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08.07.2011

00:00 Uhr

Buchhandel der Zukunft

Neue Strategien für das Buch der Zukunft

VonRegina Krieger

Wie können sich kleine Verlage auf dem Markt behaupten? Der Murmann-Verlag bringt das erste "Single" nach Deutschland. Die Idee ist neu, die Umsetzung ein riskantes Unterfangen.

Geht es nach dem Murmann-Verlag, werden dicke Bücher bald nicht mehr der Verkaufsschlager sein. Quelle: dpa

Geht es nach dem Murmann-Verlag, werden dicke Bücher bald nicht mehr der Verkaufsschlager sein.

DüsseldorfDie Bundesregierung kriegt es gleich auf der ersten Seite ab: Er müsse sich für die Regierung entschuldigen, schreibt Detlef Gürtler "an alle Europäer", denn die hätte etwas falsch verstanden: "Deutschland hat sich auf einen Weg begeben, an dessen Ende ein Europa nach deutschem Vorbild stehen soll, aber viel wahrscheinlicher die Zerstörung der Europäischen Union stehen wird."


Dann ist Angela Merkel dran: Die Kanzlerin, "die Undiplomatin an der Spitze Deutschlands", habe die Mission, dass nur die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft die Welt retten können und es ihr Job sei, dies der Welt begreiflich zu machen, schreibt Gürtler und nennt das "Anspruch auf eine neue Überlegenheit". Merkels Worte aus der Neujahrsansprache 2008 fasst er so zusammen: "Wer in der Euro-Zone bleiben will, soll sich gefälligst am deutschen Vorbild orientieren, denn wie man eine Wirtschaft wettbewerbsfähig macht, das wissen wir ja wohl wirklich am besten."


Und in dem Stil geht es weiter, mal gelungen provozierend, amüsant zu lesen, mal gezwungen und überhaupt nicht locker oder elegant. Doch der Inhalt ist nicht das Besondere an der Neuerscheinung "Entschuldigung! Ich bin deutsch" mit dem ausführlichen Untertitel: "Warum wir Deutschen so sind, wie wir sind. Wie wir damit gerade Europa zerstören. Und wie Sie das vielleicht noch verhindern können."


Es ist sind Form und Vertrieb der Streitschrift, vom Hamburger Murmann-Verlag als "Buch-Innovation des Jahres" angekündigt. Das 48-Seiten-Werk, das fünf Euro kostet, erscheint gleichzeitig als eBook für 3,99 Euro in sieben Sprachen, neben der deutschen Version in Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch und Türkisch. Und es kommt nicht nur in die Buchhandlungen, sondern wird über das Pressegrosso auch mit einer Auflage von 40 000 Stück an Bahnhöfen und in Kiosks verkauft. Selbst mit Amazon hat Murmann einen Vertrag ausgehandelt: Einen Tag lang war das Buch kostenlos zum Download frei.


"Wir versuchen, neue Wege zu gehen und ein zukunftsfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln, das auch für andere Verlage interessant werden kann", erklärt Verleger Sven Murmann. Das Entschuldigungs-Buch ist das erste "Single" in Deutschland. Selbst in den USA gibt es das neue Format des kurzen Buchs, das zwischen Magazin-Artikel und Buch liegt, erst seit Ende Januar (siehe Artikel: "Kindle Singles": ein neues Buchformat aus den USA").


In Hamburg spricht man ganz offen über den Grund für die intensive Suche nach Innovationen. Kleine Verlage hätten immer mehr Schwierigkeiten, ihre Bücher über den stationären Handel an die Leser zu bringen, sagt Peter Felixberger, Programmchef bei Murmann. "Die großen Konzernverlage bestimmen mit ihren starken Vertriebsmuskeln das Geschäft, da ist es schwierig, konkurrenzfähig zu sein." Deshalb brauche man eine andere Strategie, eine neue Vertriebslogik und innovative Formate. Und er hat noch ein weiteres Argument: "damit wir auch für Autoren konkurrenzfähig bleiben können."

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