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25.04.2013

20:32 Uhr

Datengeschäfte

Wie Bertelsmann an der Rundfunkgebühr verdient

VonHans-Peter Siebenhaar

ExklusivEigentlich gilt RTL-Mutterkonzern Bertelsmann als harter Konkurrent der öffentlich-rechtlichen Sender. Doch seit der Einführung der Rundfunkgebühren verdienen auch die Gütersloher mit - am Datengeschäft.

Der Unternehmenssitz der RTL Mediengruppe Deutschland. dpa

Der Unternehmenssitz der RTL Mediengruppe Deutschland.

DüsseldorfEuropas größter Medienkonzern Bertelsmann profitiert von der neuen Rundfunkgebühr für ARD, ZDF und Deutschlandradio. Denn die Beitragszentrale des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, früher bekannt als GEZ, least von einer Tochter des Bertelsmann-Mediendienstleisters Arvato Daten von Firmen und Selbstständigen. Das bestätigte ein Unternehmenssprecher dem Handelsblatt (Freitagausgabe). Bertelsmann ist der Mutterkonzern von RTL, dem schärfsten Konkurrenten von ARD und ZDF.

Welchen finanziellen Umfang der Vertrag der Beitragszentrale mit der Gütersloher Datenfirma BE Direct hat, darüber machen sowohl Bertelsmann als auch ARD und ZDF keine Angaben. „Vertragsdetails mit Unternehmen werden generell nicht kommuniziert“, sagte eine Sprecherin des SWR-Justiziars Hermann Eicher, der für den neuen Rundfunkbeitrag zuständig ist.

Wie Kommunen unter der neuen GEZ-Gebühr leiden

Heilbronn

Gebühr früher: 13.000 Euro
Gebühr heute: 40.000 Euro
Mehrkosten: 27.000 Euro (208 Prozent)

Quelle: Recherchen der NRW-FDP

Gelsenkirchen

Gebühr früher: 23.000 Euro
Gebühr heute: 71.000 Euro
Mehrkosten: 48.000 Euro (209 Prozent)

Bonn

Gebühr früher: 15.475 Euro
Gebühr heute: 48.573 Euro
Mehrkosten: 33.098 Euro (214 Prozent)

Baden-Baden

Gebühr früher: 6.200 Euro
Gebühr heute: 20.000 Euro
Mehrkosten: 13.800 Euro (223 Prozent)

Münster

Gebühr früher: 20.000 Euro
Gebühr heute: 66.000 Euro
Mehrkosten: 46.000 Euro (230 Prozent)

Mülheim

Gebühr früher: 10.000 Euro
Gebühr heute: 40.000 Euro
Mehrkosten: 30.000 Euro (300 Prozent)

Düsseldorf

Gebühr früher: 25.000 Euro
Gebühr heute: 150.000 Euro
Mehrkosten: 125.000 Euro (500 Prozent)

Rheinbach

Gebühr früher: 1.000 Euro
Gebühr heute: 7.000 Euro
Mehrkosten: 6.000 Euro (600 Prozent)

Solingen

Gebühr früher: 3.000 Euro
Gebühr heute: 27.000 Euro
Mehrkosten: 24.000 Euro (800 Prozent)

Bergisch-Gladbach

Gebühr früher: 2.000 Euro
Gebühr heute: 20.000 Euro
Mehrkosten: 18.000 Euro (900 Prozent)

Ein Problem in der Zusammenarbeit mit den Bertelsmann-Datensammlern sehen die Anstalten nicht. „Der Beitragsservice von ARD, ZDF und Deutschlandradio mietet Adressen von Unternehmen an, um auch im nichtprivaten Bereich eine möglichst weitgehende Beitragsgerechtigkeit herzustellen. Dies ist explizit im Rundfunkbeitragsstaatsvertrag vorgesehen“, sagte eine Sprecherin. Im privaten Bereich dagegen werde es bis mindestens Ende 2014 keine Adressanmietungen geben.

Vertragspartner von ARD, ZDF und Deutschlandradio ist die Arvato-Tochter Be Direct, an der auch Creditreform beteiligt ist. Im Mittelpunkt des Datenleasings für die Gebührenzentrale stehen nach Auskunft eines Arvato-Sprechers kleine und mittlere Unternehmen. Die Datenbank von BE Direct enthalte über drei Millionen Firmenadressen. Der Vertrag mit den Gebühreneintreibern sei in diesem Jahr auf Vermittlung der AZ Direct geschlossen worden. Die Anstalten selbst wollten sich nicht näher zu der Kooperation mit Bertelsmann äußern.

Die Geschäftsfelder von Bertelsmann

Bücher

Das Buchgeschäft ist die Keimzelle von Bertelsmann: Gründer Carl Bertelsmann erhielt 1835 die Konzession der preußischen Regierung zur Einrichtung einer Buchdruckerei. Unter dem Dach des Konzerns ist inzwischen die größte Publikumsverlagsgruppe der Welt entstanden: Zunächst unter dem Namen der US-Tochterfirma Random House, seit 2012 in einem Joint Venture mit Pearson, an dem die Gütersloher 53 Prozent halten. Penguin Random House heißt der Gigant mit seinen 11.800 Mitarbeitern.

