Gründer des Internet-Kaufhauses Amazon und Milliarden schwer. Vor etwa vier Wochen traf dieser sich mit Washington-Post-Vorstandschef Donald Graham. Ein zweites Gespräch folgte, und am Montag verkündete Graham: Die Washington Post ist verkauft, für umgerechnet 189 Millionen Euro. An Jeff Bezos. „Ich nannte einen Preis und Jeff war einverstanden“, so Graham.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Superreicher sich eine Zeitung kauft. Aber es ist das erste Mal, dass ein Investor mit Bits im Blut ein Print-Medienhaus kauft. Und rund um die Welt dürften Verleger große Hoffnung in den überraschenden Verkauf setzen: Denn die Ideen, die Bezos anpacken wird, könnten auch ein Ausweg für andere darbende Verlage sein, nicht länger schulterzuckend der Übermacht des Internets gegenüber zu treten. Zeig‘ uns den Weg, Jeff!

Tageszeitungen stecken in der doppelten Klemme. In der Vergangenheit waren Printmedien ein Gewürzträger für Anzeigen. Kein Verleger hing das an die große Glocke, aber im Wesentlichen gönnte man sich eine üppig ausgestattete Redaktion, weil die Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft sprudelten. Mit der Meinungsvielfalt und Breite der Berichterstattung konnten man sich als Kämpfer für das Gut der kritischen Meinungsbildung präsentieren. „Zeitungen waren eine Lizenz zum Gelddrucken. Man konnte die selben Texte Lesern und Werbekunden verkaufen“, sagt Tim Luckhurst, Medienprofessor an der Universität von Kent. Doch davon ist wenig übrig: Der Effekt von Online-Anzeigen ist leichter messbar. Viele Zielgruppen sind über das Internet besser erreichbar. Das ist das erste Problem: Die Attraktivität der Zeitung als Werbeträger hat gelitten.

Die Zeitungskrise

Deutschland, Zeitungsland

Trotz aller Hiobsbotschaften aus der Medienbranche ist Deutschland immer noch ein Zeitungsland: Nach aktuellen Angaben des Bundesverbandes deutscher Zeitungsverleger (BDZV) gibt es hier 315 lokale und regionale Abonnementzeitungen, 10 überregionale Blätter sowie 8 Straßenverkaufszeitungen, vor allem die „Bild“.

Die Auflagen sinken

Doch die meisten Blätter verlieren von Jahr zu Jahr an Auflage. Im zweiten Quartal 2013 wurden pro Erscheinungstag 20,64 Millionen Tageszeitungen verkauft, wie aus einer Erhebung der IVW hervorgeht. Das sind rund 4 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Darin sind rund 0,38 Millionen E-Paper-Ausgaben enthalten. Bei den Wochenzeitungen zeichnet sich ein ähnlicher Trend ab: Die verkaufte Auflage sank um rund 20.000 auf 1,73 Millionen Exemplare.

Der Werbemarkt schwächelt

Die sinkende Auflage trifft die Zeitungen gleich doppelt: Zum einen sinken die Vertriebserlöse, wenn die Verlage den Verkaufspreis nicht anheben (was in den letzten Jahren aber viele getan haben). Zum anderen verdienen sie weniger mit den Anzeigen – deren Preis richtet sich nach der Reichweite. Während der Gesamtwerbemarkt 2012 um 0,9 Prozent schrumpfte, verzeichneten die Zeitungen einen Umsatzrückgang von 9,1 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro. Fürs laufende Jahr erwartet der Zentralverband der Deutschen Werbewirtschaft, dass die Verlage maximal eine schwarze Null erreichen.

Rubrikenmärkte wandern ins Netz ab

Mit Kleinanzeigen, Stellenausschreibungen und Autoanzeigen haben die Verlage jahrzehntelang gutes Geld verdient. Doch die Rubrikenmärkte sind weitgehend ins Internet abgewandert – viele der Portale gehören nicht Verlagen, sondern anderen Akteuren. Hier gibt es nur wenige Ausnahmen. Im Online-Geschäft sehr aktiv ist beispielsweise der Axel-Springer-Verlag, ihm gehören das Immobilienportal Immonet und das Stellenportal Stepstone.

Digitale Produkte gleichen Minus nicht aus

Die große Hoffnung auf den Verkauf digitaler Ausgaben hat sich bislang nicht erfüllt. Zwar verkaufen sich E-Paper immer besser, im zweiten Quartal 2013 waren es rund 380.000 Exemplare. Doch das ist zu wenig, um den Rückgang der Printauflage aufzufangen. Die Reichweite der Web-Portale steigt zwar, doch die Werbeeinnahmen gleichen das Umsatzminus nicht aus. Viele Verlage hoffen, mit Bezahlmodellen im Netz mehr Geld zu erwirtschaften.

