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22.02.2016

15:11 Uhr

Der Medien-Kommissar

Der andere „reale Irrsinn XXL“

VonHans-Peter Siebenhaar

Käufliche Inhalte beim NDR? Ein Ex-Redakteur steht wegen Bestechlichkeit und Betrug vor Gericht. Der TV-Journalist hatte Unternehmen versprochen, sie gegen Geld im öffentlich-rechtlichen Programm zu platzieren.

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Der Medien-Kommissar

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

„Der reale Irrsinn XXL“ begeistert die Zuschauer. Dem NDR gelang es zuletzt, mit einer Spezialausgabe seines Satiremagazins 380.000 Zuschauer im Norden vor den Bildschirm zu locken. Vom „Irrsinn XXL“ profitierte auch das NDR-Medienmagazin „Zapp“. Die selbst ernannten Wächter des Schönen und Wahren im Gebührenfernsehen erreichten mit ihrer Sendung immerhin 190.000 Zuschauer in Norddeutschland. Das wichtige Thema des hauseigenen Medienmagazins „Wie kann der Journalismus Vertrauen wiedergewinnen?“

Dabei hätte sich der NDR auch selbst zum Sendeschwerpunkt machen können. Das Thema: Wie kann die ARD-Anstalt angesichts des jüngsten Bestechungsskandals nicht noch mehr das Vertrauen ihrer Gebührenzahler verlieren? Denn derzeit steht der langjährige NDR-Politikjournalist Gerd R. in Kiel wegen gewerbsmäßiger Bestechlichkeit und Betrugs vor Gericht. Laut Staatsanwaltschaft habe der Diplom-Verwaltungswirt (FH) in 69 Fällen mit sieben Kunden gegen geltendes Recht verstoßen. Mittels seiner Position im NDR soll der heute 62-Jährige zwischen 2005 und 2010 rund 280.000 Euro ergaunert haben, um ein luxuriöses Leben führen zu können.

Das Produkt des mutmaßlichen Betrügers: Er bot Unternehmen gegen Bares an, sie im Programm des ARD-Senders zu platzieren. Außerdem soll er politisch wichtige Interna an seine Kunden weiter gereicht haben. Im NDR-Fall von gewerbsmäßiger Bestechlichkeit und Betrug wird das Urteil voraussichtlich am 16. März erwartet.

Auf Grund des Geständnis des Angeklagten gleich am ersten Verhandlungstag, der von der bekannten Kieler Rechtsanwältin Annette Marberth-Kubicki verteidigt, wird eine Bewährungsstrafe von maximal zwei Jahren erwartet. Seine Verteidigerin glaubt, dass das Strafmaß darunter bleiben wird. Darüber hinaus soll der Angeklagte, für den seine Frau vermögensrechtlich haftet, höchstens eine Verfallssumme von 170.000 Euro zahlen müssen.

Der neue Fall ist unter zweierlei Hinsicht spannend: Zum einen zeigt er die Korruptionsanfälligkeit im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die offenbar Jahre bis zu ihrer Aufdeckung braucht. Es ist nicht der erste Fall, in dem NDR-Mitarbeiter in ihrer ganzen Selbstherrlichkeit mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Jahrelang bereicherte sich seine mittlerweile rechtskräftig verurteilte Fernsehspielchefin Doris J. Heinze, ohne dass jemanden im Sender die Unregelmäßigkeiten aufgefallen wären. Der Vertrag des umstrittenen NDR-Programmdirektors Frank Beckmann wurde 2014 verlängert, obwohl der frühere Chef des Kinderkanals nur mit der Zahlung von 30.000 Euro die Einstellung eines Untreueverfahrens in seiner Funktion beim Kika erreichen konnte.

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