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29.12.2014

10:22 Uhr

Buch „The Second Machine Age“

Wenn Kollege Computer einem den Job wegnimmt

VonChristof Kerkmann

Ob am Steuer des Autos oder beim Jeopardy: Der Computer kann immer mehr, was lange dem Menschen vorbehalten war. Das Buch „The Second Machine Age“ zeigt packend, wie das die Wirtschaft umkrempelt – mit Folgen für jeden.

Gemeinsam oder gegeneinander? Die Maschinen machen viele Arbeitsplätze überflüssig, erleichtern den Menschen auch ihr Leben. AFP

Gemeinsam oder gegeneinander? Die Maschinen machen viele Arbeitsplätze überflüssig, erleichtern den Menschen auch ihr Leben.

DüsseldorfVerwirrung kann ein sehr produktiver Zustand sein. Zumindest, wenn sie Menschen wie Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson befällt. Die beiden forschen seit Jahren am renommierten Massachusetts Institut of Technology (MIT) über die Auswirkungen der Digitalisierung, werden aber trotzdem immer wieder von der rasanten Entwicklung überrascht. „Wie kam es, dass die digitale Technik mit einem Mal richtig gut wurde?“, fragten sich die beiden – und schrieben gemeinsam ein Buch, das vielen Menschen einige erhellende Antworten geben dürfte.

Das Resultat der Recherche heißt „The Second Machine Age“. Die Autoren beschreiben darin, wie die rasante Entwicklung der Computertechnik eine neue industrielle Revolution auslöst. Und sie warnen: Nicht jeder wird bei dieser Entwicklung mitkommen, die Gesellschaft weiter auseinanderdriften. Die Lektüre lohnt für jeden, der sich dafür interessiert, wie die Digitalisierung unsere Wirtschaft verändern wird.

„Computer und andere digitale Errungenschaften haben auf unsere geistigen Kräfte die gleiche Wirkung wie die Dampfmaschine und ihre Ableger auf die Muskelkraft“, erklären McAfee und Brynjolfsson – sie sehen ein zweites Maschinenzeitalter anbrechen. Dabei habe die Technologie noch längst nicht ihre ganze Leistungsfähigkeit gezeigt. „Der digitale Fortschritt, den wir in letzter Zeit erlebt haben, ist sicherlich beeindruckend, doch er ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was noch kommt.“

Die Top-Bücher im Herbst

George Packer: Die Abwicklung

Auf den Bestsellerlisten Amerikas und Europas hat der Journalist kräftig für Furore gesorgt. Anhand von 14 Porträts erzählt er vom Niedergang der US-Industrie. Herz zerreißende, aber auch Mut machende Geschichte von Menschen, die sich von der Wirtschaftspolitik und Unternehmerwelt nicht treiben lassen, egal wie das Leben ihnen mitspielt.
Unterm Strich setzt der Autor keine eigene These, aber man kann sie sich selbst leicht bilden: Der Kapitalismus frisst seine Kinder. Doch es gibt Hoffnung. (S. Fischer Verlag)

Jeremy Rifkin: Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft

Dasselbe Thema, aber mit mehr Zukunftsdrall und deutlich wissenschaftlicher: Der Soziologe mit Zukunftsforscherdrang hat ein beeindruckendes Buch vorgelegt, in dem er die Zukunft der Arbeit skizziert. Rifkin erläutert, was sich durch die Vernetzung aller Dinge quer durch sämtliche Lebensbereiche verändern wird. Dass der Industriearbeiter in 50 Jahren zu aussterbenden Spezies gehören dürfte, aber auch als was wir dann arbeiten können. (Campus Verlag)

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/die-null-grenzkosten-gesellschaft-pL9783593399171.html

Peter Thiel und Blake Masters: Zero to One

Dass Wettbewerb heute kein Geschenk des Himmels mehr ist, beschreibt auch der Milliardär Peter Thiel in seinem Buch. Dabei ist es eigentlich kaum mehr als die (von Blake Masters) niedergeschriebene Vorlesung, die Thiel an der Standford Universität gehalten hat, also im Herz des Silicon Valley, wo Thiel unter anderen mit Paypal und Facebook reich wurde. Thiel gibt Ratschläge für Gründer, seziert aber auch das heutige Wirtschaftssystem. Monopole sind für ihn kein Teufelszeug, sondern der wesentliche Anreiz, Neues zu schaffen. Der Wettbewerb an sich wird wegen der gegen Null sinkenden Grenzkosten (siehe Rifkin) nur zu Arbeitsplatzverlust führen. Selten stand auf 200 dünnen Seiten so viel Lesenswertes. Man muss nur mit Thiels libertärer Natur klarkommen. (Campus Verlag)

