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28.09.2015

17:24 Uhr

Der Medien-Kommissar

Die Abrechnung mit dem Quotenwahn

VonHans-Peter Siebenhaar

Wolfgang Herles, langjähriger Ex-Chef von „Aspekte“, fordert: Reformiert ARD und ZDF grundlegend oder schafft die Anstalten ab. Mit seinem Buch „Die Gefallsüchtigen“ gewährt er eine unbekannte Innenansicht.

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Der Medien-Kommissar

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Zu den Gefallsüchtigen hat Wolfgang Herles noch nie gezählt. Der bekannte ZDF-Moderator wurde Anfang der Neunziger Jahre auf Wunsch des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl als Leiter des ZDF-Studios in Bonn abgelöst. Herles, einst selbst Mitglied in der Jungen Union, war dem Regierungschef damals viel zu kritisch, viel zu unbequem. Das ehrt einen aufrechten Journalisten – gerade im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der bis heute vor den Zangengriffen der Parteien nicht geschützt ist.

Mittlerweile ist Herles 65 Jahre alt. Im Oktober geht er in Rente. Anderthalb Jahrzehnte leitete er das ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“ und zeigte, wie qualitativ anspruchsvolles Kulturprogramm im Gebührenfernsehen gemacht werden kann. Statt der Plattenindustrie mit bestellten Promi-Interviews zur höheren Absätzen zu verhelfen, gab es kritische Auseinandersetzungen mit dem Unangepassten abseits des Mainstreams. Tempi passati.

Vor seinem Ruhestand hat sich Herles zum Glück an den Schreibtisch gesetzt und sich tiefere Gedanken zur Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gemacht. Das Ergebnis seiner klugen Analyse ist das gerade erschienene Buch „Die Gefallsüchtigen – Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik“ (Knaus-Verlag). Seine glasklare Quintessenz: entweder ARD und ZDF werden grundlegend reformiert oder man schafft die Anstalten ab.

Rundfunkbeitrag - Was sich geändert hat

Die Neuregelung ab 1. Januar 2013

Zum Jahreswechsel wurde die bisherige Gerätegebühr abgeschafft. Sie wurde durch eine neue Haushaltsabgabe ersetzt. Unabhängig davon, ob der Bürger die Angebote von ARD und ZDF im Fernsehen, Radio oder Internet nutzt, muss er nun die volle Rundfunkgebühr zahlen.

Wer wie viel zahlen muss

Kassiert werden pro Haushalt 17,98 Euro pro Monat. Wer Unterstützung wie Arbeitslosengeld erhält, studiert oder in der Ausbildung ist, muss keine Gebühr zahlen, wenn er sich befreien lässt. Menschen mit Behinderung zahlen monatlich 5,99 Euro statt der vollen Gebühr.

Was passiert, wenn man nicht bezahlt

„Schwarzseher“ werden es künftig schwer haben, da ihnen nicht der Besitz von Radio oder Fernseher nachgewiesen werden muss. Stattdessen wird jeder Haushalt zur Kasse gebeten. Wer nicht bezahlt, begeht eine Ordnungswidrigkeit und kann mit einem Bußgeld rechnen.

Was sich für Unternehmen ändert

Die Gebühren werden nach einem neuen Schlüssel berechnet, der pro Betriebsstätte und der Zahl der dort beschäftigten Mitarbeiter erhoben wird. Bislang fielen Gebühren lediglich für jeden PC im Unternehmen und jedes tatsächlich vorhandene Fernsehgerät an.

Wie die Wirtschaft leidet

Besonders betroffen sind von der Neuregelung Firmen mit vielen Filialen. Sie müssen deutlich mehr zahlen. Die Autowerkstatt-Kette ATU gehört dazu, ebenso auch Rossmann, Sixt oder die DB Netz AG.

Fallstrick für Kleinunternehmen

Die Antragsformulare des Beitragsservices sind nur vermeintlich eindeutig. Denn nur wer die Details der neuen Regeln kennt, kann wissen, dass er nicht alle Firmenautos eintragen muss. Nur die „beitragspflichtigen“ müssen eingetragen werden. Das heißt: Zahl der Autos minus Zahl der Betriebsstätten.

