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30.03.2012

10:00 Uhr

Axel-Springer-Porträt

Wie die Bild-Zeitung groß wurde

VonHans-Peter Siebenhaar

Axel Springer ist der Erfinder der Bild-Zeitung. Der Wirtschaftshistoriker Tim von Arnim hat mit dem Leben und Wirken des Verlegers auseinandergesetzt - und so manches Geheimnis auch über die Bild-Zeitung gelüftet.

Der Verleger Axel Springer begutachtet ein Exemplar der „Bild“-Zeitung. picture-alliance

Der Verleger Axel Springer begutachtet ein Exemplar der „Bild“-Zeitung.

FrankfurtAm 11. Dezember 1945 war es so weit. Von der Informationskontrolle der britischen Militärregierung erhielten die beiden Antragsteller Axel Springer und sein Vater Heinrich die Lizenzurkunde zum Drucken von Büchern unter strengen Auflagen. Der damals leitende britische Presseoffizier, Major Barneston, nickte das Vorhaben ab. Es war eine Lizenz zum Gelddrucken. Denn der Hunger nach Lesbarem nach zwölf Jahren Nazi-Diktatur war riesig. Und Axel Springer? Der Verlegersohn konnte endlich die im Krieg eingelagerten Bücher verkaufen und selbst Werke drucken. Sein erstes verlegerisches Projekt: ein Abreißkalender mit dem fast schon programmatischen Titel „Besinnung. Ewige Worte der Menschlichkeit“. Auflage 6000 Exemplare.

Weder der britische Presseoffizier noch die Käufer des Abreißkalenders ahnten, dass damit die Grundlage eines Zeitungs- und Zeitschriftenimperiums gelegt wurde, das seinesgleichen sucht. Tim von Arnim begibt sich in seiner Doktorarbeit, die unter dem Titel „Und dann werde ich das größte Zeitungshaus Europas bauen“ beim Frankfurter Campus-Verlag erschienen ist, auf die Spur des Unternehmers Axel Springer. Das ist kein einfaches Projekt. Denn keinem Medienunternehmer vor und nach ihm wurde so viel Hass und Bewunderung zuteil. In den sechziger Jahren spaltete er die bundesrepublikanische Gesellschaft. Die „Bild“, Europas größte Zeitung, wurde zum medialen Hassobjekt einer jungen Generation. Der Homo politicus Axel Springer wurde ausführlich analysiert, kommentiert und beschrieben. Der Unternehmer hingegen blieb immer unscharf. Das ändert sich nun mit dieser Unternehmerbiografie.

Die Geschichte der Bild-Zeitung

Der Vater der Bild-Zeitung

Axel Springer hatte ein großes Ziel: Er wollte "das größte Zeitungshaus Europas" schaffen - und es gelang ihm. Streitbar war der Verleger der Bild-Zeitung immer, aber besonders Ende der 60er-Jahre. Der Historiker Tim von Armin hat Springers Leben in seiner Biografie "Und dann werde ich das größte Zeitungshaus Europas bauen" (Campus Verlag) festgehalten. Es folgt der spannende Teil über die Einführung der Bild-Zeitung.

Die Vorbilder

Inspiriert wurde Axel Springer von der Hamburger Morgenpost und dem britischen Daily Mirror. Beide zielten auf die Psyche des Ins-Büro-Fahrenden, wie Springer es ausdrückte. Damals war es ungewöhnlich, dass Tageszeitungen auf dem Weg zur ARbeit erworben wurden.

Die Idee

Axel Springer persönlich war die treibende Kraft der Bild-Zeitung. Viele Details der Gründungsphase sind nur spärlich überliefert. Die Idee war von Beginn an eine am Morgen erscheinende, niedrigpreisige Boulevardzeitung. Vorbilder gab es nicht nur im Ausland ...

Die Preis-Strategie

Die Bild-Zeitung sollte der Preisführer unter den deutschen Zeitungen und schon für zehn Pfennig zuhaben sein. Das entspricht dem Bestreben, die Bedürfnisse der breiten Bevölkerung zu erfüllen. Hier sah Springer ein enormes Absatzpotenzial.

Wie es zu nackten Frauen kam

Natürlich gab es das Seite-1-Mädchen (übrigens jüngst in den Innenteil verbannt) damals noch nicht. Aber klar war von Beginn an, dass der Name "Bild"-Zeitung kein Zufall war. Springer war fasziniert von der fortschrittlichen anglo-amerikanischen Presse und der konsequenten Betonung visueller Effekte.

