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26.10.2013

13:56 Uhr

Bitkom-Chef Kempf

„Führe vertrauliche Gespräche nicht mehr per Handy“

VonKlaus Stratmann

Die Empörung über den möglichen Lauschangriff auf das Handy der Kanzlerin ist groß. Dieter Kempf, Chef des IT-Branchenverbands Bitkom, spricht über Datensicherheit und erklärt, warum er keine Verschlüsselung benutzt.

Ein Telefonat mit dem Handy führen? Bitkom-Chef Dieter Kempf verzichtet zumindest bei vertraulichen Gesprächen darauf. dpa

Ein Telefonat mit dem Handy führen? Bitkom-Chef Dieter Kempf verzichtet zumindest bei vertraulichen Gesprächen darauf.

Handelsblatt Online: Benutzen Sie ein Handy mit Verschlüsselungsprogramm?

Dieter Kempf: Nein. Ich habe das mal gemacht, musste aber feststellen, dass 99 Prozent der Leute, mit denen ich telefoniere, kein Mobiltelefon mit Verschlüsselungstechnik haben. Dann macht es keinen Sinn, ein solches Handy einzusetzen. Die Konsequenz daraus ist, dass ich vertrauliche Gespräche nicht mehr per Handy führe.

Sind wir zu sorglos im Umgang mit Daten?

Es ist in vielen Fällen eine Mischung aus Sorglosigkeit und Bequemlichkeit.

Wird die aktuelle Debatte daran etwas ändern?

Dieter Kempf ist Chef des IT-Branchenverbands Bitkom. dapd

Dieter Kempf ist Chef des IT-Branchenverbands Bitkom.

Die Halbwertszeit der Empörung ist nach meiner Erfahrung bei den IT-Nutzern nicht gerade lange. Nun mag die aktuelle Affäre die Sensibilität etwas steigern. Insgesamt haben es die meisten privaten Nutzer aber lieber preiswert und komfortabel – und dafür weniger sicher.

Und Unternehmen?

Da gibt es sicher eine erhöhte Aufmerksamkeit für das Thema Datensicherheit. Einem Unternehmen, in dem heute noch sensible Daten per ungeschützter E-Mail versandt werden, ist kaum mehr zu helfen. In dieser Hinsicht hat sich viel verändert.

Gibt es absolute Datensicherheit?

Die gibt es nicht und man kann sie auch nicht per Gesetz erzwingen. Vieles wird sich von allein regulieren. Aber es wird immer Kräfte mit kriminellen oder geheimdienstlichen Interessen geben, die alles daran setzen, herauszufinden, was Unternehmen A und Unternehmen B miteinander kommunizieren oder was Person A mit Person B bespricht. Das ist ein ewiges Hase-und-Igel-Spiel.

Die Entwicklung der NSA-Spähaffäre in Deutschland

6.-7. Juni

„Guardian“ und „Washington Post“ berichten über das geheime Überwachungsprogramm „Prism“, mit dem der US-Geheimdienst NSA auf Serverdaten großer Internetkonzerne wie Google, Facebook oder Microsoft zugreife - und damit potenziell auch auf Daten deutscher Bürger. Quelle der Enthüllungen ist Snowden, der seitdem auf der Flucht vor der US-Justiz ist.

10.-11. Juni

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warnt vor einer „möglichen Beeinträchtigung von Rechten deutscher Staatsangehöriger“.

19. Juni

Beim Besuch von US-Präsident Barack Obama in Berlin mahnt Merkel eine „Verhältnismäßigkeit“ der Mittel an. Obama versichert, die US-Geheimdienste würden nicht normale E-Mails „von deutschen, amerikanischen oder französischen Bürgern durchwühlen“.

30. Juni

Der „Spiegel“ berichtet, die NSA sammle in Deutschland monatlich rund 500 Millionen Daten aus Telefon- und Internetverbindungen von Bundesbürgern. Auch die EU werde gezielt ausspioniert.

7. Juli

Snowden beschuldigt den Bundesnachrichtendienst (BND) im "Spiegel", schon seit langem mit der NSA zusammenzuarbeiten.

12. Juli

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) spricht in Washington mit US-Regierungsvertretern. Oppositionspolitiker kritisieren dies als reine „Symbolpolitik“, eine Aufklärung fehle.

17. Juli

Der BND weist den Vorwurf zurück, dass die Bundeswehr seit Jahren Kenntnis von „Prism“ habe.

