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25.11.2013

14:49 Uhr

Der Medien-Kommissar

Die DNA des Jeff Bezos

VonHans-Peter Siebenhaar

Der Chef des Internethändlers Amazon fürchtet die Streiks in seinen deutschen Lagern nicht. Längst entstehen in den Billigländern Tschechien und Polen neue Logistikzentren. Beim Wachstum kennt Jeff Bezos keine Gnade.

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Der Medien-Kommissar

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Das hundsmiserable Image von Amazon schert Jeff Bezos nicht. Der Gründer und Chef des weltgrößten Internethändlers weiß aus seinen Erfahrungen in den USA nur zu genau, dass am Ende nur Preis und Service zählen – vor allem bei den verwöhnten deutschen Kunden. Das ist bei Amazon nicht anders als bei McDonald’s. Die faire Bezahlung der Mitarbeiter oder humane Arbeitsbedingungen spielen nur für eine verschwindend kleine Zahl der Kunden eine Rolle – und die sind wirtschaftlich irrelevant.

Das ist selbst beim Bücher lesenden Bildungsbürgertum zwischen Konstanz und Flensburg nicht anders. Nur so ist es erklärbar, dass es Amazon geschafft hat, innerhalb weniger Jahre zum größten Medienhändler in Deutschland aufzusteigen. Für die Buchverlage ist der Konzern des gierigen Bezos mittlerweile der wichtigste Handelspartner.

Kaum jemand unter den Verlegern bringt es selbst in der besinnlichen Adventszeit um den Schlaf, dass Amazon längst zum Totengräber des klassischen Buchhandels aufgestiegen ist. Aus der Buchbranche gibt es keine Solidaritätsadressen für die Streikenden in den deutschen Verteilzentren. Denn Amazon ist im Gegensatz zu den kriselnden Buchhandelsketten Thalia, Weltbild und Hugendubel ein Partner, der Wachstum verspricht. Zudem sorgt der US-Handelsriese dafür, dass die Ware Buch in Rekordzeit bis in den letzten Winkel der Republik geliefert wird.

Vor diesem Hintergrund kämpft die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi mit ihren Arbeitsniederlegungen einen aussichtslosen Kampf. Den Streikenden fehlt die wichtige Unterstützung der Medienbranche, um Amazon wirklich unter Druck zu setzen.

Der am Montag begonnene Streik von jeweils 150 Mitarbeitern in Bad Hersfeld und Leipzig, so berechtigt er auch sein mag, kann den Handelsriesen ohnehin nur Nadelstiche versetzen – mehr nicht. Denn die Auslieferung mit Büchern, CDs, DVDs und sonstigen Waren kommt nicht zum Erliegen, denn es werden neue Logistikkapazitäten aufgebaut.

Kommentare (11)

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Account gelöscht!

25.11.2013, 14:58 Uhr

Es sollte jedem Menschen, der bei Amazon bestellt, bewusst sein, daß er sich nicht nur an der Ausplünderung der Menschen beteiligt, sondern auch an der Plünderung unserer Sozialsysteme. Ich habe vor Jahren meinen Amazon Account gelöscht, nachdem ich gelesen hatte, daß Amazon zur Saison Arbeitskräftevon der ARGE rekrutiert und diese dann dort schuften OHNE Gehalt müssen. Bezahlt wurde den Leuten weiterhin ihr Arbeitslosengeld oder Hartz IV, NICHT von Amazon. Wer also hier über die Hartz IV Kosten redet, über die Lohnnebenkosten schimpft, sollte dies wissen und sich zweimal überlegen, weiterhin bei Amazon zu bestellen.

Numismatiker

25.11.2013, 15:01 Uhr

Irgendwann erkennen auch Polen und Tschehen, daß ihnen eine angemessene Bezahlung zusteht. Dann muß Amazon nach Moldawien oder gleich nach Aserbaidschan umziehen Und dann werden die Transportkosten eine Rolle für Amazon spielen.

Realo

25.11.2013, 15:39 Uhr

Bezos und Steve Jobs sind/waren sich in ihrer Einstellung ähnlich, Rücksicht oder besser Mitleid mit den Arbeitern, die die iPhones zusammenschraubten, gab es nie wirklich.

Der Verbraucher ist ähnlich gierig. Amazon macht den Einzelhandel platt und ist nicht bereit, angemesse Löhne zu zahlen. Trotzdem kaufen wir bei dem Laden.

Und nun kann man den arbeitslos werdenden Angestellten aus den Buchläden noch nicht mal mehr raten, sich bei Amazon ans Fließband zu stellen, denn die Arbeitsplätze wandern ja in den Osten.

Vielleicht sollten die deutschen Buchhändler und Einzelhändler einfach nach Polen ziehen und sich dort in Amazons Logistikzentren verdingen? Oder wie soll der Spaß weitergehen? Wo bleibt das gesamtgesellschaftliche Konzept?

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