Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.06.2013

07:16 Uhr

Debatte um NSA-Datenschnüffelei

Google und Facebook wollen die Guten sein

VonNils Rüdel

Nach den Enthüllungen über das Geheimdienst-Progamm PRISM fürchten IT-Konzerne um das Vertrauen der Nutzer. Google, Facebook und Microsoft gingen nun in die Offensive – und forderten mehr Transparenz von der Regierung.  

Technik eines Google-Rechenzentrums im US-Bundesstaat Oregon. dpa

Technik eines Google-Rechenzentrums im US-Bundesstaat Oregon.

New YorkSeit kurzem macht auf Facebook eine Fotomontage die Runde. Sie zeigt ein Menü für die Einstellungen der Privatsphäre. So weit, so normal. Die Auswahl, wer die eigenen Statusmeldungen sehen soll, ist allerdings wenig erbaulich: „Öffentlich“ – „Freunde und die CIA“ – „Nur ich und die CIA“ – „Nur die CIA“.

Der Witz zeigt: Internet-Dienste wie Facebook oder Google haben seit den Enthüllungen über das PRISM-Programm der US-Geheimdienste ein gewaltiges Imageproblem. Auch wenn Sorgen um den Datenschutz nichts Neues sind – seit bekannt ist, dass Spione der Regierung offenbar routinemäßig weltweit E-Mails, Dokumente und Informationen über den Standort abgreifen, sorgen sich Internet-Nutzer umso mehr um ihre Privatsphäre.

Für die Konzerne ist das eine gefährliche Entwicklung, schließlich verdienen sie ihr Geld damit, dass Menschen im Internet Daten austauschen. Deshalb sind nun Google, Facebook und Microsoft nach tagelanger Schreckstarre in die PR-Offensive gegangen: Am Dienstag forderten sie die US-Regierung öffentlich zu mehr Transparenz auf. Sie baten darum, alle geheimen Anfragen der Behörden nach Nutzerdaten veröffentlichen zu dürfen. Allerdings gehen die Firmen nicht auf die Vermutung ein, dass amerikanische Geheimdienste auch direkt bei Internet-Providern Daten in unbekanntem Umfang absaugen könnten.

Fragen und Antworten zu PRISM

Bekommen US-Geheimdienste Informationen von Internet-Unternehmen?

Ja, und das ist auch seit Jahren bekannt. Nach dem „Patriot Act“ können Behörden mit Gerichtsbeschluss Zugang zu Informationen bekommen. Das neue an den Berichten über ein Programm Namens „PRISM“ wäre der freie Zugang zu den Servern von Google, Facebook & Co. statt eines punktuellen Zugriffs. Sowohl die Regierung als auch die Unternehmen weisen dies zurück. Laut US-Geheimdienstkoordinator James Clapper ist „PRISM“ nur ein internes Computersystem der Behörden.

Die US-Regierung betont, dass die Überwachung und die Verwendung der Daten strikt überwacht werden, von wem?

Die Abläufe bleiben komplett im geheimen Bereich. Die Geheimdienstanfragen nach Nutzerdaten müssen zwar von einem Gericht bewilligt werden - aber es ist ein speziell dafür geschaffenes Gericht mit elf Richtern. Die Anfragen sind so geheim, dass die Unternehmen selbst über ihre Existenz schweigen müssen.

Gibt es Anhaltspunkte dafür?

Die „New York Times“ zitierte am Wochenende einen Juristen „einer Technologiefirma“, der berichtete, wie die NSA einen Agenten ins Hauptquartier des Unternehmens abkommandiert habe, um den Verdächtigen in einem Cyberangriff zu überwachen. Der Agent habe von der Regierung entwickelte Software auf dem Server installiert und sei für mehrere Wochen geblieben, um Daten in ein Notebook der Agentur herunterzuladen. In anderen Fällen fordere die NSA Echtzeitdaten an, die dann digital übermittelt würden.

Könnte der Geheimdienst sehen, wie Ideen beim Tippen entstehen?

Das muss kein Widerspruch sein. Der amerikanische Journalist und Geheimdienstexperte Marc Armbinder beschreibt das Funktionieren des „PRISM“-Systems so: Zum Beispiel könnte Facebook die Anordnung bekommen, Informationen über alle Profile aus Abbottabad in Pakistan herauszurücken, angenommen, es gibt 50 davon. „Diese Accounts werden ständig aktualisiert. Also erstellt Facebook eine „Spiegel“-Version der Inhalte, zu der nur die NSA Zugang hat. Die ausgewählten Profile werden in Echtzeit sowohl auf dem Facebook-Server als auch auf dem gespiegelten Server aktualisiert. "PRISM" ist das Werkzeug, das das alles zusammenbringt.“

Könnte die NSA Daten auch ohne Kooperation bekommen?

Absolut. Und Zunger beschreibt eine Möglichkeit dafür: Sie könnten den Datenstrom bei den Anbietern von Internet-Zugängen abgreifen und Datenpakete mit Bezug zum Beispiel zu Facebook oder Google herausfiltern.

Wie glaubwürdig sind die Dementis der Internet-Konzerne?

Sie sind ähnlich formuliert und beziehen sich auf einen „direkten Zugriff“ auf Server der Unternehmen. Zugleich klingen einige davon auch sehr persönlich und aufrichtig. So versicherte der Chefentwickler des Online-Netzwerks Google+, Yonathan Zunger, er würde kündigen, wenn er davon Wind bekäme. Und er sei in einer Position bei Google, in der er eine so groß angelegte Spionageaktion eigentlich hätte mitkriegen müssen. Zunger ist offen in seiner „Abscheu“ für die NSA: „Wir haben nicht den Kalten Krieg geführt, damit wir die Stasi nachbauen können“.

Mit der PR-Offensive wollen die Firmen das Image der Daten-Verräter loswerden und sich vielmehr als Beschützer der Daten positionieren. Es gilt, den zentralen Vorwurf des Informanten Edward Snowden zu erschüttern, der die Existenz von PRISM enthüllt hatte: dass die größten Internet-Konzerne den US-Geheimdiensten freiwillig und uneingeschränkt Zugang zu Nutzerdaten gewährten.

Google und andere Internetfirmen sind bislang zum Schweigen verdammt, wenn sie auf Grundlage des Auslandsspionage-Gesetzes FISA verpflichtet werden, Daten herauszugeben. Ein spezielles Gericht muss eine derartige Anfrage freigeben.

Kommentare (14)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Numismatiker

12.06.2013, 10:06 Uhr

"Google und Facebook wollen die Guten sein"

Und Kim Jong Un ist ein liebevoller , demokratisch legitimierter Staatschef.

RumpelstilzchenA

12.06.2013, 10:09 Uhr

Der Schein trügt!

Account gelöscht!

12.06.2013, 10:14 Uhr

Sowohl im Google als auch im Facebook-Management sitzen ehemalige CIA-Leute.
In Cisco-Routern, die eine tragende Rolle im Datenverkehr im Internet und bei Firmen spielen, sind Zugänge für die Geheimdienste eingebaut.
Das NSA kann 5 Zetabyte Daten speichern. Das sind 125 DVDs a 7 GB pro Erdenbürger.

Verträge und Erklärungen sind Schall und Rauch. Europäische Daten dürfen nur in Europa gespeichert werden. Unter europäischer Aufsicht. Das ist die einzige Chance.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×