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29.09.2015

16:56 Uhr

Bertelsmann unterliegt

Buchclubs dürfen weiterleben – doch wie?

VonKai-Hinrich Renner

Bertelsmann muss seine Buchclubs wohl über das Jahresende hinaus am Leben halten. Das haben die Vertriebspartner nun vor Gericht durchgesetzt. In einem anderen Punkt wurden die Kläger allerdings enttäuscht.

Ehemalige Vertriebspartner des Buchclubs hatten sich gegen die Schließung gewehrt und Schadenersatz gefordert. dpa

Bertelsmann-Buchclub

Ehemalige Vertriebspartner des Buchclubs hatten sich gegen die Schließung gewehrt und Schadenersatz gefordert.

HamburgMitunter gibt es Gerichtsurteile, mit denen keine der streitenden Parteien etwas anfangen kann. Die Entscheidung, die das Landgericht Düsseldorf am Dienstag gefällt hat, gehört ganz offenbar dazu.

Die Vertriebspartner der Bertelsmann-Buchklubs hatten dagegen geklagt, dass der Medienkonzern aus Gütersloh ihre Verträge zum Jahresende gekündigt hat. Dann will das Unternehmen sein unrentables Buchklubgeschäft endgültig aufgeben. Seine Geschäftspartner hatten auf einen 30 Jahre währenden Kündigungsverzicht gepocht, den ihnen Bertelsmann einst eingeräumt hatte. Er läuft erst in zwölf Jahren aus. Garniert hatten sie ihre Ansprüche mit einer Schadensersatzforderung sowie dem Wunsch, die Gütersloher mögen doch bitte die Schließung ihrer Klubfilialen rückgängig machen.

Das Gericht hat nun entschieden, dass die Kündigungen tatsächlich unwirksam sind. Prozessbeobachter werten das als einen „Teilerfolg“ der Buchklubpartner. Allerdings ist das für die Kläger kein Grund zur Freude. Denn die Richter wiesen ihre Schadensersatzforderung ebenso zurück wie den Antrag, das Gericht möge Bertelsmann dazu verpflichten, die Klubfilialen weiterzuführen. Dass sie so und nicht anders entscheiden würden, hatten die Richter bereits in der mündlichen Verhandlung im August deutlich gemacht.

Die Geschäftsfelder von Bertelsmann

Bücher

Das Buchgeschäft ist die Keimzelle von Bertelsmann: Gründer Carl Bertelsmann erhielt 1835 die Konzession der preußischen Regierung zur Einrichtung einer Buchdruckerei. Unter dem Dach des Konzerns ist inzwischen die größte Publikumsverlagsgruppe der Welt entstanden: Zunächst unter dem Namen der US-Tochterfirma Random House, seit 2012 in einem Joint Venture mit Pearson, an dem die Gütersloher 53 Prozent halten. Penguin Random House heißt der Gigant mit seinen 11.800 Mitarbeitern.

Fernsehen

Die RTL Group betreibt 53 TV- und 28 Radiosender in neun Ländern Europas sowie Indien. Gerade in Deutschland ist das Unternehmen stark – mit den Stationen RTL, Vox, RTL II, Super RTL, RTL Nitro und n-tv. Bertelsmann hält 92,3 Prozent an der Sendergruppe.

Zeitschriften

Ob „Stern“, „Geo“ oder „Brigitte“: An europäischen Kiosken sind die Zeitschriften von Gruner + Jahr nicht zu übersehen. Bertelsmann hält seit den 70er Jahren die Mehrheit an den Verlag, Ende 2014 will der Medienkonzern die verbliebenen Anteile von der Jahr-Familie kaufen.

Dienstleistungen

Arvato ist die wohl vielseitigste Tochter von Bertelsmann: Die Dienstleistungssparte erstellt digitale Medien, ist im E-Commerce tätig, bietet aber auch zahlreiche Unternehmenslösungen für Kundenpflege, Produktionsplanung und Datenmanagement, außerdem IT-Services. Die Sparte hat mehr als 66.000 Mitarbeiter.

Druck

Bertelsmann gliederte die Druckaktivitäten 2012 in die Sparte Be Printers aus. Diese fertigt Zeitschriften, Kataloge, Prospekte, Bücher und Kalender. Zudem bietet sie Dienstleistungen an. Die Bertelsmann-Tochter betreibt Druckereien in Deutschland, Großbritannien, Italien und Spanien sowie den USA und Kolumbien und hat 6200 Mitarbeiter.

Musik

Musik gehörte lange zum Kerngeschäft von Bertelsmann. Allerdings verkaufte der Konzern 2006 seinen Musikverlag BMG, 2008 gab er auch seinen Anteil am Gemeinschaftsunternehmen Sony BMG ab und verabschiedete sich so aus dem Tonträgergeschäft. 2013 holten die Gütersloher die Musik vom Finanzinvestor KKR zurück in den Konzern. Das Geschäft gehört zum Bereich Corporate Investments, der alle übrigen operativen Aktivitäten von Bertelsmann umfasst.

Was ihr Urteil für die streitenden Parteien bedeutet, ist jedoch höchst unklar. Wie sollen die Vertriebler ohne Klubfilialen in den kommenden zwölf Jahren neue Mitglieder für den westfälischen Lesezirkel gewinnen? Und wie soll das Angebot aussehen, dass Bertelsmann vorhalten muss, damit die Geschäftspartner des Konzerns zumindest rein theoretisch neue Klubmitglieder werben können?

Entsprechend wortkarg waren beide Parteien nach der Urteilsverkündung. Von den Buchklubpartnern gab es noch keine Stellungnahme. Ein Bertelsmann-Sprecher verwies darauf, man könne sich erst äußern, wenn die schriftliche Urteilsbegründung vorliege. Er betonte aber auch, dass der Prozessgegner sich nur in einem Punkt - bei den Kündigungen - habe durchsetzen können.

Womöglich hatten die Vertriebspartner auf einen Vergleich vor oder während des Prozesses gehofft. Dazu ist es nicht gekommen. Dass eine, möglicherweise sogar beide Parteien in Berufung gehen werden, ist nicht unwahrscheinlich. So oder so: Das Geschäftsfeld, das einst an der Wiege des Aufstiegs eines kleinen westfälischen Verlagshauses zum weltumspannenden Medienkonzern stand, wird es noch etwas länger geben, als geplant.

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