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31.03.2013

09:20 Uhr

Attacke auf Amazon und Ebay

Google bringt jetzt auch die Brötchen

VonAxel Postinett

Google greift die großen Rivalen Amazon und Ebay frontal an: Der Webgigant will nun auch im Online-Handel mitmischen und startet einen eigenen Lieferdienst. Die Einkäufe der Kunden sollen am selben Tag geliefert werden.

In San Francisco bringen die Google-Lieferanten die Ware bereits an die Haustür. ap

In San Francisco bringen die Google-Lieferanten die Ware bereits an die Haustür.

„Guten Morgen, ich bin der Google-Mann, ich bringe das Frühstück.“ Der Webgigant unternimmt einen weiteren Anlauf, sein Geschäftsfeld in die reale Welt auszuweiten. Ein Lieferservice in San Francisco wird Google-Kunden noch am gleichen Tag ihre Einkäufe nach Hause bringen. Mit dem Schritt betritt der Suchmaschinenkonzern notgedrungen ein margenschwaches, aber hart umkämpftes Geschäftsfeld. Der Grund: Er will den E-Commerce nicht kampflos an Amazon und Ebay verlieren.

Adrett gekleidete Fahrer mit Google-T-Shirt und wendigen Stadtlieferwagen mit Google-Logo werden ab Sommer ausgewählten Kunden ihre Online-Käufe bei großen Ketten wie Target, Walgreens, Staples oder Office Depot frei Haus anliefern. Je mehr Partner, desto lieber, auf der Webseite von Google Shopping Express wirbt der Konzern aktiv um weitere Händler, die sich anschließen wollen. Für die Kunden soll der Service, zumindest derzeit, kostenfrei sein.

Googles wichtigste Geschäfte

Vielzahl an Produkten

Google Suche, Gmail, Google Maps, der Online-Speicher Google Drive, das Smartphone-Betriebssystem Android mit dem App-Store Google Play und, und, und: Die Liste der Google-Dienste wird immer länger. Und in seinen geheimen Labs arbeitet der Konzern an einem selbstfahrenden Auto oder Ballons, über die entlegene Gegenden mit Internet-Zugängen versorgen sollen.

Hochprofitable Suche

Wenn es aber um das Geldverdienen geht, ist Google vom Geschäft mit Online-Werbung abhängig. Fast 90 Prozent des Umsatzes stammen aus diesem Segment, ein Großteil aus der Internet-Suche. In der Bilanz wird sonst nur noch ein Segment mit dem wenig aussagekräftigen Titel „Other“ (Anderes) aufgelistet.

Android

Googles Betriebssystem Android dominiert den Smartphone-Markt. Es hilft dem Konzern, seine Dienste fürs mobile Internet zu verbreiten, sorgt mit dem Play Store mit Apps, Filmen und Musik aber auch für wachsende Einnahmen. Experten vermuten, dass diese den Großteil des „sonstigen“ Umsatzes ausmachen.

Google Appsl

Um sich aus der Abhängigkeit aus den Werbeeinnahmen zu befreien, hat Google in den vergangenen Jahren immer wieder Initiativen gestartet, etwa kostenpflichte Anwendungen für Firmen. Das Office-Paket Apps for Business und die E-Mail-Plattform sind Kernbestandteile der Geschäftskundenstrategie. Google Apps generiert Umsatz aus monatlichen Gebühren.

Google+

Soziale Netzwerke sind viele Internet-Nutzer zum ersten Anlaufpunkt im Internet geworden. Facebook ist hier mit Abstand die Nummer 1, Google will dem Marktführer mit Google+ Paroli bieten. Dass der Konzern den riesigen Abstand aufholt, ist allerdings unwahrscheinlich.

Cloud Computing

Ob Gmail, Google Docs oder Google Drive: Google-Dienste laufen nicht auf dem lokalen Rechner, sondern im Rechenzentrum. Der Konzern hat eine große Expertise in Sachen Cloud Computing, die er auch vermarkten will: Firmen können Rechenleistung oder Speicher bei dem Konzern mieten.

