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04.11.2013

16:24 Uhr

Der Medien-Kommissar

Die digitale Machtprobe

VonHans-Peter Siebenhaar

Internetkonzerne fordern eine Reform der Überwachungsprogramme des US-Spionagedienstes NSA. Google, Apple, Yahoo oder Facebook sorgen sich angeblich um demokratische Bürgerrechte. Doch geht es nur um das eigene Geschäft.

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Der Medien-Kommissar

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Wenn der frühere amerikanische Spion Edward Snowden sich tatsächlich in Moskau in ein Flugzeug mit Destination Berlin setzt, wäre das nicht nur für die amerikanische Regierung und ihren Spähdienst NSA eine Katastrophe, sondern auch für Internetkonzerne wie Google, Yahoo, Apple, Facebook und andere. Dann könnte der 30-Jährige haarklein berichten, wie wichtig die Informationen der Datenkraken von der US-Westküste jahrelang für den Spionagedienst waren. Noch ist nichts entschieden, doch die Gefahr wächst, dass Deutschland nach Abhören des Handys von Bundeskanzlerin Angela Merkel durch die NSA in Berlin dem Whistleblower eine Bühne bieten wird.

Die Gefahr für Google, Apple, Yahoo und Facebook ist gewaltig. Es ist deshalb ein geschickter PR-Schachzug der US-Konzerne, in einen offenen Brief echte Reformen bei den amerikanischen Überwachungsprogrammen lautstark zu postulieren. Sie wollen „substanzielle Verbesserungen zum Schutz der Privatsphäre“, heißt es in einem Schreiben an Präsident Barak Obama und den Kongress in Washington. Dabei geht es ihnen nicht um den Schutz demokratischer Grundrechte, sondern nur um das eigene Business.

Denn das Geschäftsmodell von Google, Apple oder Facebook basiert auf dem Sammeln, Auswerten, Nutzen und Weitergeben von Daten – egal ob für die Werbung oder Verkaufsplattformen wie iTunes. Wenn die Internetkonzerne ausgerechnet von einer Spionageeinrichtung wie der NSA Transparenz fordern, ist das nichts als Heuchelei. Denn die Undurchsichtigkeit der Datenkraken ist das Fundament ihres Geschäfts. Erst das raffinierte Ausspähen der eigenen Kunden hat den Suchmaschinen und sozialen Netzwerken zusammen mit einer exzellenten Technik den unglaublichen Aufstieg der vergangenen zehn Jahre ermöglicht.

Wie lax die Konzerne mit den Daten ihrer Nutzer umgeben, hat die „Washington Post“ aufgedeckt. So tauschten Google und Yahoo über eigene, ultraschnelle Glasfaserverbindungen jahrelang unverschlüsselt die Daten ihrer Kunden wie Suchanfragen oder E-Mails aus. Und selbstverständlich hatte die NSA diesen internen Austausch für ihre Zwecke genutzt. Erst im Sommer hat Google damit begonnen, den internen Datenverkehr zu verschlüsseln.

Diese und ähnliche Beispiele zeigen: die amerikanischen Internetkonzerne besitzen nur eine sehr geringe Sensibilität im Umgang mit Nutzerdaten. Das ist nicht einmal verblüffend, denn in den Vereinigten Staaten sind Google & Co. genau deshalb so groß geworden, weil der Schutz der Privatsphäre praktisch keine Bedeutung hat. Wenn es angeblich um die „nationale Sicherheit“ geht, werden demokratische Grundrechte ausgehebelt wie das Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba bis heute zeigt.

Der in seiner Dimension noch immer nicht zu überschauende Abhörskandal der NSA beendet endgültig die Pubertät im digitalen Medienzeitalter. Die naive Grundhaltung von Bürgern und Unternehmen, dass Internetkonzerne und Staaten einigermaßen demokratisch, transparent und sauber mit sensiblen Daten umgehen, hat sich als gefährlicher Trugschluss entpuppt.

Kommentare (1)

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Rumor

04.11.2013, 17:15 Uhr

Insgesamt ist den Ausführugen von Herrn Siebenhaar zuzustimmen. Es gibt allerdings schon heute brauchbare Alternativen zu den Suchmaschinengiganten google, yahoo oder Bing, nämlich den niederländischen Anbieter Ixqick und die angegliederte google-basierte Suchmaschine Startpage. Bei Startpage verbinden sich die Vorteile des Zugriffs auf alle Suchergebnisse von google mit der Anonymität beim Surfen und leicht zu aktivierender Proxyfunktion.

Wer will, kann schon heute weitgehend auf google und "Anverwandte" verzichten.

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