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17.03.2004

10:05 Uhr

Chef im Knast - Geld wird weiter verbrannt

„Black Box“ Comroad

VonMartin-W. Buchenau

Die Straßennamen klingen verheißungsvoll – „Einstein“, „Röntgen“, „Bosch“. Während des Börsenbooms in den 90er-Jahren sammelten sich hier im Münchener Vorort Unterschleißheim die Gründer. Sie sind in trostlose Gebäudekonglomerate eingezogen, die bis in die Wohngebiete hereinwuchsen. Der zweistöckige Zweckbau mit bordeauxfarbenen Fensterrahmen in der Edison-Straße 8 ist einer davon und beherbergt im ersten Stock das Telematikunternehmen Comroad.

MÜNCHEN. „Ohne Termin kann ich nichts für sie tun“, weist die Comroad-Angestellte den Besucher freundlich, aber bestimmt an der grauen Eingangstür ab. Nicht einmal eine aktuelle Firmenbroschüre ist zu erhalten. Per E-Mail lässt die Firmenleitung schließlich wissen, dass kein Interesse an einem Interview besteht. Der Betrieb bleibt eine „Black Box“.

Doch das vielleicht größte Skandalunternehmen, das der Neue Markt in seiner kurzen Geschichte geboren hat, existiert noch immer. Firmengründer Bodo Schnabel hatte zwischen 1999 und 2001 nahezu alle Umsätze erfunden, beim Börsengang 100 Millionen Euro eingesammelt und den Kurs mit Falschmeldungen in die Höhe getrieben. Bis der Schwindel aufflog und Schnabel nach einem Aufsehen erregenden Prozess im November 2002 zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde. Seine Frau erhielt zwei Jahre auf Bewährung. Sie hatte Rechnungen geschrieben – an einen asiatischen Partner, den es nicht gab.

Hinter verschlossenen Türen wursteln heute acht verbliebene Mitarbeiter vor sich hin. Chef ist jetzt der Techniker Hartmut Schwamm, schon vor Aufdeckung des Skandals im Unternehmen. Der Staatsanwalt konnte ihm beim Prozess nicht nachweisen, dass er etwas von den Betrügereien wusste.

Was Comroad heute genau tut, bleibt im Unklaren. Sicher ist nur: Das Unternehmen verbrennt weiter Geld – Geld, das die Aktionäre beim Börsengang bezahlten. Und Schwamm verdient weiter sein Vorstandsgehalt.

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