Stefan Selke: Lifelogging

Cloud-Computing und die Weiterentwicklung von Miniprogrammen und Apps haben eine Form des Datensammelns und -speicherns ermöglicht, die immer mehr Anhänger findet und die der Soziologe Stefan Selke unter dem Begriff "Lifelogging" zusammenfasst. Es ist, wie er in seinem hellsichtigen Buch darlegt, eine "verängstigte Gesellschaft", die sich da mittels der Technik schützen will. Überfordert von den Möglichkeiten und Optimierungszwängen der Moderne, begreift das Individuum jegliche Entscheidung als problematisch. (Econ Verlag)

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/lifelogging-pL9783430201674.html

Yvonne Hofstetter: Sie wissen alles

Dieses Buch liest sich wie ein Science-Fiction-Thriller. Es handelt von Maschinen, die Menschen ausspionieren, Kriege führen und Börsencrashs verursachen. Das Bedrohliche: Es ist keine Fiktion, sondern bereits Realität. Und es ist geschrieben von einer Insiderin, die weiß, wovon sie spricht. Die Autorin verdient ihr Geld mit künstlicher Intelligenz und Big Data. Gerade deswegen sollte man ihren Warnungen zuhören. Wir alle würden Unternehmen und Geheimdiensten freiwillig die Werkzeuge liefern, uns zu manipulieren und auszubeuten, beklagt sie.

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/sie-wissen-alles-pL9783570102169.html

Joel Kaczmarek: Die Paten des Internets

Also mieses Timing kann man dem Autor wahrlich nicht vorwerfen: Seine Biografie über die Samwers kam just in dem Moment auf den Markt, als die drei Brüder dauerhaft in den Medien präsent waren. Sie hatten gerade angekündigt, ihre Firma Rocket Internet an die Börse zu bringen und womöglich den Internet-Versandhandel Zalando gleich mit. Der Autor ist Chefredakteur des Start-up-Magazins „Gründerszene“ und hat die Maschen der Samwers detailliert und mit dem nötigen Abstand analysiert. Das Buch ist nicht nur für Gründer ein großer Gewinn. (FBV Verlag)

http://www.handelsblatt.com/finanzen/aktien/neuemissionen/ipo/rocket-internet-die-maschen-der-samwer-brueder/10611654.html

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/die-paten-des-internets-pL9783898798808.html

Heinz Bude: Gesellschaft der Angst

„Ohne Geld keine Angst, ohne Angst kein Geld: Kein Geld ohne Angst.“ Dieser Satz ist so etwas wie die Kurzversion des Buches. Der Soziologe sieht diese Angst als das Thema, das in der modernen Gesellschaft alle angeht – quer durch alle Schichten und Milieus. Und auch er sieht sie eng verbunden mit der Ökonomie.

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/gesellschaft-der-angst-pL9783868542844.html

Mariana Mazzucato: Das Kapital des Staates

Auf den ersten Blick scheint das Buch ein paar Jahre zu spät geschrieben zu haben. Denn seit der Finanzkrise 2008 ist es ja kein Geheimnis mehr, dass der Kapitalismus auf die Unterstützung und die Regulierung durch den Staat angewiesen ist. Aber der Schwerpunkt des Buchs liegt jenseits der Finanzmärkte. Die Autorin beschreibt sehr konkret, wie groß die Bedeutung staatlich finanzierter Forschung und Entwicklung für private Unternehmen ist. Dabei stellt sie fest: Die Amerikaner vertreten zwar in der Theorie die freie Marktwirtschaft, fördern aber in der Praxis ihre Unternehmen sehr effektiv.

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/das-kapital-des-staates-pL9783956140006.html

Philip Roscoe: Rechnet sich das?

Wissen Sie, wie viel eine gespendete Niere wert ist? 15.200 Dollar sei der Preis, an dem gespendete und nachgefragte Nieren im Gleichgewicht wären. Roscoe zeigt auf, dass Kosten-Nutzen-Abwägungen heute nicht nur im Gesundheitswesen oder beim Autofahren, sondern selbst bei privatesten Entscheidungen wie der Partnerwahl selbstverständlich sind. Der Managementprofessor argumentiert, dass die Durchdringung des Alltags mit dem ökonomischen Denken die Gesellschaft nicht voranbringt, sondern ärmer macht, weil es das soziale Denken verdrängt und die Beziehungen der Menschen zueinander beschädigt.

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/rechnet-sich-das-pL9783446440371.html

Drei über Google

Christoph Keese: Silicon Valley / Eric Schmidt: Wie Google funktioniert / Dave Eggers: Der Circle

Der eine hasst Google (Springer-Mann Keese), der andere verteidigt es (Google-Chairman Schmidt) – und noch ein anderer schreibt einen Roman über eine fiktive Firma, bei der alle an Google denken (Schriftsteller Eggers). Selten hat ein Konzern so viele Leser gleichzeitig in seinen Bann gezogen auf so unterschiedliche Weise. Wo Keese und Eggers – jeder auf seine Art – vor der Macht des Silicon Valley warnen, versucht Schmidt im Flausch-Modus zu beruhigen. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte.

