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31.08.2013

14:06 Uhr

Datenschutz

Mein Blick in die Kristallkugel

VonRebecca Ciesielski

Der große Protest der Deutschen gegen die Ausspähung ihrer Daten blieb aus. Dabei kann anhand des Internet-Nutzungsverhaltens längst ein detailliertes Persönlichkeitsbild erstellt werden, wie ein Selbstversuch zeigt.

Wie Wahrsager: Das Wissen, das Computerprogramme über uns haben, ist enorm. Getty Images

Wie Wahrsager: Das Wissen, das Computerprogramme über uns haben, ist enorm.

DüsseldorfIch habe viel zu verbergen. Was genau, ahne ich noch nicht einmal.  Andere haben da einen besseren Überblick:  Computerprogramme, die gewissenhaft meine Daten im Internet auswerten und Theorien über mich entwickeln. Sie versuchen mein Verhalten zu deuten und meine Zukunft vorherzusagen. Können sie das wirklich? Das testete ich in einem Selbstversuch.

Immersion – Google ins Netz gegangen

„Immersion“  ist ein Projekt  der US-Hochschule Massachusetts Institute of Technology. Erlaubt man dem Programm den  Zugriff auf das eigene Gmail-Konto, wertet es die dort gespeicherten Daten aus. Das Ergebnis ist eine Grafik, in der ein Nutzer nachverfolgen kann, wie viele Kontakte er gesammelt hat und wem er wann wie oft eine E-Mail geschrieben hat. Nicht die Inhalte der Mails sind für „Immersion“ relevant, sondern die Frage, wie gut jemand vernetzt ist. Informatikstudenten haben das Programm entwickelt, um zu zeigen, was alles möglich ist. „Immersion“ sei in erster Linie Kunst und diene der Selbstreflektion, sagen die Macher. Von einem kommerziellen Zweck des Programms sprechen sie nicht.

Bei jeder Cursorbewegung blubbern  verschieden große und bunte Blasen über meinen Bildschirm. Denn ich habe gerade mein Gmail-Konto an „Immersion“ verfüttert. Die vernetzten Kreise zeigen mein Sozialleben. Oder zumindest wie oft ich mit welchen Personen in den vergangenen dreieinhalb Jahren per Mail in Kontakt stand. Jeder Kreis stellt eine Person dar. Manche der Kreise sind mit anderen verknüpft, andere stehen einsam am Rand.

Mein E-Mail-Leben auf einen Blick: „Immersion“ zeigt mir, wie oft ich mit wem in Kontakt stand.

Mein E-Mail-Leben auf einen Blick: „Immersion“ zeigt mir, wie oft ich mit wem in Kontakt stand.

Ich klicke auf den Kreis, an dem der Name einer guten Freundin steht. Das Bild verändert sich. Julia (alle Namen geändert) ist jetzt in der Mitte, von ihrem Kreis gehen 23 Verbindungen zu gemeinsamen Freunden ab. Ich habe ihr in den vergangenen 2,8 Jahren 248 Mal geschrieben und sie hat mir 153 Mal geantwortet. Was für ein Ungleichgewicht! Unser letzter Kontakt liegt 6,4 Stunden zurück. 

Das Kapitel „Julia“ ist nur ein Ausschnitt meines Gmail-Lebens. Wenn  ich mit einem Regler den Zeitraum der Grafik ändere, sehe ich Menschen auftauchen, andere verschwinden. In welchem Jahr kamen die meisten Adressen hinzu, wann verebbten Korrespondenzen?  Bin ich jemand, der viele Gruppenmails verschickt? Das alles auf einen Blick.

Meine Daten und ich

Die Internetgiganten und die NSA-Affäre

Aus jüngst veröffentlichten Dokumenten des Whistleblowers Edward Snowden geht hervor, dass US-Internetfirmen wie Google, Facebook, Yahoo und Microsoft für die Weitergabe von Daten an den amerikanischen Geheimdienst NSA offenbar Zahlungen in Millionenhöhe erhalten haben. Um an Nutzerdaten zu kommen, muss die NSA nicht auf die Server zugreifen: Datenpakete mit Bezug zu Facebook oder Google können auch an anderer Stelle abgefangen werden.