Chrome OS

Google will mit Chrome OS ein neuartiges Betriebssystem für Computer etablieren – es setzt voll aufs Internet und ruft Daten und Dienste aus der „Wolke“ ab. Mit dem System will das Unternehmen seine Produkte verbreiten. Bislang ist die Verbreitung von Chrome OS allerdings noch überschaubar.

Vorgemacht hat es Amazon. Der Amazon Prime-Service, der für eine einmalige Jahresgebühr von 79 Dollar unbeschränkte Frei-Haus-Lieferung innerhalb von zwei Tagen garantiert, ist ein großer Erfolg.

Morningstar-Analyst RJ Hottovy hält diese Premium-Kunden von Amazon nicht, wie oft gemutmaßt, für einen ein notwendigen Kostenfaktor, sondern für Ertragsperlen. Zusammen mit der Konsumenten-Organisation CIRP (Consumer Intelligence Research Partner) bringt der Analyst Licht ins Dunkel der Amazon Prime Customers. Der Beitrag dieser Kundengruppe werde von Investoren schlicht „nicht verstanden“, glaubt er. Aber offenbar hat ihn Google-CEO Larry Page schon verstanden.

Ende 2012 waren es laut Morningstar und CIRP-Erhebungen bereits zehn Millionen Amazon-Prime-Mitglieder und bis 2017 wird ein Anstieg auf 25 Millionen erwartet. Die Umsätze aus der Mitgliedschaftsgebühr sind dabei nur ein nettes Zubrot zur Kostendeckung. Der wahre Wert steckt in der Kaufbereitschaft. Premium-Kunden geben pro Jahr mit gut 1200 Dollar doppelt so viel wie der normale Amazon-Kunde aus, kaufen öfter und teurere Waren.

Das sind die Zahlen, die Google elektrisieren. Der Einstieg in den Online-Handel war bisher nur von mäßigem Erfolg gekrönt, und Amazon mit seinen Kindle-Tablets ist längst bevorzugtes Ziel der mobilen Online-Käufer.

Versteigerungsplattform: Ebay formuliert ehrgeizige Ziele

Versteigerungsplattform

Ebay formuliert ehrgeizige Ziele

Das Handelsvolumen soll von 75 Millionen Dollar im Jahr 2012 auf 110 Millionen im Jahr 2015 steigen.

Auch Ebay versteht den Wert der schnellen Lieferung für die Kundenbindung. Mitte 2012 hat das Unternehmen die Testphase von Ebay now in San Francisco gestartet, einer Plattform, bei der die Ware innerhalb von einer Stunde geliefert werden soll. Nun soll der Wirkungskreis nach New York auch bald auf Chicago und Dallas ausgeweitet werden, wie der Online-Händler auf seinem Analystentag jetzt bekannt gab.

Der lokale Lieferservice soll zudem fester Bestanteil des „Kauferlebnis“ werden. Dan Glasgow, Vice President für mobile & local bei Ebay verweist darauf, dass noch immer 90 Prozent aller Einkäufe in Läden und nicht online getätigt werden. Und 75 Prozent der Einkäufe würden im Umfeld von 15 Meilen um den Wohnort stattfinden. Ein lokaler Lieferservice zur Kundenbindung bekommt so einen ganz neuen Stellenwert.

Aufstieg mit Schattenseiten: Wie funktioniert Amazon?

Wie fing Amazon an?

Jeff Bezos gründete amazon.com im Jahr 1995. Den deutschen Ableger amazon.de gibt es seit 1998. Groß wurde das Unternehmen mit dem Versand von Büchern, Videos und Musik-CDs. Seit dem Jahr 2000 können auch fremde Händler ihre Produkte bei Amazon anbieten. Mittlerweile macht der Konzern mit Sitz in Seattle zwei Drittel seines Umsatzes mit Waren wie Computern, Digitalkameras, Mode oder Lebensmitteln. Amazon ist auch einer der Vorreiter bei elektronischen Büchern sowie Musik- und Video-Downloads. Zweites großes Standbein neben dem Handel sind die Webservices mit dem Cloud Computing.

