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14.01.2015

11:46 Uhr

Charlie Hebdo

„Im Paradies schnappen sie uns die Jungfrauen weg“

VonThomas Hanke

Das Bild vom weinenden Mohammed geht um die Welt: Die neue Ausgabe der Satirezeitschrift Charlie Hebdo liegt am Kiosk. Die Macher kontern den Terror mit Humor – und verspotten sogar die beiden Attentäter.

ParisNotoperation geglückt: Die unter extremen Bedingungen produzierte neue Ausgabe der Satirezeitung Charlie Hebdo ist nur eine Woche nach dem Massaker in der Redaktion im Verkauf. Schon um halb acht am Mittwochmorgen waren die Kioske ausverkauft. Wer ein Exemplar der 16 Seiten starken neuen Charlie Hebdo ergattern wollte, musste beispielsweise vor dem Drugstore Publicis Schlange stehen, der erst um acht Uhr öffnete und sich eine größere Lieferung gesichert hatte. Nun sollen bis zu fünf Millionen Exemplare gedruckt werden.

Viele Franzosen – und auch viele Ausländer – wollen die Ausgabe Nummer 1178 als Erinnerungsstück. Aber lohnt sich der Kauf für den, der harte Humor-Maßstäbe anlegt? Gelingt der Redaktion der schier unmögliche Balanceakt, den Tod der eigenen Kollegen zu betrauern und trotzdem komisch zu bleiben? Zweimal ja. So schräg es wirkt, und obwohl sie bei der Produktion teils noch traumatisiert, teils nur am Weinen waren: Das Lachen ist der Redaktion nicht abhandengekommen. Der Terror hat den Humor nicht besiegt.

Seite Eins mit dem weinenden Mohamed ist auch in Deutschland bereits veröffentlicht worden. Auf Seite 2 findet sich die vielleicht beste Karikatur der Ausgabe, eine bislang unveröffentlichte von Tignous, der am 7. Januar erschossen wurde. Sie wirkt geradezu prophetisch. Drei Fundamentalisten sitzen zusammen, einer von ihnen sagt: „Die Leute von Charlie Hebdo dürfen wir nicht anrühren!“ Die anderen antworten: „Sonst gelten sie als Märtyrer und im Paradies schnappen diese Wichser uns die Jungfrauen weg!“

Die offenen Fragen zu den Paris-Anschlägen

Gehen noch mehr Anschläge auf das Konto der Islamisten?

Amédy Coulibaly (der Supermarkt-Geiselnehmer) verübte womöglich noch zwei weitere Anschläge: Am vergangenen Mittwochabend wurde in Fontenay-aux-Roses südlich von Paris ein Jogger durch Schüsse verletzt. Die Ermittler bringen eine im von ihm überfallenen jüdischen Supermarkt gefundene Pistole der Marke Tokarew mit den Schüssen auf den Jogger in Verbindung.

Am Donnerstag detonierte zudem in Villejuif bei Paris eine Autobombe, ohne dass es Verletzte gab. In einem mutmaßlichen Bekennervideo Coulibalys ist unter anderem von einem „Sprengsatz“ an einem Auto die Rede, laut Ermittlern gibt es bei der Tat noch mehr Hinweise für eine Verbindung zu dem Islamisten.

Hatten die Attentäter Komplizen?

Premierminister Manuel Valls sprach am Montag von vermutlich mindestens einem Komplizen. Coulibaly habe "wahrscheinlich einen Komplizen" gehabt, sagte der Regierungschef. Darauf deutet auch das Bekennervideo des Islamisten hin: Dort ist von der Geiselnahme im jüdischen Supermarkt die Rede, bei der Coulibaly am Freitagnachmittag von Elite-Einheiten erschossen wurde. Das Video wurde also von einem Dritten angefertigt. Möglich ist auch, dass ein Komplize mit der später bei Coulibaly gefundenen Tokarew-Pistole auf den Jogger in Fontenay-aux-Roses schoss.

Auch bei den Kouachi-Brüdern war immer wieder die Rede von einem möglichen dritten Beteiligten beim Anschlag auf „Charlie Hebdo“. Ein junger Mann, der zwischenzeitlich als Fahrer verdächtigt wurde, wurde aber entlastet.

Woher hatten die Attentäter Geld und Waffen?