Fernsehen

Die RTL Group betreibt 53 TV- und 28 Radiosender in neun Ländern Europas sowie Indien. Gerade in Deutschland ist das Unternehmen stark – mit den Stationen RTL, Vox, RTL II, Super RTL, RTL Nitro und n-tv. Bertelsmann hält 92,3 Prozent an der Sendergruppe.

Zeitschriften

Ob „Stern“, „Geo“ oder „Brigitte“: An europäischen Kiosken sind die Zeitschriften von Gruner + Jahr nicht zu übersehen. Bertelsmann hält seit den 70er Jahren die Mehrheit an den Verlag, Ende 2014 will der Medienkonzern die verbliebenen Anteile von der Jahr-Familie kaufen.

Dienstleistungen

Arvato ist die wohl vielseitigste Tochter von Bertelsmann: Die Dienstleistungssparte erstellt digitale Medien, ist im E-Commerce tätig, bietet aber auch zahlreiche Unternehmenslösungen für Kundenpflege, Produktionsplanung und Datenmanagement, außerdem IT-Services. Die Sparte hat mehr als 66.000 Mitarbeiter.

Druck

Bertelsmann gliederte die Druckaktivitäten 2012 in die Sparte Be Printers aus. Diese fertigt Zeitschriften, Kataloge, Prospekte, Bücher und Kalender. Zudem bietet sie Dienstleistungen an. Die Bertelsmann-Tochter betreibt Druckereien in Deutschland, Großbritannien, Italien und Spanien sowie den USA und Kolumbien und hat 6200 Mitarbeiter.

Musik

Musik gehörte lange zum Kerngeschäft von Bertelsmann. Allerdings verkaufte der Konzern 2006 seinen Musikverlag BMG, 2008 gab er auch seinen Anteil am Gemeinschaftsunternehmen Sony BMG ab und verabschiedete sich so aus dem Tonträgergeschäft. 2013 holten die Gütersloher die Musik vom Finanzinvestor KKR zurück in den Konzern. Das Geschäft gehört zum Bereich Corporate Investments, der alle übrigen operativen Aktivitäten von Bertelsmann umfasst.

Zu Jahresanfang wurde die bisherige Gerätegebühr für ARD, ZDF und Deutschlandradio abgeschafft. Bei der neuen Rundfunkgebühr werden alle Haushalte und Unternehmen zum Zahlen verpflichtet, auch wenn sie die Angebote der Anstalten im Fernsehen, Radio und Internet gar nicht nutzen. Dagegen laufen insbesondere Firmen mit vielen Filialen wie Rossmann oder Rewe Sturm.

Kommentare (3)

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Livia

26.04.2013, 10:29 Uhr

Die Unternehmen haben Recht, sich dagegen zu wehren; denn kaum ein Arbeitgeber stellt seine Leute zum Ferneshgucken ein! Auch erhöht es den Betriebsfrieden, wenn er das Radiohören grundsätzlich nicht erlaubt; denn es ist eher selten zu erwarten, daß alle Mitarbeiter den selben Geschmack haben. Im Gegenzug nimmt die Gebührenpflicht dem Chef DEN Grund aus den Segeln, es weiterhin zu verbieten - es sollen doch alle schön indoktriniert werden können - ein Schelm ...

Davon ab sollte ein über Zwangsebühren finanziertes Radio und Fernsehen - was ja einer Steuer entspricht, wenn es alle bezahlen müssen - nur über jeweils einen Radio- und Fernsehsender pro Region verfügen und ausschließlich Informations-, Schulungs- und Dokumentationssendungen bringen. Also keine Unterhaltungssendungen, Musiksendungen, Sportübertragungen, selbstproduzierte sowie eingekaufte Serien und Spielfilme!
Dann könnte man den ganzen Betrieb derart reduzieren, daß man wahrscheinlich mit höchstens Dreifuffzig im Monat auskäme.

Momentan sieht es doch wohl kaum einer ein - und da vor allem die nicht, die den Kram ohnehin nicht konsumieren können oder wollen, daß überbezahlte "Stars" ala Gottschalk, Kuli und Co. aufgebaut werden, zweitklassige Schauspieler und Schlagersänger und solche im Rentenalter in Eigenproduktionen ihre gutbezahlte ABM erhalten sowie der ganze überbordende Apperat dahinter in dem per Vetternwirtschaft "verdiente" Parteisoldaten in einen sicheren Job weggelobt oder deren Verwandte / Bekannte untergebracht werden.
Jeder Privatsender kommt bei einer Übertragung locker mit weniger als einem Dritten des Personals aus ...

Den ganzen Unsinn auch noch als "Demokratieabgabe" zu bezeichnen, da kommt sich der Letzte reichlich verarscht vor! Und die Kanzlerin und Liz Mohn sind ja gut befreundet - da wundert einen auch nichts mehr!
Und wer schon reich ist, der bekommt bekanntlich den Hals nie voll - siehe Dagobert Duck!

manuela

26.04.2013, 10:53 Uhr

www.ufa.de (auch Bertelsmann)
produziert auch für viel Geld seichten Unsinn
für ARD, ZDF und die Dritten!

manuela

27.04.2013, 13:56 Uhr

Laut einer Bertelsmann Studie empfindet die Mehrheit der Deutschen den Islam als Bedrohung. Nach all der Hetzerei hat es Bertelsmann endlich geschafft. Warum empfinde ich nun Bertelsmann als Bedrohung?

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