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27.10.2015

18:40 Uhr

Analyse zur Telekombranche

Deutschland braucht einen Drachen

VonIna Karabasz

Europas Telekom-Konzerne blicken neidisch auf Google und Co. Doch eigene Angebote, die die heimische Kundschaft begeistern, sind Mangelware. Statt Preiskampf braucht die Branche wieder Innovationen. Eine Analyse.

Europäische Konzerne sollten ihren US-Rivalen wieder innovative Produkte entgegensetzen. Imago

Drachen gesucht

Europäische Konzerne sollten ihren US-Rivalen wieder innovative Produkte entgegensetzen.

DüsseldorfEin Vorstand eines deutschen Telekommunikationsanbieters erzählt gerne diese Geschichte. Früher habe man friedlich auf der Cashcow „SMS“ gesessen, als eine kleine Maus mit dem Namen WhatsApp erschien. Niemand habe ihr große Beachtung geschenkt – bis sich die Maus in einen Drachen verwandelt und die Cashcow aufgefressen habe. Seither suchen die Telekomanbieter einen Weg mit den mächtigen Gegnern umzugehen – bisher recht erfolglos.

Der Grund dafür scheint schnell gefunden. Auf der einen Seite müssen sich die Unternehmen gegen Dienste wie Facebook, Google oder Skype durchsetzen. Diese werden auch Over-the-Top-Spieler (OTTs) genannt, weil sie Dienste über das Internet anbieten, aber keine eigene Infrastruktur besitzen. Dabei belegen sie nicht nur die Netze, sie graben den Betreibern mit kostenlosen Kurznachrichtendiensten, Sprach- und Videotelefonie auch noch die Umsätze ab.

Doch wenn die Unternehmen versuchen, neue Einnahmequellen zu finden, schlägt ihnen der harte Wind der europäischen Regulierung ins Gesicht. Höhere Preise für Telefonieren im Ausland? Die EU hat die Roaming-Gebühren für Privatnutzer abgeschafft. Geld damit verdienen, einige Dienste schneller als andere durch ihre Netze zu schicken? Verstieß bisher gegen das Prinzip der Netzneutralität. Die Daten der Kunden stärker auswerten? Probleme mit dem starken europäischen Datenschutz.

Für Google und Co sei all das kein Thema, klagen die Telekomkonzerne. Sie müssten nicht in den teuren Breitbandausbau investieren. Gleichzeitig würden sie Telefonie-Dienste anbieten, ohne den gleichen Regeln wie Telekombetreiber zu unterliegen. Hiesige Anbieter müssen etwa garantieren, dass die Kunden auch mit Nutzern anderer Netze telefonieren können. Der Videochat Face Time hingegen funktioniert nur, wenn beide ein Gerät von Apple benutzen.

Fakten zur Telekom

Spitzenreiter in Europa

Die Deutsche Telekom ist mit einem Jahresumsatz von über 60 Milliarden Euro eines der größten europäische Telekommunikationsunternehmen. Der Konzern beschäftigt rund 220.000 Mitarbeiter. Größte Tochter mit mehr als 22 Milliarden Euro Umsatz ist Telekom Deutschland. Außerdem ist die Deutsche Telekom in 12 weiteren Ländern vertreten.

Ein Erbe der Bundespost

Hervorgegangen ist der Konzern aus der Deutschen Bundespost. Um das Staatsunternehmen wettbewerbsfähig zu machen, wurde es von 1990 an in die Geschäftsbereiche Telekom, Postdienst und Postbank aufgeteilt und schrittweise privatisiert. Seit 1995 ist die Deutsche Telekom eine Aktiengesellschaft.

Ein Global Player ...

Der erste Vorstandsvorsitzende Ron Sommer versuchte, den ehemaligen Staatsbetrieb mit Zukäufen in aller Welt zum „Global Player“ zu machen. Heute ist die Deutsche Telekom in 50 Ländern vertreten und erlöst mehr als die Hälfte ihres Umsatzes im Ausland.

... mit Hoffnung auf die USA

T-Mobile US tat sich gegen die Marktführer AT&T und Verizon lange schwer. Seit dem Zusammenschluss mit dem Wettbewerber MetroPCS und unter der Führung des CEOs John Legere, ist die Kundenzahl wieder deutlich gewachsen, der Umsatz ebenso. Allerdings stehen auch hohe Investitionen an.

AG mit Staatsbeteiligung

Bei mehreren Börsengängen nahm die Telekom Milliarden ein. Dennoch ist der Staat immer noch beteiligt: Die Staatsbank KfW und der Bund halten zusammen 31,7 Prozent der Anteile. Der Anteil der einst hofierten Privatanleger ist auf unter 15 Prozent gefallen, den Rest halten institutionelle Anleger.

Die hiesigen Anbieter fühlen sich von Gesetzen und Regulierung regelrecht gefesselt. So könne man den Kampf gegen die meist amerikanischen Internet-Supermächte nicht gewinnen, poltern sie lautstark und schüren die Angst europäischer Politiker vor einer zunehmenden globalen Bedeutungslosigkeit Europas. Besonders die großen Konzerne wie die Deutsche Telekom oder Vodafone wiederholen bei jeder Gelegenheit wie ein Mantra die Forderung nach gleichen Wettbewerbsbedingungen.

Das ist zunächst verständlich. Denn natürlich ist es richtig, dass die OTTs weniger strengen Regeln unterliegen. Dass sie mehr Geld mit Werbung verdienen können, weil sie nicht so stark auf Datenschutz achten müssen. Dass sie nicht in teure Netze investieren müssen. Dass sie ihre Konzernzentrale einfach an einen Ort legen können, der mit niedrigen Steuern lockt. Und so stimmen auch immer mehr Politiker in ihr Klagelied mit ein.

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