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22.05.2015

16:00 Uhr

Auf den Spuren von Facebook

Mark Zuckerberg, das Phantom

VonBritta Weddeling

Ein halbes Jahr lang versuchte unsere Korrespondentin, mit Mark Zuckerberg zu sprechen. Dabei lernte sie viel über den Star und seinen Konzern, aber auch über eine Gesellschaft kritikloser User – und sich selbst.

Der chinesische Künstler Zhu Jia bat 2013 Bekannte und Freunde um Porträts von Mark Zuckerberg. Das kam dabei heraus. Picture Alliance

Bilder einer Ausstellung

Der chinesische Künstler Zhu Jia bat 2013 Bekannte und Freunde um Porträts von Mark Zuckerberg. Das kam dabei heraus.

San FranciscoAls ich am 9. Oktober des vergangenen Jahres erwachte, hatte ich die dumpfe Ahnung, dass sich mein Leben ändern würde. Ich solle doch bitte mal ein Interview mit Mark Zuckerberg anleiern, bat meine Düsseldorfer Handelsblatt-Zentrale. Ich lachte in mich hinein. Ich und Zuckerberg? Bei Facebooks Gründer und Vorstandschef kamen höchstens die ganz großen US-Medienhäuser zum Zug … wenn überhaupt.

Die erste Regel für ein Interview mit Mark Zuckerberg lautet selbst für die meisten von denen: Es gibt kein Interview mit Mark Zuckerberg. Aber warum eigentlich? Das wurde meine erste Frage. Die zweite lautete zwangsläufig: Warum nehmen das alle einfach so hin? Und was sagt das über die gesamte Technologie-Branche, die doch von Kommunikation und Transparenz lebt?

Tatsächlich sollte die Recherche in den nächsten Monaten durchaus turbulent werden. Im Facebook-Hauptquartier würde es mit einer Empfangsdame fast zu Handgreiflichkeiten kommen. Ich würde Zuckerberg vor seinem neuen Anwesen auflauern. Ich würde mit Konzern-Mitarbeitern und -Deserteuren 61 Tassen Kaffee trinken, eine Flasche Weißwein und zwei Glas Rum leeren. Und ich würde 6,3 GB Speicherplatz in meiner iCloud füllen mit Recherche-Dokumenten und Fotos aller Art, 238 Mails sowie 71 SMS verfassen sowie meine Mutter zweimal am Telefon abwürgen in Momenten, da ich Zuckerberg fast schon zum Greifen nah haben sollte. Aber vielleicht sollte man’s der Reihe nach erzählen.

9. Oktober

16.18 Uhr: Alles beginnt mit einer höflichen Mail an Facebooks Pressecrew – „Liebe Arielle und Sophie“ – in Menlo Park: „Ich interessiere mich für ein Interview mit Mark Zuckerberg. Hoffentlich können Sie mir da weiterhelfen. Gibt es eventuell eine Veranstaltung in der nächsten Zeit, bei der ich ihn treffen könnte? Können Sie mir irgendeinen Hinweis geben, wie ich mit ihm oder seinem Management in Kontakt treten kann? Vielen Dank und beste Grüße, Britta.“ Das Übliche. Man kann’s ja mal versuchen.

Facebook in Zahlen

Tägliche Nutzer

Im Dezember 2015 griffen jeden Tag 1,04 Milliarden Nutzer auf den Facebook-Dienst zu, davon 934 Millionen von mobilen Geräten wie Smartphones und Tablets.

Quelle: das Unternehmen.

Monatliche Nutzer

Pro Monat waren es im Dezember 2015 1,59 Milliarden Nutzer bei Facebook aktiv, 14 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Videos

Täglich werden über vier Milliarden Videos auf der Facebook-Plattform abgerufen.

Kurznachrichten

Nutzer von Facebook-Apps verschicken täglich 45 Milliarden Kurzmitteilungen. Dem Konzern gehört neben dem Facebook Messenger auch der Dienst WhatsApp.

Instagram

Die Foto-Plattform Instagram wird jeden Monat von 400 Millionen Nutzern besucht.

10. Oktober

10.26 Uhr: „Hi Britta, vielen Dank für die Anfrage. Leider können wir dir bei deiner Anfrage derzeit nicht weiterhelfen. Bitte komm gern bei späterer Gelegenheit wieder auf Mark und Facebook zurück. Best, Arielle.“ Der letzte Satz gehört zu den Floskeln des amerikanischen Personalwesens und wird standardmäßig benutzt, um einen Job-Bewerber abzulehnen. Übersetzt bedeutet er in etwa: Vergiss es, vergiss alles!

Meine Reise durch das Netzwerk von Facebook hat gerade erst begonnen, da kommt mir der Konzern schon wie ein Kaninchenbau vor. Egal durch welchen Tunnel, mit welcher Wendung oder Dringlichkeit ich meine Anfrage losschicke, ich werde höflich begrüßt, von Kontakt zu Kontakt gereicht, in Cc und Bcc gesetzt, bis ich selbst nicht mehr weiß, wo oben und wo unten ist.

„Ganz vielen Dank dafür, dass du uns kontaktiert hast – hoffentlich können wir behilflich sein“ (Mike Buckley, Vice President, Global Business Communications). „Vielen Dank für deine E-Mail und großartig, dich kennenzulernen. Ich habe von deiner Geschichte schon durch Tina gehört – Ich gehe davon aus, dass du mit ihr bereits in Kontakt stehst? Tina und ich werden darüber sprechen und uns so schnell wie möglich zurückmelden.“ (Debbie Frost, Vice President, International and Policy Communications) „Wir haben das Interesse registriert – natürlich :) und das ist toll und wir werden auf dich zurückkommen, wenn es dafür eine Möglichkeit gibt.“ (Tina Kulow, Director Corporate Communications Northern Europe, Benelux). Ich habe in dieser Angelegenheit nie wieder etwas von Arielle, Sophie, Mike, Debbie oder Tina gehört.

19. Oktober

18 Uhr: Ich starre auf mein Facebook-Profil und ärgere mich. Zuckerberg, der Mann hinter all den Sprechblasen, wird immer rätselhafter. Dabei erzähle ich ihm doch ständig von mir! Er weiß, dass ich 17 Kilometer manchmal unter 90 Minuten laufe, dringend zum Friseur muss und alle Folgen der dritten Staffel von „House of Cards“ an einem Wochenende geguckt habe.

Natürlich hat mich niemand zum Mitmachen gezwungen. Ich bin gerne bei Facebook, so wie die anderen 1,4 Milliarden Nutzer auch. Ich kann dort gratis mit meinen Freunden chatten, telefonieren und sehen, was meine Bekannten so machen. Insgeheim weiß ich natürlich, dass nichts im Leben kostenlos ist. Mark Zuckerberg investiert viele Millionen Dollar in eine riesige Server-Infrastruktur. Damit sich das für ihn rechnet, kassiert er Geld von Werbekunden. Die bezahlen ihn dafür, dass sie auf Facebook so perfekt auf meine Bedürfnisse zugeschnittene Anzeigen schalten können.

Zuckerberg kennt mich. Aber ich kenne Zuckerberg nicht. Als Datenlieferant bin ich sein Produkt. Es ist, als würde ein VW-Golf um ein Interview mit dem Volkswagen-Chef nachsuchen.

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