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21.07.2017

06:34 Uhr

Apple, Qualcomm und das iPhone

Patentkrieg ist nicht mehr als Säbelgerassel

VonMichael Scheppe

Der Streit zwischen Apple und Qualcomm ist am Ende nur eine Machtdemonstration. Beide Firmen sind nur miteinander erfolgreich. Und das Verkaufsverbot, das der Chiphersteller anstrebt, muss der iPhone-Fan nicht fürchten.

Smartphone

Zehn Jahre iPhone – Wo steht Apple heute?

Smartphone: Zehn Jahre iPhone – Wo steht Apple heute?

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DüsseldorfSeit Januar liefern sich der Chiphersteller Qualcomm und Apple einen Rechtsstreit in den USA. Nun ist Qualcomm auch hierzulande vor Gericht gezogen. Das Ziel: Die Ausfuhr des neusten iPhones zu stoppen. Zum Hintergrund: Die Chips für Qualcomm sorgen in vielen Smartphones für Funkverbindungen. Der Konzern will erreichen, dass iPhones mit Chips des Konkurrenten Intel nicht verkauft werden können. Das stinkt Apple.

Doch der Konzern hatte schon vorab geklagt. Der Vorwurf: Qualcomm würde für seine Lizenzen zu hohe Gebühren verlangen. Gerade damit verdient der Chiphersteller aus San Diego einen wichtigen Teil seines Umsatzes. Qualcomm reagierte mit einer Gegenklage und warf Apple vor, Tatsachen zu verfälschen. Die Reaktion des iPhone-Herstellers: eine Ausweitung der Klage. Dabei bezeichnete Apple das Geschäftsmodell des Chipherstellers sogar als „illegal“.

„Da wird mit harten Bandagen gekämpft“, sagt Thomas Adam, Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz von der internationalen Wirtschafskanzlei Simmons & Simmons. „Beide Unternehmen verfolgen mit ihren Klagen Ziele, die über den konkreten Streit hinausgehen.“ Die Firmen seien nicht zuletzt PR-Profis und wollten nur die Bevölkerung von ihrer jeweiligen Ansicht überzeugen.

Die iPhone-Evolution

Von Modell zu Modell

Das erste iPhone im Jahr 2007 hat den Vormarsch der Smartphones angestoßen und nicht nur die Mobilfunk-Industrie umgekrempelt. Ein Überblick über die Entwicklung der Geräte von Modell zu Modell:

Das erste iPhone

Für das Jahr 2007 waren der große Touchscreen ganz ohne Tastatur und die Bedienung per Finger ein radikales Konzept, das die Smartphone-Revolution entscheidend anschob. Dabei verzichtete Apple bei der ersten Version sogar auf den schnellen UMTS-Datenfunk. (Quelle: dpa)

iPhone 3G

Ein iPhone 2 gab es nie – stattdessen kam im Sommer 2008 das iPhone 3G, was auf die Unterstützung des 3G-Standards UMTS hinwies. Das Aluminium-Gehäuse wurde durch eine Plastik-Schale ersetzt. Mit dem App Store öffnete Apple die Plattform für Programme verschiedener Entwickler.

iPhone 3GS

Mit dem Modell des Jahres 2009 führte Apple sein „Tick-Tock“-Prinzip ein, bei dem die iPhones alle zwei Jahre radikal erneuert werden und es zwischendurch ein „S“-Modell im unveränderten Design, aber mit aufgerüstetem Innenleben gibt. Das 3GS bekam eine bessere Kamera und einen schnelleren Chip.

iPhone 4

Das letzte Modell, das Gründer Steve Jobs noch selbst vorstellte. Das kantige Design des iPhone 4 mit einer gläsernen Rückwand war 2010 aufsehenerregend, zugleich häuften sich zunächst Berichte über Empfangsprobleme mit der Antenne am Außenrand.

iPhone 4S

Apple ließ sich 15 Monate Zeit bis Oktober 2011 mit einer Aktualisierung. Zu den Neuerungen gehörte neben technischen Verbesserungen die Sprachassistentin Siri.

iPhone 5

Während die Smartphones der Wettbewerber immer größer wurden, erweiterte Apple 2012 zunächst vorsichtig die Bildschirm-Diagonale von 3,5 auf 4 Zoll. Zugleich wurde das Gerät deutlich dünner gemacht und bekam wieder eine Aluminium-Hülle.