Das Logo

Die vier dicken Buchstaben gibt es noch heute. Entworfen hat das Logo der Werbegrafiker Günther T. Schultz, ein langjähriger Freund Springers. Über den vier Lettern stand "10 Pfg" und darunter Zeitung".

Die Seite Eins

Die erste Seite 1 der Bild-Zeitung sah völlig anders aus als heute. Sie bestand ausschließlich aus Fotos und Unterzeilen. Plus natürlich die dicke Überschrift. Die Fotos waren schwarz-weiß und entsprechend groß. So sollte die Wirkung der Bilder voll zur Geltung kommen.

Kritik daran gab es im Verlagshaus durchaus. Doch Springer setzte sich durch gegenüber der Meinung, dass eine Seite 1 nicht nur aus Bildern bestehen könne.

Die Einführung der Bild-Zeitung

Die Druckkosten-Kalkulation gab es im Oktober 1951. Es folgten viele Gespräche mit führenden Verlagsvertretern. Die erste Ausgabe hielten Leser am 24. Juni 1952. Die erste Auflage lag bei 500.000 Exemplaren. Sie wurden kostenlos in Hamburg verteilt.

Springer nutzt die kurz darauf beginnenden Olympischen Spiele in Helsinki, da gerade zu dieser Zeit das Informationsbedürfnis der Leser besonders hoch war.

Erhebliche Startschwierigkeiten

Ein Erfolgsmodell von Beginn an war die Bild nun wahrlich nicht. Trotz der vielen Bilder auf der Seite 1 und den boulevardesken Inhalten inklusive der Sinnsprüche und der berühmten Kolumne "Hans im Glück" war das Interesse am ersten Verkaufstag (25. Juni 1952) gering. Bis Ende 1952 lag die durchschnittliche verkaufte Auflage bei 165.000 Exemplaren und es war keine Besserung in Sicht.

Die Wende

Axel Springer hielt aber an seinem Vorhaben fest - ließ aber mit sich reden. Umfang und Bedeutung der Textelemente wurden erhöht. Im Januar 1953 sagte Springer: "Wir müssen mehr Text machen." Es folgte ein experimenteller Prozess. (Wenig) Sex und (viel) Crime machten den wesentlichen Teil aus. Bis 1958 wuchs die Zahl der Redakteure von einer Handvoll auf über 100.

Der Durchbruch

Der Erfolg setzte nach rund einem Jahr ein. Neben der redaktionellen Umgestaltung halfen auch Verbesserungen beim Vertrieb. Im September 1953 wurden erstmals über eine Million Exemplare verkauft. Ein Jahr später war die Bild Europas größte Tageszeitung.

Springers Rückzug

Nach dem Durchbruch der Bild zog sich Axel Springer aus dem redaktionellen Tagesgeschäft zurück. Prägende Chefredakteure werden in den kommenden Jahren Rudolf Michael, Peter Boenisch und Günter Prinz.

Tim von Arnim war bei seinen Recherchen privilegiert. Denn er hatte uneingeschränkten Zugang zum Unternehmensarchiv der Axel Springer AG und zudem auch noch zum Privatarchiv des Verlegers. Verlegerwitwe Friede Springer unterstützte das Forschungsvorhaben. Monatelang wühlte sich der Wirtschaftshistoriker in Berlin durch das opulente Material.

Das Ergebnis der wissenschaftlichen Arbeit ist spannend. Detailliert seziert von Arnim beispielsweise die Geburt der „Bild“ am 24. Juni 1952. Axel Springer ließ sich für die erste Ausgabe der damals vierseitigen Zeitung mit den großen Buchstaben von damals modernen Boulevard-Blättern in Großbritannien und in den USA inspirieren. „Seit Beginn seiner verlegerischen Tätigkeit war Springer fasziniert von der fortschrittlichen angloamerikanischen Presse, besonders vom modernen massenwirksamen Journalismus, der konsequenten Betonung visueller Effekte, den kreativen Werbemaßnahmen und der innovativen Drucktechnik“, resümiert von Arnim. Der britische „Daily Mirror“ war damals das Vorbild für den charismatischen Medienunternehmer. Dankenswerterweise ist in dem Buch auch die Erstausgabe der „Bild“ abgedruckt. Überraschend: Noch heute scheint sie in ihrer Visualität seltsam modern. Auf dem Titelblatt oben prangt ein ernster Winston Churchill, darunter ein brutales Bild von Rassenunruhen in Südafrika flankiert von einer Hollywood-Schönheit und einem küssenden Olympia-Sieger Paul Falk. Der Mix für die Massen stimmte von Anfang an.

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