Wie konnte der Konzern so mächtig werden?

Amazon fährt eine riskante Wachstumsstrategie: Der Konzern lockt die Kunden mit günstigen Preisen sowie einer schnellen und vielfach kostenlosen Lieferung. Zudem investiert er kräftig, in die Versandzentren wie auch in die Entwicklung neuer Technologie. Dieser Wachstumskurs hat jedoch eine Kehrseite: Die Gewinnmargen sind eher dünn. 2012 machte Amazon einen Verlust von 39 Millionen Dollar. Im Jahr 2013 blieben unterm Strich 274 Millionen Dollar (204 Millionen Euro) – bei einem Nettoumsatz von 74,45 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Wie relevant ist der deutsche Markt?

Es ist der größte Auslandsmarkt. 2012 setzte Amazon hierzulande 8,7 Milliarden Dollar um, umgerechnet sind das derzeit etwa 6,5 Milliarden Euro. Damit lag Deutschland noch vor Japan mit 7,8 Milliarden Dollar und Großbritannien mit 6,5 Milliarden Dollar. Der wichtigste Markt überhaupt ist allerdings Nordamerika mit 34,8 Milliarden Dollar. Amazon wuchs in seiner Heimat zuletzt auch deutlich schneller als im Ausland.

Wie wichtig ist Amazon für Deutschland?

Gemessen am Einzelhandelsumsatz insgesamt ist die Rolle von Amazon überschaubar. Etwa 1,5 Prozent trägt Amazon zum Branchenumsatz von fast 428 Milliarden Euro bei. Das meiste sind jedoch Lebensmittel. Betrachtet man den Online-Handel von Unterhaltungselektronik bis hin zu Büchern, sieht die Sache ganz anders aus: Amazon hält hier fast ein Viertel des Marktes.

Wie ist der Konzern aufgestellt?

In Deutschland unterhält das Unternehmen Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim, Brieselang und Koblenz. Dort arbeiten nach Auskunft von Amazon etwa 10.000 fest angestellte Vollzeitmitarbeiter. In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft kommen in jedem dieser Zentren Tausende Saisonkräfte hinzu. Weltweit arbeiteten 124.600 Mitarbeiter (Stand: März 2014) im Unternehmen.

Der defensive Zug von Googles Aktion ist für Analysten wie Rob Enderle von der Enderle Group dementsprechend kaum übersehbar. „Amazon hat tiefe Furchen durch die Einzelhandelslandschaft gezogen“, erklärt er gegenüber der Silicon Valley-Zeitung Mercury News, „und drückt mit seinen Tablets immer stärker in Google-Terrain. Das ist nun so ein 'wie du mir, so ich dir'“. Aber nicht nur die die Online-Konkurrenten halten dagegen: Einzelhändler wie Wal Markt bieten mittlerweile ebenfalls Lieferdienste an, um ihre Kunden bei der Stange zu halten.

Laut Google-Blog können sich die Käufer mehrere Zeitfenster für den Lieferzeitpunkt auswählen. Waren, die bis spätestens 17 Uhr bestellt werden, sollen nicht später als 21 Uhr beim Kunden sein. Die Lieferungen werden direkt vom nächstgelegenen Ladengeschäft aus erfolgen. Das umgeht das Problem von großen, kostenintensiven Logistik-Zentren und Lagerhäusern, wie Amazon sie betreibt.

Die endgültige Preisgestaltung steht noch nicht fest, so Googles Produktmanager Tom Fallows, aber die Tester im Silicon Valley werden zunächst einmal einen sechsmonatigen kostenlosen Dienst erhalten. Der Lieferdienst, so er einmal landesweit ausgedehnt wird, könnte auch einen deutlichen Schub für Googles Zahlungssystem Wallet bedeuten.

Der gesamte Einzelhandel, ohne Autoverkäufe, Restaurants und Tankstellen, wird nach Schätzungen der National Retail Federation in den USA dieses Jahr um 3,4 Prozent wachsen, der Onlinehandel um neun bis zwölf Prozent.

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