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09.12.2013

15:45 Uhr

Der Medien-Kommissar

Die unerträgliche Leichtigkeit des medialen Blödsinns

VonHans-Peter Siebenhaar

Die Zeitung ist tot, predigen die Apologeten des medialen Untergangs auf unzähligen Kongressen. Dabei bietet der digitale Strukturwandel den Verlagshäusern jetzt sehr große unternehmerische Chancen.

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Der Medien-Kommissar

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Eigentlich macht die gute Bergluft auf 1444 Meter über den Meeresspiegel den Kopf für neue Gedanken frei. Das ist auch einer der Gründe, weshalb sich Jahr für Jahr Journalisten, Wissenschaftler und Politiker auf den Weg nach Lech am Arlberg, den malerischen Wintersportort im Dreieck von Österreich, Deutschland und der Schweiz, machen.

Doch nicht immer bringt die erhöhte Sauerstoffzufuhr auch neue Erkenntnisse. Ganz im Gegenteil: Auf dem Mediengipfel in Lech wurde mal wieder von den Apologeten des medialen Untergangs das Ende der Zeitung prognostiziert. Diesmal hat der ehemalige Chefredakteur des österreichischen Qualitätsblatts „Die Presse“, Michael Fleischhacker, auf dem Drei-Länder-Kongress die gedruckte Zeitung für tot erklärt.

Wie Tibetaner im Himalaya stoisch ihre Glaubensverse fromm zu den Gebetsmühlen aufsagen, sind Journalisten landauf, landab beschäftigt, das eigene Medium in den Tod zu reden und zu schreiben. Keine andere Wirtschaftsbranche schafft es, mit einer solchen Inbrunst das Produkt zu beschädigen, wie die Medienbranche selbst.

Es gab kaum einen Kongress zwischen Berlin und Davos in den vergangenen zwei Dekaden, auf dem nicht selbst ernannte Visionäre die Sterbeglocken für die Zeitung lautstark geläutet haben. Bereits vor rund zehn Jahren hat der Medienwissenschaftler Philip Meyer mit seinem Buch „The Vanishing Newspaper“ das Verschwinden der Zeitung vermeldet – zumindest 2040. Andere waren früher sehr viel mutiger. Microsoft-Gründer Bill Gates versprach bereits 1990, dass es zu Jahrtausendwende keine gedruckte Zeitung mehr gebe. Sein Nachfolger bei der größten Software-Schmiede der Welt, Steve Ballmer, blieb ein wenig vorsichtiger und verkündete 2008, in rund einem Jahrzehnt würden gedruckte Blätter der Vergangenheit angehören. Immerhin.

Die unerträgliche Leichtigkeit des medialen Blödsinns mag auf Medienkongressen durchaus unterhaltsam sein. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus.

Das Internet ist längst volljährig. Seit mehr als 20 Jahren verändert die Digitalisierung die Wirtschaft fundamental – egal ob den Finanzsektor, die Telekommunikation, die Autobranche und natürlich auch die Medienbranche. Plötzlich funktionieren nicht mehr alte Geschäftsmodelle. Sie müssen den neuen Marktgegebenheiten angepasst werden. Andere Geschäfte müssen ausprobiert und perfektioniert sowie neue Allianzen geschmiedet werden. Eine Konsolidierung schafft neue Marktbedingungen. Das ist in der Printbranche nicht anders als im Maschinenbau.

Doch andere Industrien besitzen einen großen Vorteil, die dortige Zahl der apokalyptische Reiter, die pausenlos den Untergang predigen, ist im Vergleich zu den Medien verschwindend gering. Das Kuriose: In der Zeitungsbranche gibt es nur wenige, welche die mediale Selbstgeißelung öffentlich rügen. Dazu zählt der Burda-Vorstand Philipp Welte, der Chefredakteur der „Neuen Zürcher Zeitung“, Markus Spielmann, aber auch Amazon-Gründer Jeff Bezos und Großinvestor Warren Buffet mit ihren Investitionen in Zeitungen wie der „Washington Post“.

Kommentare (1)

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Fachverlag

10.12.2013, 14:22 Uhr

"Wer sich nicht verändert, hat schon verloren. Das gilt in der Medienbranche genauso wie für Ölkonzerne. Doch diese Binsenweisheit ist noch nicht bei allen Rednern von Medienkongressen angekommen."
Leider ist das auch beim Fachverlag des Handelsblattes so. Jüngste Massenentlassungen im Mediamarketing sprechen eine deutliche Sprache. Wie oft will man hier eigentlich noch von einem Neuanfang sprechen. Berichten Sie doch mal über das eigene kollektive Versagen.

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