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20.09.2013

18:00 Uhr

Ballmer resümiert

Microsoft hat das Smartphone verschlafen

Der scheidende Microsoft-Chef Steve Ballmer zieht kurz vor Ende seiner Amtszeit ein Fazit. Das könnte schlechter ausfallen – aber auch wesentlich besser. Indes läuft die Suche nach seinem Nachfolger weiter.

Steve Ballmer hatte im Jahr 2000 Bill Gates an der Microsoft-Spitze abgelöst. Reuters

Steve Ballmer hatte im Jahr 2000 Bill Gates an der Microsoft-Spitze abgelöst.

BellevueKurz vor seinem Abgang als Microsoft-Chef blickt Steve Ballmer selbstkritisch zurück und gesteht Fehler ein. Anfang des letzten Jahrzehnts sei der Software-Konzern so auf Windows konzentriert gewesen, dass man sich zu wenig um „eine neue Geräteklasse namens Telefon“ gekümmert habe. „Das ist wohl die Sache, die ich am meisten bedauere“, sagte Ballmer am Donnerstag auf einem Analystentreffen des Konzerns.

Das Versäumnis wiegt nach Ansicht von Ballmer umso schwerer, da Microsoft seine Energie damals in Windows Vista gesteckt habe. Diese Version des PC-Betriebssystems fiel bei den Kunden durch, noch heute nutzen Anwender den Vorläufer Windows XP. „Ich wünschte, wir hätten unsere Ressourcen etwas anders eingesetzt“, sagte Ballmer auf der Bühne des Konferenzzentrums von Bellevue nahe der Firmenzentrale.

Der Rivale Apple rollte ab 2007 mit seinem iPhone-Handy den Markt auf und schob 2010 den Tablet-Computer iPad hinterher. In der Folge schrumpfen seit einiger Zeit die Verkäufe klassischer Windows-PCs. „Mobile Geräte - wir haben fast keinen Marktanteil“, räumte Ballmer ein. „Ich weiß nicht, ob ich das mit Enthusiasmus oder mit einer Art unangenehmer Anspannung sagen soll. Aber ich bin ein optimistischer Typ. Alles, wo wir einen kleinen Marktanteil haben, klingt für mich nach einem großen Aufwärtspotenzial.“

Ballmer hatte im Jahr 2000 Bill Gates an der Microsoft-Spitze abgelöst. Der Konzern kündigte im vergangenen Monat an, dass Firmenveteran Ballmer binnen zwölf Monaten aufhören werde. Die Suche nach einem Nachfolger läuft. „Es gibt keinen neuen Stand“, sagte Finanzchefin Amy Hood. Infrage kommen sowohl Microsoft-Manager als auch firmenfremde Kandidaten. „Wenn ich aufhöre, bin ich nur noch ein Typ, der 4 Prozent an Microsoft hält“, sagte Ballmer. Es könnte einer seiner letzten öffentlichen Auftritte gewesen sein.

Obgleich Ballmer Fehler einräumte, zog er insgesamt ein positives Fazit. Er verglich in einer Tabelle die Finanzkennzahlen großer Technologiekonzerne. Demnach verdiente nur Apple im vergangenen Jahr mehr. Auf zehn Jahre gesehen liegt Microsoft jedoch vorne mit einem Gesamtgewinn von 220 Milliarden zu 175 Milliarden Dollar. Auch bei den Ausschüttungen an die Aktionäre schlage Microsoft „jeden anderen aus dem Feld“.

Windows Phone 8

Außen ähnlich, innen neu

Auch wenn Windows Phone 8 (WP 8) nach einer Fortsetzung von Version 7 klingt und mit dem Kachel-Design ähnlich aussieht: Microsoft wagte im Herbst 2012 einen echten Neuanfang. Denn das mobile Betriebssystem hat nicht mehr den alten Systemkern, der über Jahre zum Einsatz kam. Stattdessen nutzt WP 8 den gleichen Kern wie die PC-Software Windows 8. Das macht die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Geräten leichter, außerdem können Entwickler einen Teil ihrer Software auf beiden Systemen verwenden und somit leichter Apps entwickeln.

