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25.08.2015

20:07 Uhr

Der Datenhack und seine Folgen

Die Tragödien rund um Ashley Madison

VonAxel Postinett, Michael Maisch

Tränen, peinliche Geständnisse, beendete Ehen und Karrieren und vielleicht auch Selbstmorde. Der Datendiebstahl bei einer Seitensprung-Agentur zeigt deutlich, wie unsicher kompromittierende Daten im Netz sein können.

Infomationen über mögliche Affären gefährden vor allem in den USA zur Zeit viele private Beziehungen. Betroffene könnten auch ihre Jobs verlieren. Reuters

Kein Schutz gegen den Datenhack

Infomationen über mögliche Affären gefährden vor allem in den USA zur Zeit viele private Beziehungen. Betroffene könnten auch ihre Jobs verlieren.

London / San Francisco„Das ist kein Spaß mehr“. Torontos Polizeichef Bryce Eveans redet nicht um den heißen Brei herum. „Das war illegal und wir werden es nicht tolerieren“, richtet er seine Botschaft an die Hacker des „Impact Team“. Die kanadische Polizei und das amerikanische FBI sind mittlerweile in die Ermittlungen zum einem der größten und folgenschwersten Datendiebstahls aller Zeiten eingeschaltet.

Die betroffene kanadische Firma, Avid Life Media, hat eine Belohnung von 380.000 US-Dollar für Hinweise ausgelobt. Persönliche Daten mit teilweise intimsten Details von 37 Millionen Menschen stehen im Internet zum Abruf bereit. Gestohlen von Ashley Madison, einer Internet-Agentur für Seitensprünge, Slogan: „Das Leben ist kurz. Habe eine Affäre.“ Die Cyberkriminellen waren laut Avid Life Media am 12. Juli in die Computer eingedrungen und hatten mit der Veröffentlichung gedroht, wenn die Seite nicht ihren Betrieb einstellen sollte. Der Forderung kam die Gesellschaft nicht nach und ging zur Polizei. Vorige Woche landeten die Daten im Internet – die Folgen werden immer gravierender.

Zwei Selbstmorde, einer in den USA, einer in Kanada, sollen mit dem Hack zusammenhängen. Die Polizei will keine Details nennen, man „ermittele“. Aber bekannt ist, dass bereits Erpressungs-E-Mails an Menschen verschickt werden, deren Email-Adressen bei AM aufgetaucht sind. Rund 15.000 Angestellte im öffentlichen Dienst in den USA, darunter viele Militärangehörige, bangen um ihre Existenz. Untreue kann in den USA für Militärpersonal geahndet werden und zu unehrenhafter Entlassung führen.

Prominente wie der amerikanische Reality-TV-Star Josh Duggar haben öffentlich Abbitte geleistet und ihre Familien um Vergebung gebeten. Jeffrey Ashton, Staatsanwalt in Florida, gestand vor laufenden Kameras ein, sich angemeldet zu haben, bestreitet aber jemals wirklich eine Affäre gehabt zu haben. „Neugier“ habe ihn getrieben. „Auch wenn ich keine Gesetze gebrochen habe“, gestand er auf einer Pressekonferenz, die Tränen nur mühsam zurückhaltend, „so waren es doch unfassbar blöde Entscheidungen, die ich getroffen.“ So wie es viele andere vielleicht auch gemacht haben. Und es betrifft auch einfache Bürger und Angestellte in vielen Unternehmen.

Da ist etwa „Ana“, wie sie auf CNN Money genannt wird. Wie andere auch wollte sie gegenüber dem US-Sender ihre wahre Identität nicht offenlegen, aber ihre Geschichte erzählen. Vergangenen Donnerstag sei sie die ganze Nacht aufgeblieben, so die Frau in den 40ern, um mit acht verheirateten Männern zu kommunizieren, die sie auf Ashley Madison kennengelernt hatte. Sie waren in Panik weil ihre Frauen Wind von den Affären bekommen könnten. Sie wiederum hat blanke Angst um ihre berufliche Zukunft. Sie arbeite in der Finanzindustrie und ihre Kunden seien oft Paare oder kleine Unternehmen. Sie fürchtet bei einer Entdeckung um ihre wirtschaftliche Existenz. Ashley Madison war so etwas wie ihr Spielplatz, zitiert sie CNN, von einem kleinen Flirt bis zu drei Tagen in einem Hotelzimmer sei alles dabei gewesen. Jetzt kommt der Katzenjammer.

Nicht nur an Wall Street, auch in London und anderen Börsenplätzen geht die Angst um. Die US-Internetseite MarketWatch hat hunderte Banker gefunden, die sich scheinbar mit der offiziellen Email-Adresse ihres Arbeitgebers angemeldet haben. Scheinbar, weil sich jeder mit irgendeiner beliebigen Adresse anmelden konnte. AM hat niemals geprüft, wem die Adresse wirklich gehört. Besonders häufig erscheinen Adressen von Wells Fargo. Die Endung @wellsfargo.com taucht ganze 175 Mal in dem Datenwust auf. Gefolgt von @bankofamerica.com mit 76 Nennungen und der Deutschen Bank mit 73 Treffern.

Die Adressen dieser US-Banken sollen genutzt worden sein

J.P. Morgan Chase

@jpmchase.com: 9

Bank of New York Mellon

@bnymellon.com: 14

U.S. Bancorp

@usbank.com: 15

PNC Bank

@pnc.com: 28

Goldman Sachs

@gs.com: 45

Citigroup

@citi.com: 51

Deutsche Bank

@db.com: 73

Bank of America

@bankofamerica.com: 76

Wells Fargo

@wellsfargo.com: 175

Quelle

MarketWatch

Insgesamt ist die Zahl der Deutschen in den kompromittierenden Listen deutlich höher als zunächst angenommen. Erste Analysen sprachen von 300.000 „.de-Adressen“. Aber nach einer „nochmals verfeinerten Analyse“, wie das Hasso-Plattner-Institut aus Potsdam gegenüber Handelsblatt Online mitteilt, kann man jetzt von 423.711 deutschen Anmeldungen bei dem Seitensprung-Portal ausgehen. Knapp 390.000 geben „männlich“ als Geschlecht an, etwa 35.000 „weiblich“. Als Wohnort erscheint fast 32.000 Mal Berlin – der Spitzenplatz unter den deutschen Städten. „Weiblich“ ist rund 4000 Berliner Einträgen zu finden.

Kommentare (7)

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Frau Ich Kritisch

25.08.2015, 20:17 Uhr

sorry, aber die Leute sind nun wirklich selbst schuld. Fremdgehen weil man unerwartet jedem über den Weg läuft der/die einen ungewollt fasziniert - mag verständlich sein. Eine offene Beziehung zu führen in der beide Partner tun und lassen können was sie wollen ist erst recht ok. Aber bewusst fremd gehen? Sorry, dann sollen sich diese Leute doch bitteschön vorher trennen.

Aber endweder machen sie es nicht weil sie dabei finanziell verlieren würden, oder sie sind schlicht feige.

Beide Sorten haben es verdient nun am Pranger zu stehen. Mit denen muss man wirklich kein Mitleid haben. Wer mit denen Mitleid hat, gehört wahrscheinlich selbst zu der Sorte Fremdgänger...

Herr Sebastian Sportmann

25.08.2015, 20:45 Uhr

Ach nein.... meine Daten im Internet sind nicht 100Prozent sicher? Hätte ich jetzt nicht gedacht.

Sergio Puntila

25.08.2015, 20:59 Uhr

As times goes bye...

...ich auch nicht: die lieben Menschen und das böse Internet vice versa:
howto build legends.

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