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06.02.2013

14:10 Uhr

Angebot

Türkischer Verleger will FR retten

VonJulian Mertens, Katrin Elger

Die Zukunft der 450 Redakteure der insolventen „Frankfurter Rundschau“ ist weiterhin ungewiss. Jetzt prescht ein türkischer Verleger mit einem neuen Angebot vor. Doch der Betriebsrat zeigt sich zurückhaltend.

Die Zukunft der 450 Redakteure der insolventen „Fankfurter Rundschau“ ist weiterhin ungewiss. dpa

Die Zukunft der 450 Redakteure der insolventen „Fankfurter Rundschau“ ist weiterhin ungewiss.

Wer kennt in Deutschland schon die türkische Tageszeitung "Sözcü"? Vermutlich nicht viele: Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund vielleicht noch - und die Redakteure der "Frankfurter Rundschau" ("FR"). Denn für die Journalisten könnte das türkische Blatt bald eine zukunftsweisende Rolle spielen. Herausgeber Burak Akbay will in den kommenden Tagen ein verbessertes Angebot für die insolvente deutsche Zeitung vorlegen. Bereits Ende vergangenen Jahres hatte Akbay sein Interesse bekundet. Er sehe eine wirtschaftliche Grundlage dafür, die „FR“ mit „mutigem Journalismus“ als landesweit bedeutende Zeitung zu erhalten, sagte der der Nachrichtenagentur dpa. Interessant sei auch das Onlinegeschäft der Zeitung.

Für die 450 Mitarbeiter der Frankfurter Rundschau setzt sich somit die Hängepartie der vergangenen Wochen fort. Wieder einmal. Insolvenzverwalter Frank Schmitt hatte bereits zwei Mal verkündetet, ihm würde das Geld ausgehen. Aber sowohl Ende Dezember als auch Ende Januar rafften sich die Gesellschafter auf, sagten weiteres Geld zu und erlaubten dem Insolvenzverwalter, die Verhandlungen fortzusetzen. Allerdings ist auch klar: Hunderte Stellen werden wegfallen, denn beide sowohl die FAZ als auch der türkische Verleger Akbay rechnen lediglich mit einer Rumpfredaktion. Fest steht, dass das erste Angebot aus der Türkei für den Insolvenzverwalter nicht akzeptabel war. Akbay zeigt sich nun entgegenkommend: Er kenne das Zeitung- und Druckereigeschäft, sagte er, sein Angebot sei zu niedrig gewesen. Deshalb lege er nun nach.

Der Betriebsratsvorsitzende der „FR“, Marcel Bathis, zeigte sich zurückhaltend: „Wir sind gespannt, was er zu bieten hat“, sagte er der dpa. Es wäre nach seiner Ansicht eine überaus überraschende Wendung, wenn doch noch mehr Arbeitsplätze gerettet werden könnten. Bathis forderte allerdings auch eine Entscheidung: „Wir sind es leid, diese emotionale Achterbahnfahrt mitzumachen und von Hoffnung in Hoffnungslosigkeit gestürzt zu werden.“

Die Zeitungskrise

Deutschland, Zeitungsland

Trotz aller Hiobsbotschaften aus der Medienbranche ist Deutschland immer noch ein Zeitungsland: Nach aktuellen Angaben des Bundesverbandes deutscher Zeitungsverleger (BDZV) gibt es hier 315 lokale und regionale Abonnementzeitungen, 10 überregionale Blätter sowie 8 Straßenverkaufszeitungen, vor allem die „Bild“.

Die Auflagen sinken

Doch die meisten Blätter verlieren von Jahr zu Jahr an Auflage. Im zweiten Quartal 2013 wurden pro Erscheinungstag 20,64 Millionen Tageszeitungen verkauft, wie aus einer Erhebung der IVW hervorgeht. Das sind rund 4 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Darin sind rund 0,38 Millionen E-Paper-Ausgaben enthalten. Bei den Wochenzeitungen zeichnet sich ein ähnlicher Trend ab: Die verkaufte Auflage sank um rund 20.000 auf 1,73 Millionen Exemplare.

Der Werbemarkt schwächelt

Die sinkende Auflage trifft die Zeitungen gleich doppelt: Zum einen sinken die Vertriebserlöse, wenn die Verlage den Verkaufspreis nicht anheben (was in den letzten Jahren aber viele getan haben). Zum anderen verdienen sie weniger mit den Anzeigen – deren Preis richtet sich nach der Reichweite. Während der Gesamtwerbemarkt 2012 um 0,9 Prozent schrumpfte, verzeichneten die Zeitungen einen Umsatzrückgang von 9,1 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro. Fürs laufende Jahr erwartet der Zentralverband der Deutschen Werbewirtschaft, dass die Verlage maximal eine schwarze Null erreichen.