Mehr Vielfalt bei der Hardware

Microsoft setzte den Hardware-Herstellern mit Windows Phone 7 enge Grenzen – das hat mit dem Nachfolgesystem ein Ende: Es erlaubt Mehrkern-Prozessoren, hochauflösende Displays und unterstützt die Nachfunktechnologie NFC, die etwa beim kontaktlosen Bezahlen zum Einsatz kommt. Außerdem können Micro-SD-Karten nachgerüstet werden und so den Speicher aufrüsten.

Kacheln basteln erlaubt

WP 8 gibt den Nutzern mehr Gestaltungsfreiheit: Sie können die Kacheln auf dem Startbildschirm vergrößern oder verkleinern und neu anordnen, außerdem gibt es neue Oberflächen-Motive. Zudem bereichern einige Dienste das Kachel-System: der Internet Explorer 10 etwa, der für Touchscreens optimiert ist und Java-Script deutlich schneller verarbeiten soll. Außerdem hat Microsoft seinen Internet-Telefoniedienst Skype für die neuen Windows-Systeme überarbeitet und tief ins System integriert, ebenso den Online-Speicher Skydrive.

Nokia-Navigation kostenlos an Bord

Ein Pluspunkt sind die Kartendienste von Nokia, die künftig nicht nur auf den Geräten des finnischen Herstellers vorinstalliert sind, sondern fester Bestandteil von WP 8 sind und somit auf den anderen Smartphones ebenfalls laufen.

Eine Spielecke für Kinder

Wenn die Kinder gerne mit dem Smartphone der Eltern spielen, geht das oft schief. Deswegen hat Microsoft für Windows Phone 8 eine „Kinderecke“ entwickelt, die wie ein Gastzugang am PC funktioniert. In diesem abgesicherten Bereich können Nutzer beispielsweise bestimmte Spiele ablegen.

App-Auswahl ist noch durchwachsen

Die Software ist ein entscheidender Faktor für den Erfolg eines Smartphone-Systems – zum Start von Windows Phone 8 im Herbst 2012 konnte Microsoft das Angebot auf 120.000 Apps weiten, 46 der 50 beliebtesten Smartphone-Anwendungen waren im Windows Store verfügbar. Zum Vergleich: Zu dem Zeitpunkt hatten Google und Apple jeweils mehr als 700.000 Apps im Angebot. Die Auswahl für Windows-Phone-Geräte ist in den letzten Monaten allerdings stetig gewachsen.

Was fehlt: Ein Mitteilungszentrum

Die Kacheln auf dem Bildschirm aktualisieren sich zwar automatisch, das Mailprogramm zeigt beispielsweise die Zahl der ungelesenen Nachrichten an. Ein Mitteilungszentrum, wie man es vom iPhone und Android-Geräten kennt, fehlt aber. Zudem unterstützte das Betriebssystem zunächst UKW-Radios nicht – diese Funktion schiebt Microsoft aber mit einem Firmware-Update nach.

Ballmer hatte Microsoft vor seinem Ausscheiden noch einen Kulturwandel verordnet: Das Unternehmen bietet neben Software verstärkt Dienstleistungen und Geräte an, was zu einer neuen Arbeitsteilung im Haus führt. Der Konzern arbeite an Versionen seiner Office-Bürosoftware, die zu allererst auf die Nutzung mit berührungsempfindlichen Bildschirmen konzipiert seien, sagte der zuständige Microsoft-Manager Qi Lu.

Im Geschäft mit Unternehmenskunden sieht Microsoft seine Zukunft vor allem im Cloud Computing, also der Auslagerung von Anwendungen und Daten auf Rechner im Internet. Microsoft-Manager präsentierten den Analysten stark steigende Geschäftszahlen in diesem Bereich.

Von

dpa

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