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26.01.2015

10:15 Uhr

Axa-Gründungsstudie

Der Mittelstand schlägt die Zuckerbergs und Musks

VonLisa Hegemann

Unternehmensgründer in Deutschland genießen mehr Anerkennung als ihre Kollegen in den USA. Eine Studie zeigt, dass auch das Potenzial für mehr Start-ups da ist – wäre da nicht die Angst vor dem Scheitern.

Wer in Deutschland gründet, genießt ein höheres Ansehen als in den USA, zeigt eine Umfrage. dpa

Wer in Deutschland gründet, genießt ein höheres Ansehen als in den USA, zeigt eine Umfrage.

DüsseldorfGründer stoßen in Deutschland auf mehr Anerkennung als in den USA. Jeder zweite Bundesbürger gibt an, dass jemand, der sein eigenes Unternehmen aufgebaut hat, hierzulande mehr Ansehen genießt als ein Angestellter. In den Vereinigten Staaten glaubt das nur gut jeder Dritte (38 Prozent). Das ist das Ergebnis einer Gründungsstudie im Auftrag der Axa-Versicherung. Für die repräsentative Untersuchung wurden rund 1000 Deutsche und rund 1100 US-Amerikaner befragt.

Dass der Unterschied zwischen Deutschen und US-Amerikanern so deutlich sei, habe überrascht, sagte Axa-Vorstand Thilo Schumacher dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). „Wenn man an Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg oder Tesla-Gründer Elon Musk denkt, müsste das Ergebnis eigentlich umgekehrt sein.“ Den Grund für den positiven Blick auf Gründer in Deutschland sieht Schumacher im Mittelstand. „Die deutsche Unternehmenskultur schlägt das Popstartum in den USA“, so der Manager.

Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten sind die Deutschen zwar eher gründungsavers. Lag die Rate der Existenzgründungen in den Vereinigten Staaten 2013 bei 9,2 Prozent, waren es in der Bundesrepublik gerade mal 3,1 Prozent. Das belegen Daten des Global Entrepreneurship Monitor (GEM). Die Existenzgründungsrate zeigt an, wieviel Prozent der 18- bis 64 Jährigen ein Start-up gegründet haben oder dort involviert sind. Trotz der niedrigen Werte trauen sich 44 Prozent der befragten Bundesbürger zu, ein Unternehmen aufzubauen. In den Vereinigten Staaten gaben dies 42 Prozent der Studienteilnehmer an.

Gründer: Diese Fallstricke sollten Sie meiden!

Herdentrieb als Bremse

Möchte kein Teammitglied von der gemeinsamen Meinung abweichen, weil die persönliche Bindung zueinander besonders hoch ist, kommt es laut Thorsten Reiter zum gefährlichen Herdentrieb; dieser führt zu äußerst schlechten Entscheidungsfindungen, da Ideen nicht mehr hinterfragt und keine Vorschläge gemacht werden, die den Status quo gefährden. Als Lösung rät der Experte, dessen Buch „Start up – Jetzt! Endlich loslegen und es richtig machen“ gerade im Campus-Verlag erschienen ist, eine Person zu bestimmen. Deren Aufgabe ist es dann, die Vorschläge der anderen auseinander zu nehmen. Reiter: „Wenn diese Person oder Gruppe regelmäßig ausgetauscht wird, kann sich das Team so langsam aus dem Herdensumpf herausbewegen.“

Die richtigen Leute zur falschen Zeit

Thorsten Reiter empfiehlt, besonders erfahrene Personen nicht unbedingt schon in der Gründungsphase ins Boot zu holen. Sie sind nicht nur teurer, aufgrund ihres großen Erfahrungsschatzes, sondern bedeuten auch eine Verschwendung von Potential. Warum? „Oft sind sie es gewohnt, bereits existierende Strukturen zu verbessern, Prozesse zu optimieren oder in neue Märkte zu expandieren, so Reiter. „Demotivation und Produktivitäsverlust können die Folge sein.“