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/management/strategie/wo-bleiben-grosse-erfindungen-wir-wollten-fliegende-autos-sie-gaben-uns-140-zeichen/10721072.html

https://kaufhaus.handelsblatt.com/literatur/zero-to-one-pL9783593501604.html

 http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/rezension-der-circle-wuerden-sie-ihrem-kind-einen-chip-implantieren/10321584.html

https://kaufhaus.handelsblatt.com/der-circle-pL9783462046755.html?ticket=ST-4573153-ErP4ThmN2wcnG0SdLdL0-s02lcgiacc01.vhb.de

In der Tat ist die Entwicklung beeindruckend. Autonome Autos galten früher als Science Fiction, heute sind Prototypen bereits auf den Straßen unterwegs. Spracherkennung galt ebenfalls als Zukunftstechnologie, heute funktioniert sie bereits in Smartphones leidlich. Und beim Jeopardy schlägt das IBM-System Watson die besten menschlichen Spieler. Der Computer ist inzwischen nicht nur ein Recheninstrument, sondern bewältigt auch komplexe Aufgaben, die bislang nur Menschen beherrschten.

Dass die Technik derartige Wunderdinge kann, hat mit dem Moore'schen Gesetz zu tun, dass die Verdopplung der Rechenleistung im Abstand von 18 Monaten beschreibt. Diese Entwicklung, so die MIT-Forscher, schaffe eine Welt, „in der in nur wenigen Jahren Spielzeugen die Leistung eines Supercomputers zur Verfügung steht, in der immer billigere Sensortechnik bezahlbare Lösungen für vordem unüberwindliche Probleme ermöglicht und in der Science-Fiction zur Realität wird“.

Dies, so sind die beiden Amerikaner überzeugt, wird unser Gesellschaft umkrempeln. Denn die Digitaltechnik sei eine Basistechnologie, ähnlich wie die Elektrizität. Damit treibe sie die wirtschaftliche Entwicklung in allen Sektoren voran, nicht nur der IT. Und das Tempo der Innovationen wird ihrer Ansicht nach sogar noch zunehmen – was diverse Forscher übrigens anders sehen.

Kommentare (3)

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Herr Ralf Rath

29.12.2014, 12:49 Uhr

Gemäß der nach dem Göttinger Physiker und Nobelpreisträger Heisenberg benannten Unschärferelation wohnt nicht allein der sozialen Welt ein Maß an Unbestimmtheit inne, welches stets seiner Deutung im Zuge zumindest wissenschaftlich betriebener Forschung harrt. Robotern bleibt solch ein weites Feld somit bereits aus systematischen Gründen heraus auf ewig verschlossen. Insofern sich als Einzelner mithin kollektiv davor zu fürchten, dass einem gleichsam der Kollege Computer den Job wegnimmt, könnte keine haltlosere Hysterie und deshalb von vornherein gegenstandslos sein.

Herr F. Gessw.

29.12.2014, 14:32 Uhr

Glückwunsch zu den hocheloquenten, komplexen und trotzdem, soweit ich das überblickt habe, rein orthographisch und grammatisch korrekten Schachtelsätzen. Sie haben trotzdem Unrecht.

Ich würde ein Monatseinkommen darauf verwetten, dass noch in diesem Jahrhundert ALLE Jobs dieser Welt abgelöst werden können. Und ich glaube, dass auch Sie in den nächsten 20 Jahren gezwungen sein werden, Ihre Meinung zu ändern, weil es bis dahin so offensichtlich wird.

Menschen werden sehr bald in der Lage sein, Maschinen alles verständlich zu machen, was wir bisher verstanden haben - viel fehlt ja nicht mehr. In ähnlich naher Zukunft wird auch die technologische Singularität erreicht werden - Maschinen lernen selbst, verbessern sich selbst, lernen noch schneller - und wir Menschen werden nicht mehr nachvollziehen können, was die Maschinen dann alles verstehen und binnen kürzester Zeit komplett abgehängt und überflüssig.

Stephen Hawking glaubt, dass KI die größte Gefahr für die Menschheit ist - ich glaube, er hat Recht. Aber vielleicht bauen sich die Maschinen ja irgendwann auch Museen und gedenken Ihrer Schöpfer - oder halten sich ein paar von uns in Zoos :), wer weiß.

Jedenfalls sehe ich keinen Grund zu glauben, dass wir mittelfristig in irgendeinem Bereich Maschinen überlegen bleiben könnten.

Herr Ralf Rath

29.12.2014, 15:57 Uhr

Es bleibt Ihnen unbenommen, längst unumstößlich gewonnene Erkenntnisse für sich als hinfällig zu erachten und sich auf diese selbst vor aller Augen als zutiefst uneinsichtig zu gebärden.

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