Datenschutzrichtlinien

Gmail-Nutzer dürften keine „vernünftigen Erwartungen an die Privatsphäre auf dem Server“ stellen, teilte Google vor Kurzem einer US-Verbraucherschutzorganisation mit. Was bedrohlich klingt, ist in den Datenschutzbestimmungen geregelt, die jeder Nutzer bei Kontoeröffnung bestätigt. "Wir erfassen (...) Informationen über die von Ihnen genutzten Dienste und die Art und Weise, wie Sie diese nutzen". Die Daten werden mit dem Gmail-Account verknüpft, lassen sich also auf eine Person beziehen.  

Meine Persönlichkeit ist Gold wert

Laut den Marktanalysten von eMarketer liegt Googles weltweiter Anteil an Online-Werbung im Jahr 2012 bereits bei über 50 Prozent – Tendenz steigend. Google scannt den Inhalt von E-Mails, verfolgt und identifiziert die Nutzer seines Suchmaschinenangebots über Cookies und personalisiert  die Ergebnislisten von Suchanfragen. Zwei Personen können so bei gleichem Suchbegriff völlig unterschiedliche Ergebnisse erhalten – mit individuell auf sie abgestimmten Werbeanzeigen.

Big Data: Auch ich bin vorhersagbar

Laut IT-Branchenverband Bitkom geht es bei der Technik Big Data darum, große unstrukturierte Datenmengen, wie Tweets, Blogs, Texte und Fotos in eine „sinnvolle“ Form zu bringen. Echtzeit und die Berücksichtigung vieler verschiedener Formate ermöglichen das „Erkennen von Zusammenhängen, Bedeutungen, Mustern, Vorhersagen“. Wie genau die Internetkonzerne damit arbeiten, bleibt unklar. „Apple oder Google nutzen diese Möglichkeiten virtuos“, steht in einer Bitkom-Publikation.

Meine Daten sind zunächst nur Diagramme und Zahlen. Aber 2012 nutzten laut Google  425 Millionen Menschen den E-Mail-Dienst Gmail. Und alle kann das Unternehmen nach Belieben abschöpfen, vergleichen und auswerten. Also, was sagt es über mich aus, dass ich durchschnittlich mehr E-Mails verschickt als empfangen habe? Nicht viel, finde ich. Aber „Immersion“ ist erst der Anfang meiner Reise in die Tiefen des Web 2.0. Denn mein Online-Sozialleben habe ich hauptsächlich über Facebook versendet, gepostet und verlinkt.

Kommentare (15)

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Gewinn

31.08.2013, 14:19 Uhr

Es ist halt vielen Menschen schlicht egal. Das Gespür, dass "Privates" einen Wert darstellt geht bei Vielen verloren. Gesetze, die es schützen, werden "flacher", da die "Datensammelwut" auch wirtschaftliche Werte darstellt.

Niemand wird allerdings gezwungen "dies und das" zu nutzen.

Es muss nicht alles zu jeder Zeit genutzt werden - das hat auch einen Luxuswert. Früher hatten die Menschen auch nicht Handy,google,etc.& Co.. Das "andere Leben" ohne diese Dinge kann auch wieder neu entdeckt werden.

Diese Art der "Reduktion" kann auch zu einer positiven Entschleunigung führen. Andere Werte gewinnen so wieder an Bedeutung, was auch gut für das innere Ich ist. Anderes neu entdecken, kann auch Gewinn bedeuten.

Gast

31.08.2013, 14:42 Uhr

"Der große Protest der Deutschen gegen die"

Danach kann man beliebig jedes Thema das negativ für den Grossteil der Bevölkerung ist einfügen.
Der deutsche beschwert sich erst, wenn es zu spät ist. Wenn überhaupt.
Ja, aktive Gruppen, die sich gegen einen Missstand wehren, werden zum Teil sogar verspottet oder gar verunglimpft.

Account gelöscht!

31.08.2013, 15:24 Uhr

Daten werden massenhaft weitergegeben und genutzt. Was man bei Google sucht, taucht bald darauf als Werbebanner wieder auf. Wenn man allerdings sieht, wieviele Leute z.B. in Facebook alles über sich preisgeben, z.T. ihre gesamte Lebensgeschichte erzählen, dann ist es den meisten wohl wirklich sch..ßegal.

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