iPhone5S

Die wichtigste Neuerung im Herbst 2013 war der Fingerabdruck-Sensor zum Entsperren der Telefone. Zudem entwickelte Apple unter anderem die Kamera weiter.

iPhone 6

Erstmals entschied sich Apple 2014 für zwei neue Modelle mit deutlich größeren Bildschirmen mit Diagonalen von 4,7 und 5,5 Zoll. Der Schritt löste einen Absatzsprung aus, Apple kam monatelang der Nachfrage nicht hinterher. Die Geräte wurden abermals dünner.

iPhone 6S

Gleiches Gehäuse, bessere Technik – das reichte im Weihnachtsquartal 2015 knapp für den nächsten Absatzrekord von knapp 74,8 Millionen verkauften iPhones.

iPhone 7

Zum ersten Mal geht Apple ins dritte Jahr mit einem weitgehend unveränderten äußeren Design. Aber Apple verzichtete unter anderem auf die klassische Ohrhörer-Buchse zugunsten des digitalen „Lightning“-Anschlusses.

Dass Qualcomm jetzt in Deutschland klagt, zeigt, dass der Streit weiter eskaliert. Die Antwort dürfte nicht lange auf sich warten lassen. „Vermutlich hat Apple einen Gegenangriff auf die Klagepatente schon vorbereitet“, schätzt Adam. Eine Entscheidung darüber, ob iPhones mit Chips der Konkurrenz ausgeliefert werden dürfen, gibt es frühestens in einem Jahr.

Der mögliche Verkaufsstart des neuen Modells im Herbst ist also nicht gefährdet. Dass es überhaupt zu einem Gerichtsurteil und zu einem Verbot des Apple-Smartphones kommen wird, gilt zudem als unwahrscheinlich. „Ich gehe stark davon aus, dass es auf eine außergerichtliche Lösung hinauslaufen wird“, sagt Adam.

Erfolgsgeschichte iPhone

Der Anfang

Am 9. Januar 2007 stellte Apple-Gründer Steve Jobs der Welt das iPhone im Moscone Center in San Francisco erstmals vor. Am 29. Juni startete der Verkauf in den USA, am 9. November kam das Gerät in die deutschen Läden.

Der Buchstabe „i“

Der Produktname steht laut iPhone-Erfinder Jobs für „individual, instruct, inform and inspire“ (zu Deutsch: „individuell, anweisen, informieren und inspirieren“). Einige Beobachter sehen in dem „i“ aber auch ein „Ich“.

Rekord-Telefon

Mehr als 1,3 Milliarden Geräte hat der Hersteller aus Cupertino bislang verkauft. Im ersten Jahr lag die Absatzzahl laut Statista bei 1,39 Millionen, zuletzt setzte Apple 211,88 Millionen Stück ab. Im Boom-Jahr 2015 griffen sogar 231,22 Millionen Menschen zu. Mit seinem Erfolgsprodukt stieg Apple zur digitalen Supermacht auf und avancierte zum wertvollsten Konzern der Welt, gefolgt von dem Suchmaschinenanbieter Alphabet und dem Onlinekonzern Amazon.

Das Jubiläumsjahr

Im September 2017 wird die nächste Gerätegeneration erwartet. Fans hoffen auf neue Apple-Magie. Es vergeht kaum eine Woche ohne neue Gerüchte in den Technikmedien und Blogs. Ein Bildschirm mit randlosem Design und gebogenen Kanten ist im Gespräch, ebenso eine kabellose Ladefunktion, ein größerer Akku, dazu Zukunftstechnologien wie Augmented Reality, bei der digitale Zusatzinhalte ins Sichtfeld des Nutzers eingeblendet werden.

Die Marke

Apple glänzt wie eh und je. Seit vergangenem Jahr legte die Aktie um 56 Prozent zu, trotz leicht nachlassender iPhone-Verkäufe im vergangenen Quartal, als Apple „nur“ 50,8 Millionen Geräte absetzte. Die positive Entwicklung erklärte Apple-Chef Tim Cook auch mit der Vorfreude der Fans auf das neue iPhone.