Die Islamisten hatten ein wahres Arsenal an Waffen und Sprengstoff bei sich. Ein Experte schätzt den Schwarzmarkt-Preis der bei den Kouachi-Brüdern gefundenen Waffen auf 7000 Euro, bei Coulibaly auf 6000 Euro. Unklar ist, woher das Geld kam und wie die Attentäter sich die Waffen besorgten. Zumindest Coulibaly war als Wiederholungstäter bei Straftaten wie Diebstahl, Raub und Drogenhandel bekannt.

Bildeten die Attentäter eine Terrorzelle?

Die Ermittler gehen der Frage nach, ob die Islamisten eine durchorganisierte Terrorzelle bildeten - und ob sie womöglich sogenannte Schläfer waren, die von Al-Kaida aktiviert wurden. Chérif Kouachi gab an, von Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Aqap) beauftragt worden zu sein. Coulibaly bezeichnete sich als Mitglied des IS. Weder Al-Kaida noch der Islamische Staat haben sich aber zu der Anschlagsserie von Paris bekannt. Die Ermittler untersuchen auch die Verbindungen, die die Kouachi-Brüder und Coulibaly mit anderen Islamisten in Frankreich hatten.

Wie oft reisten die Attentäter ins Ausland?

Chérif und Said Kouachi reisten 2011 beide in den Jemen, zumindest Said wurde dort offenbar von Al-Kaida im Umgang mit Waffen ausgebildet. Said soll auch 2009 und 2013 in dem Land gewesen sein, das als Hochburg von Islamisten bekannt ist. Bestätigt ist dies aber nicht. Bei Coulibaly sind dagegen keine Auslandsreisen in gefährliche Gebiete bekannt, wie Premier Valls sagte.

Charlie hat nichts vom Ordinären, Respektlosen, blasphemischen und sexbesessenen Stil verloren, der das Blatt seit Jahren auszeichnet. Auf Seite drei eine Zeichnung von Cabu, auch er wurde am vergangenen Mittwoch erschossen. Unter der Überschrift „Geschiedene Frauen dürfen die Kommunion empfangen“ ist ein Priester mit Hostien zu sehen, vor sechs attraktiven Frauen, die den Mund weit aufsperren. „Mein Gott, verzeihe diesen Schwanzlutscherinnen“, denkt der Kirchenmann.

In der Mitte der Doppelseite liest man einen selbstironisch-nachdenklichen Leitartikel. „Seit einer Woche hat unsere atheistische Zeitung mehr Wunder vollbracht als alle Heiligen und Propheten zusammen“, schreibt Gérard Biard, der die Hoffnung ausdrückt, dass es nach dem Mord an sieben Zeichnern und Redakteuren kein „Ja, aber…“ mehr wie in der Vergangenheit geben werde: „Ja, Zeichner bedrohen ist schlecht, aber… ja, eine Redaktion anzünden ist schlecht, aber…“ Die Redaktion habe sich in den letzten Jahren manchmal sehr allein gefühlt, schreibt Biard, und hoffe, „dass der Laizismus in Zukunft ohne Einschränkungen verteidigt wird, dass niemand mehr aus politischem Kalkül oder Feigheit Parallelgesellschaften oder kulturellen Relativismus vertritt.“

Dazu passt, dass ein paar Seiten weiter hinten in einem Stück über Auslandsreaktionen FT-Chefredakteur Tony Barber kritisiert wird, weil er geschrieben habe, Charlie sei „zu oft verantwortungslos gewesen“ und „die Zeichner schlichtweg dumm“. Mit beißendem Spott reagiert die Redaktion: „Das sind harte Worte, dabei ist es doch so leicht, elegant zu bleiben, wie auf der Facebook-Seite ‚Ich bin nicht Charlie‘, wo es heißt: ‚Keep calm and say Allah Akbar“.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

14.01.2015, 19:36 Uhr

Die sind ja wirklich gut - besser als gedacht.
Vielleicht ein wenig zu links, aber das sei verziehen, denn wie sonst soll das Ganze denn noch richtig morbide wirken.

Herr C. Falk

14.01.2015, 19:37 Uhr

Charlie Hebdo ist anarchistisch-trozkistisch, libertär, antiklerikal, atheistisch und französisch durch und durch in der Tradition von 1789.

Ins "Pardies" kommen die Dahingeschiedenen also kaum, weder ins Paradies des Propheten noch ins "christliche", wenn sie nicht maustot sind ohne Restbestände, was immerhin möglich ist, werden sie auf der Wolke der Großsatiriker landen, wo sich Jonathan Swift und Honore Daumier amüsieren, allerdings wohl eher in dienender Position.

Ob´s da knackige Jungfrauen gibt, sei einmal dahin gestellt.lol

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