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27.11.2015

11:45 Uhr

Anonymous hackt IS

Potenzpillen statt Propaganda

Das Hackerkollektiv Anonymous bekämpft die Terrormiliz IS – auch mit Humor: Aktivisten haben eine Propagandaseite übernommen und darauf Werbung geschaltet, die den Islamisten nicht gefallen dürfte.

Aktivisten haben offenbar eine Website der Terrormiliz IS übernommen. Reuters

Hacker-Kollektiv Anonymous

Aktivisten haben offenbar eine Website der Terrormiliz IS übernommen.

DüsseldorfOb im Kampf um die Köpfe Humor hilft? Einige Hacker versuchen es damit zumindest. Anonymous-Aktivisten haben jüngst eine Website der Terrormiliz IS übernommen und darauf Werbung für eine Online-Apotheke platziert. Wer darauf klickt, landet auf Verkaufsseiten für das Potenzmittel Viagra und das Antidepressivum Prozac. Vielleicht, damit die Gotteskrieger auf andere Gedanken kommen?

Dass das nötig ist, daran ließ die Gruppe Ghost Sec keinen Zweifel. Sie ist lose mit Anonymous verknüpft und steckt hinter der Aktion. „Zu viel IS“, schrieb sie also in fetten Lettern auf die Seite, die inzwischen nicht mehr online ist. Und darunter: „Steigere deine Gelassenheit. Zu viele Leute wollen dieses IS-Zeug.“

Das Hacker-Netzwerk Anonymous

Name als Programm

Die Anonymous-Aktivisten wollen ihre Identitäten nicht preisgeben – daher der Name der Gruppe. Ihre Ursprünge liegen im Forum 4chan, wo jeder Nutzer anonym Bilder und Botschaften hinterlassen kann.

Maske als Markenzeichen

In den Videos von Anonymous ist immer die Maske von Guy Fawkes zu sehen, der 1605 ein Attentat auf den englischen König versuchte. In der Comicserie „V wie Vendetta“ tragen Männer im Kampf gegen ein faschistisches Regime seine Maske – das haben die Aktivisten aufgegriffen.

Keine Hierarchie

Anonymous ist keine feste Gruppe, sondern eine loses Kollektiv. Die Aktivisten finden sich spontan zu Operationen zusammen. Da jeder den Namen nutzen kann, ist es durchaus möglich, dass etwa auch Geheimdienste die Marke für sich nutzen.

Keine klaren Ziele

Die Anonymous-Aktivisten setzen sich für die Freiheit des Internets und gegen Zensur ein – weitere Ziele sind jedoch schwammig. Einige Operationen richten sich gegen rechtsextreme Websites, andere gegen die umstrittene Scientology-Organisation.

Im Visier der Ermittler

Anonymous bedient sich häufig mindestens umstrittener, teils eindeutig illegaler Mittel. In einigen Ländern stehen die Aktivisten daher im Visier der Strafbehörden, einige sind bereits zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden.

 

Der Alternativvorschlag: Man möge sich doch diese reizende Werbung anschauen. Das Banner verwies auf die Online-Apotheke Coin RX, in der man mit der Kryptowährung Bitcoin Medikamente kaufen kann. Vielleicht nicht ganz uneigennützig: Der britische „Independent“ geht davon aus, dass der Shop von den Hackern betrieben wird.

Wie viele Pillenpackungen die IS-Anhänger bestellt haben, ist nicht überliefert. Doch auch so haben die Aktivisten ihr Ziel erreicht: dem IS eine Plattform für seine Propaganda zu nehmen – und zu zeigen, dass man technisch überlegen ist. Die Website war im Darknet zu finden, einem Teil des Internets, den man nur mit bestimmten Anonymisierungs-Tools wie dem TOR-Browser erreichen kann. Die Macher hatten offenbar darauf gehofft, sich so gegen Angriffe schützen zu können. Vergeblich.

Anonymous ist mehr eine Idee als eine Organisation – jeder kann sich zu dem lockeren Verbund bekennen (oder auch versuchen, ihn für seine Zwecke zu instrumentalisieren). In den einschlägigen Foren finden sich Aktivisten kurzfristig zu Operationen zusammen. Was sie vereint, ist der Einsatz für die Freiheit des Internets und die Ablehnung von Zensur.

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Nach den Terrorangriffen in Paris hatte Anonymous dem IS den Krieg erklärt. Die Angriffe sind jedoch nicht zentral koordiniert. Ein Schwerpunkt liegt bislang darauf, Twitter-Konten löschen lassen, die mit dem IS in Verbindung stehen – die sozialen Medien dienen den Terroristen als Plattform für die Verbreitung von Propaganda. Dafür melden die Anonymous-Mitglieder die Adressen an das Unternehmen. Allerdings hat ein Twitter-Sprecher durchblicken lassen, dass diese Informationen nicht verlässlich seien.

Ghost Sec greift dagegen zu härteren Mitteln: Die Anonymous-Untergruppe hat Medienberichten zufolge bereits mehrere hundert Websites des IS übernommen. Wenn auch nicht immer auf so humorvolle Weise wie im aktuellen Fall.

Von

chk

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