Hoffnung auf die große Reichweite

„Gedruckt, online und mobil erreichen die Zeitungen aktuell ein Publikum, das so groß ist wie nie zuvor“, erklärt der BDZV. Auf diese Reichweite hoffen die Verleger. Als Chancen nennt der Verband das Digitalgeschäft, aber auch neue Geschäftsfelder wie Aus- und Weiterbildung oder Veranstaltungsmanagement. Allerdings haben viele Verlage mit diversen Sparrunden das Personal stark ausgedünnt – das erschwert die Umsetzung neuer Ideen.

Bezahlinhalte als Ausweg?

Immer mehr Verlage hoffen, mit Bezahlinhalten den Umsatz steigern zu können. Beim „metered model“, das etwa die „Welt“ verwendet, dürfen die Leser nur eine bestimmte Zahl an Artikeln kostenlos lesen – danach müssen sie ein Abo abschließen. Und die „Bild“ stellt nur einen Teil der Artikel kostenlos ins Netz, andere Beiträge bekommen nur zahlende Kunden zu sehen.

Die Reaktion auf diese Entwicklung bestärkte gleichzeitig das zweite Problem. Auf das wegbrechende Anzeigengeschäft reagierten Verlage mit Sparprogrammen, beschnitten Redaktionen, kürzten Seitenumfänge. Selbst ohne diese Maßnahmen hat die Tageszeitung an Attraktivität für die Leser verloren: Viele Informationen, die Tageszeitungen lange unverzichtbar gemacht hatten, sind mittlerweile im Internet umfassender und schneller verfügbar. Die Öffnungszeiten des Flohmarkts in der Region? Steht auf der Internet-Seite des Anbieters. Die Auto-Kleinanzeige? Ist von den viel besser durchsuchbaren Online-Anzeigenportalen obsolet gemacht worden.

„In den USA ist das Verschwinden der Tageszeitungen – und damit der wichtigsten journalistischen Infrastruktur des Landes – im Bermuda-Dreieck des Internets sehr viel weiter fortgeschritten als bei uns“, betont sagt Stephan Ruß-Mohl, Professor an der Universität Lugano in der Schweiz. Mit Dreieck gemeint: drastisch schrumpfende Werbeerlöse, die sinkende Zahlungsbereitschaft der Leser und steigender Druck der PR auf die Redaktionen, was letztlich die Glaubwürdigkeit der Redaktionen gefährde.

In den Führungsetagen der Verlage wird mittlerweile nicht mehr auf das Internet geschimpft. Doch sich mit der Digitalisierung zu arrangieren, ist immer noch keine Antwort auf die Umsatz- und Gewinneinbrüche. Bezahlinhalte und Online-Anzeigeneinnahmen gleichen bei weitem nicht die Rückgänge im klassischen Geschäft aus. Weiter wird nach dem Heiligen Gral gesucht, der die geschriebene und aufwändig recherchierte Nachricht in bare Münze verwandeln lässt. Jetzt kommt das praktische Experiment: Kann Internet-Pionier Jeff Bezos die Lösung für eine Branche finden, die gestandene Verleger nicht ausmachen konnten?

„Sollte er das tun, was ich hoffe, also zu experimentieren und neue Sachen ausprobieren und die Ideen großzügig zu teilen, kann er mehr retten als nur die 'Post'“, sagt Jeff Jarvis, Journalismus-Professor an der City University in New York. „Die Zeitungswelt wird beobachten, was Jeff Bezos tut.“

Kommentare (2)

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de.sch

06.08.2013, 20:36 Uhr

$250 mil. für ein totes Medium. Glückwunsch dazu. Warum Zeitungen kaufen wenn man im Internet innerhalb von Sekunden sich informieren- aus den verschiedensten Kulturen- und Sprachräumen, von einzelnen Bloggern oder über Internetauftritte dieser Zeitungen. Warum Radio hören wenn man sich Podcasts anhören kann, auf Youtube/Spotify etc. Musik hören kann wann man will. Warum TV schauen wenn man auf Hulu etc. sich die programme anschauen kann. Und das beste: wenn man vom Inhalt überzeugt ist, zahlt man.Wenn man es nicht mehr ist, bestellt man ab. Und das ganze ohne Parteiengesteurtes Staatshollywood über eine Zwangsabgabe. Print, TV und Radio sind bald Geschichte. Gut so.

Account gelöscht!

06.08.2013, 23:10 Uhr

Und wie sieht die Strategie von HB,- Print und Online aus.
Beim Spiegel gehen nach einer verfehlten ideologischen Augstein Indoktrination nicht nur fiktive existenzielle Bedenken umher. Ich bin mir sicher die nächste Paukenschläge werden folgen. Der Journalismus hat sich in einer schwerwiegenden Glaubens Krise manövriert.
Erstaunlicherweise hat die Bild es geschafft ihr nicht vorhandenes Niveau noch einmal zu unterbieten, aber das sollte doch nicht der Anspruch sein. Oder ist das schon der informative Anspruch der Gesellschaft?

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