Rubrikenmärkte wandern ins Netz ab

Mit Kleinanzeigen, Stellenausschreibungen und Autoanzeigen haben die Verlage jahrzehntelang gutes Geld verdient. Doch die Rubrikenmärkte sind weitgehend ins Internet abgewandert – viele der Portale gehören nicht Verlagen, sondern anderen Akteuren. Hier gibt es nur wenige Ausnahmen. Im Online-Geschäft sehr aktiv ist beispielsweise der Axel-Springer-Verlag, ihm gehören das Immobilienportal Immonet und das Stellenportal Stepstone.

Digitale Produkte gleichen Minus nicht aus

Die große Hoffnung auf den Verkauf digitaler Ausgaben hat sich bislang nicht erfüllt. Zwar verkaufen sich E-Paper immer besser, im zweiten Quartal 2013 waren es rund 380.000 Exemplare. Doch das ist zu wenig, um den Rückgang der Printauflage aufzufangen. Die Reichweite der Web-Portale steigt zwar, doch die Werbeeinnahmen gleichen das Umsatzminus nicht aus. Viele Verlage hoffen, mit Bezahlmodellen im Netz mehr Geld zu erwirtschaften.

Hoffnung auf die große Reichweite

„Gedruckt, online und mobil erreichen die Zeitungen aktuell ein Publikum, das so groß ist wie nie zuvor“, erklärt der BDZV. Auf diese Reichweite hoffen die Verleger. Als Chancen nennt der Verband das Digitalgeschäft, aber auch neue Geschäftsfelder wie Aus- und Weiterbildung oder Veranstaltungsmanagement. Allerdings haben viele Verlage mit diversen Sparrunden das Personal stark ausgedünnt – das erschwert die Umsetzung neuer Ideen.

Bezahlinhalte als Ausweg?

Immer mehr Verlage hoffen, mit Bezahlinhalten den Umsatz steigern zu können. Beim „metered model“, das etwa die „Welt“ verwendet, dürfen die Leser nur eine bestimmte Zahl an Artikeln kostenlos lesen – danach müssen sie ein Abo abschließen. Und die „Bild“ stellt nur einen Teil der Artikel kostenlos ins Netz, andere Beiträge bekommen nur zahlende Kunden zu sehen.

Die größeren Chancen hat bislang trotzdem die FAZ. Anders als vielfach berichtet soll die Rundschau aber nicht mit der konservativen Frankfurter Neuen Presse zu einem Lokalblatt geschrumpft werden, heißt es in Mitarbeiterkreisen. Ein überregionales Modell sei angedacht. Das Bundeskartellamt prüft das Angebot bereits. Die Wettbewerbshüter wollen klären, ob der Marktanteil der als linksliberal bekannten „Rundschau“ bei einem Verschwinden vom Markt ohnehin an die „FAZ“ fallen würde und ob es einen ernsthaften alternativen Käufer für die Zeitung gibt. Hier sieht Akbay seine Chance: „Ich glaube nicht, dass die Frankfurter ein Kartell wollen“, sagte er. Der Türke setzt auf den Erhalt des unabhängigen Unternehmens

Der deutsche Markt interessiert Akbay auch unabhängig von seinem Engagement für die "FR". Noch im Februar soll „Sözcü“ auch in Deutschland erscheinen. Die Konkurrenzzeitungen "Hürriyet", "Milliyet" und Zaman sind längst schon etablierte Blätter für die rund vier Millionen Türken hierzulande. Als der 42-Jährige Akbay noch über einen Druckauftrag in Frankfurt verhandelt habe, sei die Nachricht von der Insolvenz der „Frankfurter Rundschau“ gekommen.

„Sözcü“, zu deutsch "Wortführer", ist eines der wenigen Blätter, die nicht von der islamisch-konservativen AKP-Regierung auf Linie gebracht worden ist. 2007 erschien das regierungskritische Blatt mit zunächst 70 000 Exemplaren, inzwischen werden 300 000 Exemplare angepeilt. In den vergangenen Wochen tauchten zwar Gerüchte auf, "Sözcü" sei von der umstrittenen Fetullah-Gülen-Bewegung unterwandert, konservative Muslime, die großen Einfluss in der Türkei besitzen. Allerdings spricht schon der erste Blick auf die Seite der Onlineausgabe von "Sözcü" an diesem Mittwoch gegen die Theorie: Mit laszivem Blick schaut dem Leser eine halbnackte Catrina Darling entgegen, die Cousine von Herzogin Kate Middleton.

 

Kommentare (1)

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Numismatiker

06.02.2013, 14:46 Uhr

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