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21.12.2015

17:39 Uhr

Der Medien-Kommissar

Albtraum Russland

VonHans-Peter Siebenhaar

Russlands Präsident Wladimir Putin nationalisiert die Medien und enteignet ganz nebenbei ausländische Medienkonzerne. Ein Modell, das in ganz Osteuropa Schule macht. Tschechien ist dafür ein wenig beachtetes Beispiel.

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Der Medien-Kommissar

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

WienMit dem Jahreswechsel beginnt in der Mediengeschichte Russland ein neues Kapitel. Denn ab 1. Januar 2016 spielen im Riesenreich von Präsident Wladimir Putin ausländische Medienkonzerne gar keine oder nur eine marginale Rolle. Denn dann tritt das neue Mediengesetz des Kreml-Chefs in Kraft, das eine Beteiligung ausländischer Medienunternehmer von nur noch 20 Prozent erlaubt.

Seit Monaten findet ein Exodus westeuropäischer Verlage statt. Axel Springer hat seine Zeitschriften wie das Kreml-kritische Wirtschaftsmagazin „Forbes“ und Online-Portale an den russischen Verleger Alexander Fedotow zu einem unbekannten Preis verkauft. Insider gehen von wenigen Millionen Euro aus. Das finnische Verlagshaus Sanoma hatte bereits im Frühjahr seine Beteiligung an der angesehenen Wirtschaftszeitung „Wedomosti“ verkauft. Später sind auch Pearson und News Corp. ausgestiegen, den Zweidrittel des politisch wichtigen Blattes gehören. Das Schweizer Verlagshaus Edipresse hat mittlerweile ebenfalls seine russische Tochter mit rund 30 Frauenzeitschriften an deren Direktor Maxim Simin veräußert.

Das Manöver Putins mit dem neuen Mediengesetz ist durchsichtig. Künftig sind sämtliche Medien in den Händen von Kreml-treuen oder Kreml-nahen Unternehmern und Oligarchen. So kann der russische Präsident seine ganze eigene Realität im Land konstruieren und damit seine politische Macht ausbauen. Wer die Meinung kontrolliert, der kontrolliert das Land.

Der Fall von „Forbes“ ist von besonderer Bedeutung. Denn der russische Ableger des angesehenen Wirtschaftsmagazins spielt in Russland beim Aufdecken von Skandalen und immer neuen Geschichten über die Oligarchen-Wirtschaft eine Schlüsselrolle. Axel Springer hat sich den Verkauf des angesehenen Blattes nicht leicht gemacht. In der Berliner Konzernzentrale wurde lange überlegt, die Konfrontation mit dem Kreml zu suchen und einfach den russischen Ableger nicht zu verkaufen. Am Ende entschied sich der Medienkonzern unter Führung von Vorstandschef Mathias Döpfner gegen die Frontalvariante. Eine richtige Entscheidung. Denn eine solche Auseinandersetzung hätte sicher das Ende des angesehenen Blattes bedeutet. So wurde das Blatt an den russischen Medienunternehmer Alexander Fedotow verkauft. Der „Spiegel“ sagt dem Verleger nach, dass er zu Moskauer Halbwelt gute Beziehungen unterhalte. Es wird gar über Hintermänner spekuliert.

Wie so oft in Osteuropa schießen bei solchen Geschäften die Spekulationen ins Kraut. Wahrheit und Lüge liegen dabei oft nahe beisammen. Was aber zählt, sind die Taten. Noch ist die gesamte Redaktion und der ehrbare Chefredakteur die Elmar Murtazaev im Amt, wie Ralph Büchi, President von International Axel Springer SE, stolz erzählt. Der Qualitätsjournalismus bei „Forbes“ besteht also weiter.

Wie lange das noch weiter gehen kann, hängt von Putin selbst ab. Wenn sich der Kreml-Chef sicher im Sattel fühlt, gewährt er stets ein paar mehr Millimeter an Pressefreiheit. Dann erduldet er auch ein kritisches, unabhängiges Magazin wie „Forbes“. Sollte es aber politisch eng werden, können auch die letzten mutigen Stimmen in Russland schnell verschwinden.

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Für journalistischen Mut gibt es im Russland von Wladimir Putin keine Dividende. Der erste Forbes-Chefredakteur Paul Klebnikov wurde 2004 erschossen. Der Mord an dem Journalisten ist bis heute nicht aufgeklärt. In mehr als einem Jahrzehnt wurden der Redaktion zahlreiche Fallen gestellt, die Arbeit behindert und Mitarbeiter schikaniert. In Zukunft ist das wahrscheinlich gar nicht mehr in dem Ausmaß notwendig. Denn die wirtschaftlichen Umstände zwingen viele Blätter in die Knie.

Das russische Verlagsgeschäft von Axel Springer mit 150 Mitarbeitern war defizitär, wie Beteiligte berichten. Deshalb fiel der Abschied aus Russland publizistisch schwer, aber wirtschaftlich leicht. Der neue Eigentümer Fedotow hat das schnell gemerkt und die russische Ausgabe des Wissensmagazins Geo bereits eingestellt. Forbes verkauft nicht einmal mehr 100.000 Exemplare im Riesenreich des Kreml-Chefs.

Kommentare (4)

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Herr Rudolf Ott

21.12.2015, 18:25 Uhr

Regierungen erliegen immer der Versuchung, sich ein wohlmeinendes Medienumfeld zu schaffen. Das ist hier kaum anders, betrachtet man die affirmative Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Anstalten. Anders ist hier Gott sei Dank, dass kritische Medienschaffende nicht einfach umgebracht werden. - Aber hier sind die Mittel diffiziler. Man denke etwa an den Fall Eva Hermann, die ehemalige Tagesschausprecherin oder Brender vom ZDF. Putin und seine osteuropäischen Kollegen greifen eben zu nicht so "smarten" MItteln. Ich glaube, es ist besser die Energie, die zur Anklage von Putin und Co verwendet wird, dazu zu verwenden, vor der eigenen Tür zu kehren.

Herr R. B.

21.12.2015, 19:33 Uhr

"Für journalistischen Mut gibt es im Russland von Wladimir Putin keine Dividende."
Soll man hier lachen oder nur den Kopf schütteln. In einem Mainstream-Deutschland der gleichgeschalteten Medien uinterstellt man Putin wieder mal alles Blödsinn. Der Mann, wenn er denn der Urheber ist, hat recht getan und die, früher sagte man "Die Fünfte Kolonne", abgeschaltet.
Der Westen hat hier keinen Bonus mehr sein Gift ala deutsche Antrussische Hetzmedien zu verbreiten.
Die Russen brachen ihre Medien nicht auch noch zu bezahlen mittels Zwangsabgabe wie in Merkel Deutschalnd. Dafür dafür das ich bei der Berichtserstattung rasiert werde ich noch abkassiert. Vor der eigenen Tür zu kehren ist hier wesentlich besser am Platze. Meinungsfreiheit ist zum Unwort verkommen. Das Handelsblatt zeigt wieder mal seine Regierungshörigkeit.

Frau Anna Rudholzer

21.12.2015, 19:48 Uhr

Über freie Medien würden wir uns hier in Deutschland auch freuen, bekommen wir leider nicht. :(

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