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12.01.2015

16:22 Uhr

Charlie Hebdo erscheint wieder

„Die Botschaft, dass wir am Leben sind“

VonIsabelle Hanne

Eine Million Exemplare von „Charlie Hebdo“ sollen Mittwoch erscheinen. Bei der Planung ging es bewegend zu. Wie das Team der Satirezeitung kämpft. Eine Reportage.

Das Team von Charlie Hebdo plant die neue Ausgabe der Satirezeitung, die am Mittwoch in einer Auflage von einer Million Exemplaren erscheinen soll. AFP

Das Team von Charlie Hebdo plant die neue Ausgabe der Satirezeitung, die am Mittwoch in einer Auflage von einer Million Exemplaren erscheinen soll.

ParisEs wird eine besondere Ausgabe von „Charlie Hebdo“: Nach dem tödlichen Terrorangriff in der vergangenen Woche soll die Satirezeitung am kommenden Mittwoch in der Auflage von einer Million Exemplaren erscheinen. In einer bewegenden Redaktionssitzung haben die überlebenden Journalisten die Ausgabe zuvor geplant. Isabelle Hanne, Journalistin bei der linksliberalen französischen Tageszeitung „Libération“, veröffentlichte ihre Reportage über die Konferenz auf Französisch unter einer Creative-Commons-Lizenz und forderte andere Medien dazu auf, ihren Bericht nachzudrucken. Handelsblatt Online hat die Reportage ins Deutsche übersetzt.

Diese Redaktionssitzung von „Charlie Hebdo“ sollte insgesamt mehr als drei Stunden dauern. Neben Layout, Themen und Deadlines mussten die Journalisten an diesem Freitagmorgen auch über die Toten, die Verletzen, die Würdigungen und die Beerdigungen sprechen. In dem Konferenzraum, in dem „Libération“ normalerweise seine täglichen Besprechungen hält, haben sich die Überlebenden der Satirezeitung versammelt. In dem Raum, der von der einen Seite durch ein großes rundes Fenster erhellt wird, ist es sofort stickig. Durchzug soll den Zigarettenqualm vertreiben.

Auf dem großen, runden Konferenztisch stehen Computer, eine Leihgabe von „Le Monde“. Um den Tisch sitzen Willem, Luz, Coco, Babouse, Sigolène Vinson, Antonio Fischetti, Zineb El Rhazoui, Laurent Léger… (Anmerkung der Redaktion: Überlebende Redakteure und Mitarbeiter der Zeitung). Insgesamt mehr als 25 Personen mit grauen Gesichtern und geschwollenen Augen, der harte Kern, enge Freunde oder gelegentliche Mitarbeiter, bereiten hier die nächste Ausgabe von „Charlie Hebdo“ vor. Sie muss am Mittwoch erscheinen, in einer Auflage von einer Million, rund 20 Mal so hoch wie üblich.

Islamistischer Terror in Europa

Seit dem 11. September 2001

Seit den Terroranschlägen in den USA vom 11. September 2001 gab es auch in Europa eine Reihe islamistischer Attentate. Manche Pläne konnten gerade noch vereitelt werden. Beispiele:

März 2004

Bei Sprengstoffanschlägen auf Pendlerzüge in Madrid sterben 191 Menschen, etwa 1500 werden verletzt.

2. November 2004

Der Filmregisseur, Publizist und Satiriker Theo van Gogh wird in Amsterdam auf offener Straße ermordet.

Juli 2005

Vier Muslime mit britischem Pass zünden in der Londoner U-Bahn und einem Bus Sprengsätze. 56 Menschen sterben, etwa 700 werden verletzt.

Juli 2006

Im Kölner Hauptbahnhof werden in zwei Zügen Bomben gefunden, die wegen eines technischen Fehlers nicht explodierten. Der „Kofferbomber von Köln“ wird zu lebenslanger Haft erurteilt.

Januar 2010

Gut vier Jahre nach der Veröffentlichung seiner Mohammed-Karikaturen in der Zeitung „Jyllands-Posten“ entkommt der dänische Zeichner Kurt Westergaard nur knapp einem Attentat.

9. März 2010

Selbstmordanschläge auf die Moskauer Metro mit 40 Toten und 84 Verletzten. Der tschetschenische Terrorist Doku Umarow bekennt sich.

Dezember 2010

Bei einem Sprengstoffanschlag in der Stockholmer Fußgängerzone stirbt der Attentäter. Hintergrund war vermutlich der Einsatz schwedischer Soldaten in Afghanistan.