Gnadenlos seziert Herles – als Täter und Opfer – die gnadenlose Quotenorientierung in den Rundfunkanstalten. Statt auf Qualität zu setzen, zählt nur noch die Quantität. Niemals zuvor hat eine Führungskraft aus den eigenen Reihen das qualitative Versagen der öffentlich-rechtlichen Anstalten so exakt und ehrlich seziert wie Herles. Seine bittere Bilanz: „Der Glaube an die Quoten ist zum Wahn geworden.“

Wer will ihm widersprechen? Das Ergebnis können wir schließlich jeden Tag im Ersten und Zweiten bestaunen. Ein Unterhaltungs- und Infotainmentbrei, der sich nur noch in Nuancen von der privaten Konkurrenz von RTL, Sat. 1 & Co. unterscheidet.

Herles hält für die Leser schöne Beispiele bereit. Warum klären uns die politischen Magazine von ARD und ZDF nicht mehr über Zusammenhänge auf, sondern nur noch über Einzelschicksale? Die Antwort liegt auf der Hand: es ist nicht populär. Herles kommt zu Recht zu dem Schluss, dass die Gefallsüchtigen auf den Kommandobrücken der beiden medialen Ozeandampfer ARD und ZDF das Sagen haben. Das Unbedeutende wird bedeutend, weil es beliebt ist.

Kommentare (2)

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Herr Jürgen Dannenberg

28.09.2015, 17:43 Uhr

So, wie es ist, macht sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen selbst überflüssig“, bilanziert Herles nach 31 Jahren im Dienst des ZDF.

Ich kann ihn nur eins vorwerfen - Herles 31 Jahre dafür gebraucht hat um zu dieser Erkenntnis zukommen.

Herr Herbert Wolkenspalter

28.09.2015, 18:46 Uhr

Etwas widersprüchlich ist die "Gefallsucht", sprich Quotenorientierung bei gleichzeitiger Feststellung, dass Zuschauer davonlaufen. Zu Sat1 und RTL wird's wohl kaum sein, da sich diese nach Meinung des Autors nicht (mehr) von den Öffentlich-Rechtlichen unterscheiden bzw. umgekehrt. (Meine Meinung ist hier übrigens zu Gunsten der ÖR differenzierter.)

Sport wird freilich indirekt mitfinanziert – aber das unterscheidet sich in diesem Punkt von keinem anderen Genre. Wer Filme einkauft, finanziert die Filmindustrie, wer Kochsendungen bringt, zumeist Lebensmittelmärkte und die Ärzte (wegen des erworbenen Übergewichts) usw. usw. Und irgendwer profitiert auch durch Kultursendungen…

Viel mehr als ein Qualitätsproblem – wer bemimsst überhaupt Qualität und nach welchen Maßstäben, wenn nicht über die Quote? – scheinen mir die veränderten Medienkomsumgewohnheiten zu sein: Wer jung ist, steckt die Nase ins Internet oder ist mobil-telefoniersüchtig. Ob dort die Kommunikationsqualitiät und damit die Entwicklung der Bevölkerung besser ist als vor der auch schon kritisierten Glotze, ist noch sehr die Frage.

Dieser Kommentar soll keinesfalls ein Plädoyer gegen Kultur sein – aber wer öffentlich-rechtliches Fernsehen machen will, das nach dem Rundfunkauftrag die kulturelle Breite abdecken soll, also im Grunde alles, was interessiert und dabei vieles, das nicht jeden interessiert (ja, auch Fußball gehört dazu. Und wie!), mit einem Rundfunkrat, der die gesellschaftlichen Gruppen repräsentiert, darf nicht nur die Kulturbrille aufhaben und nach werthaltigen Kalorien rufen.

Natürlich sollte und könnte sich bei den ÖR etwas ändern – und zwar bei Sendungen mit politischem Hintergrund. Zu sicht- und spürbar ist, dass die Bevölkerung hier unausgewogen in Information und Meinung bearbeitet wird. Das stereotype Desavouieren anderer Meinungsträger hat Hochkonjunktur.

Es würde schon reichen, wenn die Rundfunkräte nachhaltig fordern, wofür sie da sind: Für Vielfalt und Unvoreingenommenheit.

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