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25.08.2014

22:01 Uhr

Amazon kauft Twitch

Von Null auf eine Milliarde in drei Jahren

VonAxel Postinett

Irgendwo spielt jemand ein Videospiel und jemand anders schaut zu – wie Fernsehen. Möglich ist das durch Twitch.tv. Diese Videospiele-Plattform ist Amazon fast eine Milliarde Dollar wert.

Warum Amazon bei Twitch zuschlägt

Video-News: Warum Amazon bei Twitch zuschlägt

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San FranciscoSo geht das im Silicon Valley: 2012 gab es eine erste Finanzierungsrunde über rund zwölf Millionen Dollar, 2013 dann noch mal 20 Millionen Dollar und 2014 wird das Start-Up Twitch aus San Francisco für 970 Millionen Dollar an Amazon verkauft. Entsprechende Gerüchte bestätigten Amazon und Twitch am späten Montag. Damit sticht der aggressive Online-Handelskonzern offenbar Google aus. Angeblich hatte die Muttergesellschaft der Videoplattform Youtube ebenfalls Gespräche über eine Akquisition geführt.

Selbst der Chef kann es kaum fassen: „Es ist beinahe unglaublich, dass Twitch vor knapp drei Jahren noch gar nicht existiert hat“, stellt Twitch-CEO Emmett Shear auf seiner Webseite fest und dankt den Spielern, die ihre Videospiele live online auf Twitch spielen, so dass Millionen andere sie am Bildschirm verfolgen können wie Fußballspiele oder Autorennen.

Heute sei er erfreut, die Akquisition durch Amazon bekanntzugeben, schreibt er am Montag. Man habe Amazon gewählt, „weil sie an unsere Gemeinschaft glauben“, stellt Shear fest und räumt damit indirekt ein, dass es auch andere Interessenten gegeben habe. Das Unternehmen werde so weiter arbeiten wie bisher, in den eigenen Büros in Kalifornien, unter eigener Marke und unabhängig von Amazon.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Für Google wäre Twitch eine passende Ergänzung zur Videoplattform Youtube gewesen. Auf Twitch stellen Spieler Live-Übertragungen von ihren PC- oder Konsolenspielen ins Internet. Videospiele als Live-Unterhaltung haben vor allem in Asien bereits eine lange Tradition und der Trend hat jetzt auch die westliche Welt erreicht.

Die pro Monat fast 60 Millionen überwiegend jungen Nutzer von Twitch stellen eine lukrative Zielgruppe für Werbetreibende dar. Der Online-Handelsriese aus Seattle besetzt damit eine Top-Position im Kampf um junge Konsumenten, die auch Googles Youtube oder Netflix umgarnen wollen. Laut Twitch verbringen 58 Prozent der Zuschauer über 20 Stunden pro Woche vor dem Schirm, um Fremden oder Freunden beim Spiel zuzusehen. Das ist eine starke Basis für Videowerbung. Über 84 Prozent aller Aufrufe eines aufgezeichneten Spiels finden in den ersten 14 Tagen nach Erstausstrahlung statt. Auch das ist ein Wert, der Werbekunden anlockt und die Vermarktungschancen vergrößert.

Setzt sich der Trend zu Live-Übertragungen von Spielen und Turnieren fort wie bisher, könnte zudem eine komplett neue Industrie für Übertragungsrechte und Spieleserien neben Sport- und Musikübertragungen entstehen. Während heute Twitch-Übertragungen kostenfrei sind, könnten Top-Events wie Spiele-Weltmeisterschaften gegen Gebühr ausgestrahlt werden.

Erst vor wenigen Tagen hat Twitch, offenbar im Vorgriff auf die weitere Kommerzialisierung, seine Urheberrechtspolitik verschärft und blendet nun urheberrechtlich geschützte Musik aus. Zu den größten Profiteuren des Amazon-Deals gehört Y Combinator. Der Risikokapitalgeber hatte 2005 als einer der ersten Investoren überhaupt rund 50.000 Dollar in den Vorgänger von Twitch, Justin.tv, investiert. Jetzt ist Zahltag.

Kommentare (1)

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Frau Dagmar Kohlrausch

26.08.2014, 10:34 Uhr

Warum wird das ungehemmte Wachstum von Amazon, Google und Co. nicht endlich ausgebremst. Die Politik beschwert teilweise über zu große Marktmacht, lässt diese Unternehmen aber ungehemmt weiter wachsen.

WAS soll das?

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