Soziale Hierarchien

Werden Ideen und Ansätze nicht nach objektiven Kriterien beurteilt, sondern basierend auf der sozialen Stellung des Vorschlagenden im Team, kann das unterm Strich genauso schädlich sein wie der Herdentrieb. Der Experte rät, die in „Aussätzigen“ und in Ungnade gefallenen Personen im Team gezielt zu reintegrieren. Reiter: „Am besten ist dies möglich, indem du dir die Unterstützung des Hierachieobersten im sozialen Gefüge sicherst und diesen die soziale Rehabilitation des Aussätzigen übernehmen lässt.“

Unausgeglichene Kompetenzen

Konzentrieren sich Gründer beim Besetzen ihrer Teamrollen zu sehr auf die eigenen Kompetenzen und den eigenen fachlichen Hintergrund, kommt es laut Reiter zu „Gründerteams voller Techie-Geeks oder Banden von Sales-Haien, deren Unternehmen und Produkte es niemals auf den Markt schaffen werden, geschweige denn im Markt bestehen können.“ Helfen könnten hier vor allem Mentoren, die tote Winkel in der Wahrnehmung von Kompetenzlücken aufdecken und eventuell sogar bei der Einschätzung vielversprechender Kandidaten helfen.

Schnäppchen auf dem Arbeitsmarkt

Eine weniger gut ausgebildete Arbeitskraft wird doch die simple Aufgabe ausreichend erledigen können? Falsch gedacht, sagt Thorsten Reiter. „Egal ob es sich um ein Unternehmen der Serviceindustrie, Gastronomie oder um die Herstellung eines Produkts handelt: Gerade die ersten Mitarbeiter können zwischen Wachstum und damit Erfolg auf der einen sowie Insolvenz und damit Misserfolg auf der anderen Seite entscheiden.“ Machen Sie also zu Beginn keine Schnäppchen beim Humankapital – es zahlt sich einfach nicht aus.

Fazit

Sie wollen nicht eines Tages einer Meuterei zum Opfer fallen? Dann setzen Sie sich frühzeitig mit diesen Komponenten im eigenen Team, aber auch bei Kunden und Partnern auseinander. Reiter: „Immer wenn es um die menschliche Komponente des Business geht, lernen auch erfahrenste Geschäftsleute nie aus.“

Auch Frauen würden in der Bundesrepublik eher eine Gründung wagen (39 Prozent) als ihre Kolleginnen in den Vereinigten Staaten (32 Prozent). Allerdings liegt der weibliche Anteil noch deutlich unter dem deutschen Gesamtdurchschnitt von 44 Prozent. Dass die Bundesbürger trotzdem seltener gründen als die US-Amerikaner, liegt auch an den hierzulande vergleichsweise großen und attraktiven Absicherungen für Angestellte, „die aufzugeben ungleich schwerer fällt als in den USA“, glaubt Thilo Schumacher.

Denn obwohl das Potenzial da ist, sorgen sich viele Deutsche um ihre finanzielle Sicherheit. 72 Prozent gaben an, dass fehlendes Kapital Hemmnisse für Unternehmensgründungen seien. 70 Prozent sehen auch im bürokratischen Aufwand eine Hürde.

Mehr als jeder Zweite (54 Prozent) hat zudem Angst vor dem Scheitern. Bei den Befragten in den USA waren diese Sorgen deutlich seltener vertreten. „Die positive Kultur des Scheiterns haben wir noch nicht gelernt“, sagt Schumacher.

Vier von fünf Befragten in der Bundesrepublik wünschen sich wohl auch deshalb Kooperationen zwischen neugegründeten und etablierten Unternehmen, wie die Untersuchung zeigt. Da ist es nur passend, dass die Axa-Versicherung im Oktober selbst einen sogenannten Innovation Campus gegründet hat, mit dem sie versicherungsnahe Start-ups unterstützen will. Die Frage, ob die Studie diesen bewerben solle, verneinte die Versicherung.

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