März 2011

Ein Kosovo-Albaner erschießt am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten und verletzt zwei weitere schwer.

Januar 2011

Bei einem Selbstmordanschlag auf dem internationalen Moskauer Flughafen Domodedowo sterben mindestens 37 Menschen. Die Ermittler machen Islamisten aus dem Nordkaukasus verantwortlich.

Dezember 2013

Bei Selbstmordanschlägen in der russischen Stadt Wolgograd sterben 34 Menschen im Bahnhof und in einem Bus. Islamisten aus dem Nordkaukasus bekennen sich zu den Attentaten.

Mai 2014

Im Jüdischen Museum in Brüssel erschießt ein französischer Islamist vier Menschen. Kurz darauf wird der Mann festgenommen.

7. Januar 2015

Mordanschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo in Paris. Zwölf Menschen fallen dem Anschlag zum Opfer.

13. November 2015

Bei mehreren Sprengstoffexplosionen im Pariser Stadtgebiet sterben 130 Menschen. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat bekennt sich zu dem Anschlag.

„Ich konnte alle im Krankenhaus sehen“, beginnt Gérard Biard, der Chefredakteur von „Charlie“. „Riss hat sich an der rechten Schulter verletzt, aber der Nerv ist nicht getroffen. Er hat offenkundig große Schmerzen. Das erste, was er gesagt hat, war, dass er nicht sicher sei, dass wir die Zeitung weiter herausbringen können.“ Fabrice Nicolino, bei dem Angriff mehrfach getroffen, „geht es besser“, auch wenn er „natürlich sehr leidet“. Patrick Polloux, Notarzt und Kolumnist für „Charlie“, berichtet über die Kieferverletzung eines weiteren Opfers, Philippe Lançon, der auch als Journalist für „Libération“ arbeitet. Simon Fieschi, der Webmaster von „Charlie“, wurde laut Polloux in ein künstliches Koma versetzt. Eine junge Frau bricht zusammen. „Du musst dich nicht schuldig fühlen“, tröstet Biard sie. Alle lassen schweigend die Köpfe hängen. Die Frau, die weint, ist die Journalistin Sigolène Vinson, die zum Zeitpunkt des Angriffs in der Redaktionssitzung war, von den Attentätern aber verschont wurde.

Dann macht Biard mit den Toten weiter. Wie organisiert man die Beerdigungen? Und die nationale Trauerveranstaltung? Mit welcher Musik? Und immer noch keine Fahnen? „Wir sollten kein Symbol verwenden, das sie gehasst hätten“, sagt jemand, der am Tisch sitzt. „Sie haben Leute getötet, die kleine Männchen gezeichnet haben. Keine Fahnen. Wir müssen der Einfachheit dieser Menschen gedenken, ihrer Arbeit. Unsere Freunde sind tot, aber wir stellen sie nicht zur Schau.“ Alle stimmen zu.

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

12.01.2015, 16:45 Uhr

Satire und Journalismus sollen kritisch, provokativ, entlarvend und auch beleidigend diesseits des Rechtes der Meinungsfreiheit sein. Sie müssen es sein, wollen sie nicht sich selbst marginalisieren.

Amtsträger wie etwa Bundeskanzler, Minister und ihre Präsidenten, Kirchenfunktionäre von ganz oben bis nach unten allerdings unterliegen nach unserer Verfassung der Pflicht zur Amtsneutralität solange sie sich öffentlich äußern.

Dazu urteile soeben das Verwaltungsgericht Düsseldorf und untersagte etwa dem Bürgermeister, öffentliche Beleuchtungen zu Meinungsäußerungen zu mißbrauchen.

So stellen sich etwa Minister Maas, die Kanzlerin Merkel und der Kölner Katholikenobere außerhalb des Grundgesetzes, nehmen sie öffentlich Partei - und lassen etwa Lichter ausschalten.

Das ist einfach zu begreifen - nur leider zunehmend nicht mehr von öffentlichen Personen, was gegen deren Qualität spricht.

Herr Edmund Stoiber

12.01.2015, 16:55 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Tom Schmidt

12.01.2015, 17:26 Uhr

Ich glaub da überinterpretieren Sie ein wenig die Tatsachen. Amtsträger haben durchaus das Recht und die Pflicht öffentlich zu wirken. Das wiederum kann man kritisieren wenn man inhaltlich eine andere Meinung hat. Sonst würde die nächste Regierungserklärung auch etwas arg kurz und langweilig...

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