Für die Kunden also ist der Patentkrieg nicht viel mehr als Säbelgerassel. „Der Gerichtsstreit dürfte an erster Stelle Mittel zum Zweck sein, um eine bessere Verhandlungsposition herauszuschlagen“, so Adam. Apple stört, dass Qualcomm die Lizenzgelder als einen prozentualen Anteil vom Gerätepreis haben will: Je teurer das Gerät ist, desto mehr Geld muss Apple bezahlen. Der Konzern aus dem kalifornischen Cupertino argumentiert, dass seine Innovationen die Geräte teuer machen, während der Wert der Kommunikationschips gleich bleibe. Qualcomm sieht das – natürlich – anders.

Die USA und Deutschland sind die wichtigsten Absatzmärkte für die Apple-Produkte. „Am Ende sind diese erfahrenen Spieler clever genug, den Bogen nicht zu überspannen“, sagt Fachanwalt Adam. Er glaubt, dass sich beide Parteien früher oder später an einen Tisch setzen und einen Kompromiss aushandeln: eine Lizenz, die für beide Parteien wirtschaftlich ist. Denn ein Ende der Zusammenarbeit würde beiden schaden. Apple braucht Qualcomm: Der Chiphersteller gilt als führend im Markt. Der Konkurrent Intel wäre für den Smartphone-Hersteller kein vollständiger Ersatz.

Noch mehr Neuigkeiten von Apple

iPad Pro

Apple hat die Leistung vieler Geräte verbessert. Der Hersteller zeigt zum Beispiel ein neues iPad Pro, das mit einer Höhe von 26 Zentimetern 20 Prozent größer ist als die Vorgängergeneration. Der Tablet-Rechner kann ein virtuelles Keyboard in 30 Sprachen darstellen und kommt in der einfachsten Version für 649 Dollar in den Verkauf.

iMac Pro

Die Desktop-PCs iMac Pro sind mit verbesserten Grafikkarten ausgerüstet und sollen komplizierte Rechenarbeiten rund um künstliche Intelligenz und virtuelle Realität bewältigen können. Apple musste sich zuletzt den Vorwurf gefallen lassen, professionelle Mac-Nutzer zu vernachlässigen, weil der für sie gedachte Computer Mac Pro seit 2013 nicht aktualisiert wurde.

Apple TV

Auch die Attraktivität von Apple TV will der Konzern steigern. Künftig flimmern Inhalte von Amazons Streaming-Service Prime über den Apple-Monitor.

Apple Pay

Mit dem Bezahldienst kann künftig auch Geld zwischen einzelnen Nutzern verschickt werden. Damit greift Apple das Geschäft von Paypal an.

Und umgekehrt ist Qualcomm auch auf Apple angewiesen: 30 Prozent des Unternehmensgewinns hängen am iPhone, schätzen Analysten. Was der Patentstreit für Auswirkungen hat, zeigen die US-Quartalszahlen von Qualcomm: Der Gewinn sank im Jahresvergleich um 40 Prozent, der Umsatz über zehn Prozent. Wegen des Konflikts bekommt der Chiphersteller derzeit keine Lizenzzahlungen von den Produzenten, die das iPhone für Apple zusammensetzen.

Dass Deutschland zum neuen Schauplatz des Patentkriegs wird, liegt daran, dass die Gerichte hierzulande kostengünstiger sind und schneller arbeiten als in den USA. In Amerika könnte es bis zu einer Entscheidung noch doppelt so lange dauern. Außerdem: „Das deutsche Gerichtssystem ist Patentinhabern gegenüber deutlich wohler gesonnen“, sagt Thomas Adam. „In Amerika ist das Klima zunehmend kritischer.“

Qualcomm dürfte das ähnlich sehen: „Deutschland hat ein besonders attraktives Rechtssystem für diejenigen, die an Rechte auf Eigentum glauben“, sagte Qualcomm-Chefjurist Don Rosenberg der Deutschen Presseagentur. Die Gerichte seien zudem bekannt für eine strikte Rechtsdurchsetzung. Zuletzt hatten sich hierzulande Apple und Samsung mit Klagen überzogen.

 

Bei der Klage, die in Mannheim und München eingereicht wurde, geht es unter anderem um ein patentiertes Verfahren, mit dem der Stromverbrauch eines Smartphones intelligent an die jeweils anliegende Aufgabe angepasst werden kann. Auch in den USA geht es um Patente, die das Smartphone nach Qualcomm-Angaben effizienter und leistungsstärker machen sollen. In Deutschland gibt es nach jahrelanger Pause wieder einen aufsehenerregenden Patentkonflikt.

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