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29.10.2014

19:51 Uhr

Brettspiel „Finanzkrise“

Wie ich fast ganz Griechenland privatisierte

VonSteffen Daniel Meyer

Im satirischen Brettspiel „Finanzkrise“ schlüpfen die Spieler in die Rolle von Banken: Sie investieren, privatisieren und intervenieren. Der Entwickler will lieber unbekannt bleiben – er arbeitet in der Finanzbranche.

Brettspiel „Eurokrise“: Handelsblatt-Online-Autor Steffen Meyer (rechts) spielt Banker.

Brettspiel „Eurokrise“: Handelsblatt-Online-Autor Steffen Meyer (rechts) spielt Banker.

Bank zu sein, ist wirklich nicht einfach: Die griechischen Inseln sind alle verkauft, in Spanien droht ein Aufstand, in Irland gibt es nur wenig Zinsen, in Frankreich dafür viel, jedoch steht das Land kurz vorm Schuldenschnitt. Wohin also nur mit den Milliardenpaketen, die man sich letzte Runde von der EZB geliehen hat?

Vor solchen strategischen Entscheidungen steht man im Brettspiel „Finanzkrise“ (englischer Titel: „€uro Crisis“) ständig: Mit Karten, Holzmarkern und Geldchips erleben Spieler vier Jahre europäische Finanzkrise – aus der Sicht von Banken. Das Spielziel: „sich möglichst viel Staatseigentum unter den Nagel zu reißen“, so steht es in der Anleitung.

Der Entwickler mit dem Pseudonym Galgor sagt: „Ich will nicht die Banken anprangern, ich sehe mich eher in der Position des Beobachters: Das Spiel folgt eben den Regeln der richtigen Welt. Die Banken handeln so, weil das System so ist. Vielleicht sind deswegen gar nicht die Banken ‘die Bösen’. Vielleicht sind die Regeln einfach komisch.“ Seinen echten Namen möchte er hier nicht lesen, da er nach seinem Mathematikstudium einen Job in der Finanzbranche angenommen hat: Er befürchtet, dass Vorgesetzte oder Kollegen ihn in eine Anti-Banken-Ecke stellen würden.

So spottet das Spiel über Brüssel und Banken

Satirische Beschreibungen

Die Anleitung des Spiels „Finanzkrise“ besteht nicht nur aus Regelerklärungen: Der Autor hat sich zu vielen Mechanismen kleine satirische Texte ausgedacht.

Die Aktionen

Jede Runde können Spieler eine Stadtkarte ausspielen, mit der verschiedene Aktionen verbunden sind:

Frankfurt: Sitz der EZB. Hier können sich Banken Milliardenpakete ohne Gegenleistung oder Garantien leihen und zwar zu einem sensationell niedrigem Zins.

London: Sitz Europas größter Börse. Fast steuerfreier Umschlagplatz für Staatsanleihen. Beste Möglichkeit für Banken, das von der EZB geliehene Geld zu einem saftigem Aufpreis weiterzuverleihen. Und das Beste daran: Die Staaten sind neuerdings von der Troika dazu gezwungen, Staatseigentum zu veräußern, wenn sie Staatsanleihen ausgeben.

Moskau: Von Molotow-Cockails über Kalaschnikows bis hin zu Panzern ist hier alles zu kaufen, Lieferung inklusive. Neuerdings sind auch Goldbestände aus Sowjetzeiten im Angebot.

Rom: Bunga-Bunga, Rubygate, und auch auf seine alten Tage lässt es Berlusconi noch gerne krachen: Laden Sie Politiker jedweder Couleur zu einer seiner Swimmingpool-Partys ein, und die Politiker werden bei ihrer Rückkehr mit Freuden die von Ihnen vorgeschlagene Reformen durchführen.

Brüssel: Die Regierung in Griechenland ist von Kommunisten durchsetzt, Frau Merkel.“ - „Ich kümmere mich darum, Herr A.“

Effekte der Parteien

Sozialisten: Rente ab 55, 30-Stunden-Woche... Macht zufrieden, aber neue Schulden. Macht nichts, wird trotzdem gemacht.

Konservative: Rente ab 70, 45-Stunden-Woche, Kruzifix im Klassenzimmer. Bringt das Volk auf, aber entlastet vielleicht den Staatshaushalt. Nicht denken! Alles muss wie früher sein!

Liberale: Unternehmenssteuern weg, unbegrenzte Boni, den Banken alle Freiheiten. Das gefällt den Rating-Agenturen!

Kommunisten: Marx, Lenin, Stalin, Tsipras. Der Schrecken aller Banken.

Privatisierung

„Eigentlich ist alles ganz einfach: Bringen Sie einen Staat dazu sich zu verschulden, überzeugen Sie die Politiker davon, den Haushalt kurzfristig mit Veräußerung von nur langfristig gewinnbringendem Staatseigentum aufzuhübschen und reißen Sie sich dieses Staatseigentum dann selbst unter den Nagel! Nur einen Haken hat die Sache: Die Staaten akzeptieren kein Bargeld mehr, sondern fordern Gold. Macht aber nichts, Sie wissen ja, wo Sie das günstig erstehen können.“

Aufstand

„'Es reicht! Genug der Einschnitte, genug der Bonizahlungen, genug der EU-verordneten Reformen! Nieder mit den Kapitalisten! Gebt uns unser Eigentum wieder! Verstaatlicht die Banken!' Der Volkszorn schäumt. Und noch schlimmer; die Menschen auf der Straße sind bewaffnet und es werden noch mehr Kalaschnikows geliefert... aber auch den Regierungen werden kleine Geschenke in Form von Panzern gemacht. Und wenn es ganz schlecht läuft, dann muss man Privatisierungen der Banken verstaatlichen, um das Volk zu beschwichtigen.“

Schuldenschnitt

„'Schnipp Schnapp, Schulden weg!' So einfach scheint das für die Staaten. Und die Banken? Und ihre Milliardenpakete? Keine Sorge, dafür gibt es ja Rettungsschirme: Die verlorenen Geldpakete fordert die EZB zwar nicht zurück, aber Zinsen müssen weiter dafür bezahlt werden...“

In der Tat kann das Spiel schnell den Eindruck erwecken, dass es sich um eine satirische Kritik an den Finanzinstituten handelt. In der Anleitung wird die Euro-Krise etwa als „Fest für die Banken“ beschrieben, und wenn die Bürger wegen zu harter Reformen einen Aufstand anzetteln, unterstützt der freundliche Investor die Regierung eben mit ein paar Panzern, die er sich davor in Moskau gekauft. Klischee pur.

Doch auch die Europa-Politik bekommt ihr Fett weg. Mit der „Brüssel”-Karte kann ein Spieler etwa die Regierung eines Landes tauschen – als Vorlage diente hier sicherlich Mario Montis Einsatz in Italien. Und wer „Rom“ ausspielt, schmeißt ein paar Bunga-Bunga-Partys, damit Politiker die ihm genehmen Reformen durchsetzen: Konservative verringern die Staatsschulden, erhöhen aber die Unzufriedenheit, Sozialisten beglücken das Volk, nehmen aber neue Schulden auf; Liberale verbessern das Rating der Staatsanleihen und Firmeneigentümer bekommen Geld vom Staat; bei den Kommunisten verschlechtert sich das Rating und die Eigentümer müssen Geld an den Staat abdrücken. Ganz abwegig ist das alles nicht.

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