21. Juli

Der Verfassungsschutz räumt ein, das NSA-Schnüffelprogramm „XKeyscore“ einzusetzen - nur zu Testzwecken und in beschränktem Umfang. Das Programm soll in 30 Tagen bis zu 41 Milliarden Datensätze von Internet-Nutzern speichern können.

25. Juli

Kanzleramtschef Ronald Pofalla (CDU) weist Vorwürfe gegen deutsche Dienste im Parlamentarischen Kontrollgremium (PKG) zurück. Es seien im Zusammenhang mit einem Entführungsfall nur zwei Datensätze an die USA übermittelt worden. Union und FDP machen die frühere rot-grüne Bundesregierung dafür verantwortlich, dass nach dem 11. September 2001 die Geheimdienstzusammenarbeit mit den USA deutlich ausgeweitet wurde.

29. Juli

Der „Spiegel“ druckt ein Dokument Snowdens, wonach zwei Datensammelstellen („Sigads“) im Dezember 2012 etwa 500 Millionen Daten aus Deutschland abgegriffen hätten.

2. August

Eine Kooperationsvereinbarung von 1968 mit den britischen und US-Geheimdiensten wird außer Kraft gesetzt, wenige Tage später auch eine Vereinbarung mit Frankreich. Sie gewährte den West-Alliierten geheimdienstliche Sonderrechte zum Schutz ihrer Truppen.

3.-4. August

Der BND bestätigt, dass er Metadaten an die NSA übermittelt, personenbezogene Daten von Deutschen aber nur „im Einzelfall“. Die Kooperation diene der Auslandsaufklärung in Krisengebieten. Hinter den „Sigads“ vermutet er Datenerhebungsstellen in Bad Aibling und Afghanistan.

7. August

Laut Vize-Regierungssprecher Georg Streiter deutet vieles darauf hin, dass der BND selbst annähernd 500 Millionen Datensätze aus Deutschland an die NSA weitergab.

10. August

Der BND weist den Vorwurf zurück, mit den an die NSA übermittelten Daten Beihilfe zu gezielten Tötungen durch US-Drohnen zu leisten.

12. August

Pofalla erklärt die NSA-Affäre für beendet. Nach einer erneuten Aussage vor dem PKG hebt er mit Verweis auf schriftliche Versicherungen aus den USA und Großbritannien hervor, die Vorwürfe des flächendeckenden Ausspähens in Deutschland durch die Geheimdienste seien „vom Tisch“.

18. August

Die Bundeskanzlerin sieht im ZDF alle aufgeworfenen Fragen zur Spähaffäre als „geklärt“ an. Merkel verteidigte auch Pofalla gegen SPD-Vorwürfe der Verschleierung.

23. Oktober

Die Bundesregierung teilt mit, dass Merkels Mobiltelefon möglicherweise vom US-Geheimdienst überwacht wurde. Merkel habe in einem Telefonat mit Obama klargestellt, dass sie solche Praktiken „unmissverständlich missbilligt und als völlig inakzeptabel ansieht“.

In Berlin und Brüssel ist häufig zu hören, die Europäer seien zu abhängig von amerikanischen IT-Unternehmen. Sehen Sie das auch so?

Der Gedanke ist nachvollziehbar, aber man muss ihn relativieren. Zunächst einmal dominieren nicht allein US-Unternehmen den Markt. Der chinesische Netzwerkanbieter Huawei beispielsweise ist mittlerweile fast so groß wie das US-Unternehmen Cisco. Außerdem haben wir als Kunden mit dazu beigetragen, dass einige Unternehmen enorme Marktanteile halten. Der Grund dafür ist meist, dass wir mit den Produkten so zufrieden sind.

Viele Politiker hegen dennoch den Gedanken, es müsse ein europäisches Google geben. Was halten Sie davon?

Das ist illusorisch. Der Entwicklungsvorsprung der großen Player in der IT-Branche ist einfach zu groß. Stattdessen sollten wir versuchen bei den nächsten Technologiewellen vorne mitzuspielen.

Und beim Thema Datensicherheit?

Da gibt es gerade in Deutschland sehr leistungsfähige Anbieter. Und wir haben hierzulande drei Fraunhofer-Institute, die sich mit Kryptologie und Datensicherheit befassen. Aber da entsteht kein zweites Google. Das Thema Datensicherheit wird immer ein Nischenthema bleiben.

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