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12.02.2015

14:20 Uhr

Bill-Gates-Investment Researchgate

Ein Facebook für die Forschung

VonChristof Kerkmann

Das Berliner Start-up Researchgate will die Wissenschaft umkrempeln: Auf dem Portal des Bill-Gates-Investments können Forscher ihre Daten mit aller Welt teilen. Eine neue Funktion setzt nun auf den Facebook-Effekt.

Ijad Madisch ist Gründer und Geschäftsführer von Researchgate.

Ijad Madisch ist Gründer und Geschäftsführer von Researchgate.

BerlinEs ist äußerst beliebt – und doch so unpraktisch. Ijad Madisch hält das PDF-Format, in dem viele wissenschaftliche Publikationen erscheinen, für das „digitale Äquivalent zur Schreibtischschublade – ein Ort, wo wissenschaftliche Resultate schwer zu finden sind und leicht zu vergessen“. Der Chef des Berliner Start-ups Researchgate glaubt, eine bessere Lösung zu haben: Das Portal hat am Donnerstag ein neues Format vorgestellt, das die Diskussionen der wissenschaftlichen Community direkt neben dem Text abbilden soll. „Wir wollen das wissenschaftliche Publizieren aus dem Steinzeitalter herausholen“, sagte Madisch dem Handelsblatt.

Das „RG Format“, so der Name, soll mehr Interaktion zulassen. Nutzer können – für alle sichtbar – Textstellen markieren und kommentieren. Links steht der Artikel, rechts die Diskussion. Mit einem Klick lassen sich Autor wie Kommentatoren anschreiben. So werde wissenschaftliche Literatur um eine soziale Dimension erweitert, erklärte Madisch. Ein bisschen wie Wikipedia, ein bisschen wie Facebook (Screenshots finden Sie hier).

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Tatsächlich ist Researchgate ein soziales Netzwerk für Wissenschaftler: Diese können sich dort ein Profil anlegen, mit anderen vernetzen und Publikationen wie auch Daten veröffentlichen. Die Idee kam dem Gründer bei der wissenschaftlichen Arbeit. Der studierte Mediziner fand bei einem Projekt in der Stammzellforschung niemanden, mit dem er sich hätte austauschen können. Das Portal soll den Austausch außerhalb von Konferenzen (oder Institutsfluren) ermöglichen.

Researchgate im Überblick

Die Gründer

Ijad Madisch gründete die Firma mit Freunden Sören Hofmayer und Horst Fickenscher. Das öffentliche Gesicht der Firma ist aber der Informatiker und Mediziner – ist auch Chef.

Die Idee

Researchgate soll den Austausch unter Wissenschaftlern fördern. Diese sollen nicht nur ihre Artikel veröffentlichen, sondern auch die Daten misslungener Experimente – auch diese können aufschlussreich sein.

Die Nutzer

Researchgate hat nach eigenen Angaben sechs Millionen Nutzer. Zugelassen sind nur Mitarbeiter von wissenschaftlichen Einrichtungen – ähnlich wie bei Facebook in den Anfangstagen, wo sich nur Studenten von bestimmten US-Unis anmelden durften.

Der Durchbruch

Researchgate gewinnt früh Wissenschaftler für sich. Der große Durchbruch gelingt 2014: Eine Diskussion auf der Plattform führte letztendlich dazu, dass zwei Studien des renommierten japanischen Riken-Instituts als Fälschungen entlarvt werden konnten.

Der Sitz

Die Gründer starteten zunächst in Boston, entschlossen sich aber, nach Berlin umzuziehen. Für die dortige Start-up-Szene im Nachhinein ein großes Glück.

Die Investoren

Researchgate hat drei Finanzierungsrunden hinter sich. Im Juni 2013 sammelte das Start-up 35 Millionen Dollar ein, zu den Investoren zählte auch Microsoft-Gründer Bill Gates. Auch namhafte Risikokapitalgeber wie Benchmark und Accel Partners sind an Bord.

Über die neue Funktion wollen die Macher den wissenschaftlichen Diskurs abbilden und so die Wissenschaftler noch stärker an sich binden: Wer einen Artikel veröffentlichen will, muss bei dem sozialen Netzwerk angemeldet sein. Ein Export ist derzeit nicht möglich, eine solche Funktion ist nach Firmenangaben aber in Arbeit. Erste Reaktionen zeigen, dass zumindest einige Vertreter der wissenschaftlichen Gemeinde diesen Ansatz kritisch sehen. „Researchgate denkt, dass es das PDF mit einem eigenen, proprietären Format ersetzen kann?“, fragt etwa ein Forscher der Universität Liverpool auf Twitter.

Bisher geht die Strategie auf: Researchgate hat sechs Millionen Mitglieder, die nach Firmenangaben jeden Monat zwei Millionen Publikationen hochladen. Unter Forscher ist es eines der meistgenutzten sozialen Netzwerke: Einer Studie des renommierten Magazins „Nature“ zufolge kennen 88 Prozent der Naturwissenschaftler und Ingenieure das Portal, etwas weniger als die Hälfte besuchen es regelmäßig – es erreicht somit bessere Werte als Google+, Twitter oder die direkten Konkurrenten Academia.edu und Mendeley. Etwas niedriger sind die Werte in den Gesellschaftswissenschaften.

Researchgate baut sein Geschäftsmodell behutsam auf. Einen konkreten Plan, schwarze Zahlen zu schreiben, gebe es nicht, sagte Madisch dem Handelsblatt: Die Firma investiere derzeit hauptsächlich ins Produkt. Er ist aber überzeugt: „Wenn man Wissenschaftlern einen Nutzen bietet, kann man das monetarisieren.“ Seit dem Sommer 2014 können Universitäten, Forschungseinrichtungen und Firmen gegen Gebühr offene Stellen auf dem Portal ausschreiben. Vermarktungsmöglichkeiten sieht Madisch auch bei Informationen über Konferenzen, Produkte und Stipendium.

Großen Druck hat Researchgate noch nicht: Im Juni 2013 erhielt die Firma von mehreren namhaften Investoren 35 Millionen Dollar. Auch Microsoft-Gründer Bill Gates beteiligte sich – auch dass Madisch bei seiner Präsentation ein Apple-Notebook aus der Tasche zog, war kein Hinderungsgrund.

Kommentare (1)

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Herr Olaf Drümmer

12.02.2015, 21:02 Uhr

Mal abgesehen davon, wie nützlich oder wenig nützlich PDF im Bereich wissenschaftlichen Arbeitens und Kommunizierens ist - wie kann man auf die Idee kommen, ein (übrigens von Tag 1 an offenes) Datei-Format für Dokumente mit einem (proprietären/geschlossenen) internet-basierten Service zu vergleichen?

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