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31.08.2015

11:36 Uhr

Bertelsmann-Zukunft

In Gütersloh stockt die digitale Aufholjagd

VonHans-Peter Siebenhaar

Schöne Gütersloher Welt: Bertelsmann knüpft wieder an alte Umsatzhöhen vor dem Ausbruch der Finanzkrise an. Doch es gibt eine Zahl, die nachdenklich stimmt: Der digitale Wandel kommt im Medienkonzern kaum voran.

Der Konzernlenker ist vor allem ein cleverer, strategischer umsichtig agierender Finanzmann, aber kein geborener Unternehmer. dpa

Thomas Rabe

Der Konzernlenker ist vor allem ein cleverer, strategischer umsichtig agierender Finanzmann, aber kein geborener Unternehmer.

Selbstlob liegt bei der Bilanzvorlage durch den Vorstand in der Natur der Sache. Bertelsmann macht da keine Ausnahme. Auch Thomas Rabe, der kühle Vorstandschef von Europas größtem Medienkonzern, versuchte sich am Montag in bestem Licht darzustellen.

Auf dem ersten Blick fällt das Rabe auch ziemlich einfach. Das Konzernergebnis stieg im ersten Halbjahr um mehr als die Hälfte auf fast 400 Millionen Euro. Auch der operative Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebita) wuchs auf deutlich über eine Milliarde Euro. Hinzu kam gab Rabe auch noch einen positiven Ausblick. Schließlich brummt der Heimatmarkt Deutschland. Positive Währungseffekte tun ihr übriges. Mittelfristig soll das Konzernergebnis auf mehr als eine Milliarde Euro zulegen. Schöne Gütersloher Welt.

Bertelsmann: RTL-Mutter lebt gut von ihren Töchtern

Bertelsmann

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Gute Zeiten in Gütersloh: Der Gewinn von Bertelsmann wächst kräftig. Die Geschäfte im TV- und Buchbereich laufen prächtig – das lässt den Medienkonzern von neuen Zielen träumen.

Doch es gibt eine Zahl, die nachdenklich stimmt. Denn der Konzern der Familie Mohn brauchte fast eine Dekade, um alte Umsatzhöhen wieder zu erklimmen. Mit Erlösen von acht Milliarden Euro in den ersten sechs Monaten kommen die Gütersloher erst jetzt wieder auf das Niveau von 2007, dem Jahr vor dem Ausbruch der Finanzkrise. Der Verlauf der Erlöse zeigt, wie schwer es dem ostwestfälischen Unternehmen fällt, neue Geschäfte zu entwickeln.

Nach dreieinhalb Jahren unter der Führung von Thomas Rabe wird immer klarer: Der Konzernlenker ist vor allem ein cleverer, strategisch umsichtig agierender Finanzmann, aber kein geborener Unternehmer mit dem Instinkt für Innovation. Rabes defensiver, zahlenorientierter Charakter besitzt viele Vorteile. Schließlich kann Bertelsmann eine sehr ordentliche Eigenkapitalquote aufweisen. Dem Familienunternehmen gelang es im Frühjahre mühelos, milliardenschwere Hybridanleihen zu platzieren, und das Rating ist trotz turbulenter Zeiten stabil.

Die Geschäftsfelder von Bertelsmann

Bücher

Das Buchgeschäft ist die Keimzelle von Bertelsmann: Gründer Carl Bertelsmann erhielt 1835 die Konzession der preußischen Regierung zur Einrichtung einer Buchdruckerei. Unter dem Dach des Konzerns ist inzwischen die größte Publikumsverlagsgruppe der Welt entstanden: Zunächst unter dem Namen der US-Tochterfirma Random House, seit 2012 in einem Joint Venture mit Pearson, an dem die Gütersloher 53 Prozent halten. Penguin Random House heißt der Gigant mit seinen 11.800 Mitarbeitern.

Fernsehen

Die RTL Group betreibt 53 TV- und 28 Radiosender in neun Ländern Europas sowie Indien. Gerade in Deutschland ist das Unternehmen stark – mit den Stationen RTL, Vox, RTL II, Super RTL, RTL Nitro und n-tv. Bertelsmann hält 92,3 Prozent an der Sendergruppe.

Zeitschriften

Ob „Stern“, „Geo“ oder „Brigitte“: An europäischen Kiosken sind die Zeitschriften von Gruner + Jahr nicht zu übersehen. Bertelsmann hält seit den 70er Jahren die Mehrheit an den Verlag, Ende 2014 will der Medienkonzern die verbliebenen Anteile von der Jahr-Familie kaufen.

Dienstleistungen

Arvato ist die wohl vielseitigste Tochter von Bertelsmann: Die Dienstleistungssparte erstellt digitale Medien, ist im E-Commerce tätig, bietet aber auch zahlreiche Unternehmenslösungen für Kundenpflege, Produktionsplanung und Datenmanagement, außerdem IT-Services. Die Sparte hat mehr als 66.000 Mitarbeiter.

Druck

Bertelsmann gliederte die Druckaktivitäten 2012 in die Sparte Be Printers aus. Diese fertigt Zeitschriften, Kataloge, Prospekte, Bücher und Kalender. Zudem bietet sie Dienstleistungen an. Die Bertelsmann-Tochter betreibt Druckereien in Deutschland, Großbritannien, Italien und Spanien sowie den USA und Kolumbien und hat 6200 Mitarbeiter.

Musik

Musik gehörte lange zum Kerngeschäft von Bertelsmann. Allerdings verkaufte der Konzern 2006 seinen Musikverlag BMG, 2008 gab er auch seinen Anteil am Gemeinschaftsunternehmen Sony BMG ab und verabschiedete sich so aus dem Tonträgergeschäft. 2013 holten die Gütersloher die Musik vom Finanzinvestor KKR zurück in den Konzern. Das Geschäft gehört zum Bereich Corporate Investments, der alle übrigen operativen Aktivitäten von Bertelsmann umfasst.

Doch die digitale Aufholjagd, vor allem mit dem Ausbau der Bildungsmedien, kommt nur langsam, sehr langsam voran. Rabe ist schlau genug, nicht das ganze Geld auf ein Pferd in dem neuen Geschäftsfeld zu setzen. Er bevorzugt viele kleinere und mittlere Investitionen, um ein Klumpenrisiko zu vermeiden. Ob diese Strategie allerdings aufgeht, steht in den Sternen.

Der Familie Mohn, allen voran dem Aufsichtsratschef Christoph Mohn, gefällt dieses Anlagestrategie. Der Sohn der Bertelsmann-Matriarchin weiß nur zu genau, wie schnell man Geld im Digitalen versenken kann. In seinem längst pleite gegangenen Internetunternehmen Lycos Europe verbrannte er mehr als eine halbe Milliarde Euro.

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