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15.08.2016

17:33 Uhr

Der Medien-Kommissar

Die unterschätzte Medienmacht

VonHans-Peter Siebenhaar

Rechtspopulisten in ganz Europa nutzen gezielt soziale Netzwerke. Was bürgerlichen Parteien dagegen dort produzieren, ist oft unfreiwillig komisch oder erinnert an DDR-Fernsehen. Ein strategischer Fehler.

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Der Medien-Kommissar

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Der erste deutsche Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende Konrad Adenauer konnte sich noch wahr Medienabstinenz leisten. Der CDU-Grande genoss in seinem italienischen Feriendomizil abends lieber von seiner mit bodentiefen Fenster ausgestatteten Bibliothek den spektakulären Blick über den Comer See. In seiner Villa La Collina, auf einer Anhöhe im Weiler Cadenabbia gegenüber dem touristischen Sehnsuchtsort Bellagio, suchte der Regierungschef aus Bonn zweimal im Jahr Erholung – auch medial.

Nicht einmal ein Fernsehgerät mit deutschsprachigem Programm stand dem Parteivorsitzenden damals bei seinen mehrwöchigen Aufenthalten im mediterranen Paradies zur Verfügung. Das Internet konnte damals – Ende der 1950er und frühen 1960er-Jahre des 20. Jahrhunderts – niemand erahnen. Der Partei- und Regierungschef ließ sich damals zur Unterhaltung am liebsten Krimis im vertrauten Kreis vorlesen. Eine untergegangene Zeit.

Die politische Kommunikationswelt hat sich so radikal geändert, wie vor einem halben Jahrhundert niemand zu wagen geglaubt hatte. Die sozialen Netzwerke sind heute für die politische Kultur von zentraler Bedeutung. Deshalb nimmt sich auch der mächtigste Mann des Planeten, US-Präsident Barack Obama, täglich Zeit, zehn Anfragen auf Facebook persönlich zu beantworten.

In Deutschland hingegen nehmen die Parteien die sozialen Netzwerke immer noch nicht richtig ernst. Es sind eher bescheidene Versuche, über die neuen Kommunikationskanäle junge und in der Regel politikferne Zielgruppen zu erreichen. Hinter vorgehaltener Hand wird durchaus bekannt, dass zu wenig Geld, Personal und vor allem Ideen in Facebook & Co. investiert wird. Manches, was in den digitalen Werkstätten der Parteien entsteht, ist unfreiwillig komisch oder erinnert in der Machart an die „Aktuelle Kamera“ im DDR-Fernsehen.

In der politischen Arbeit setzen die Parteien überwiegend noch auf Newsletter, Informationsblätter und Schaukästen. Wer heute aber die Stammtische, die Nichtwähler, die Jungen, die Digitalen erreichen will, kommt um die neuen Kommunikationsplattformen nicht herum. Offenbar hat es sich bei Parteienvertretern noch nicht herumgesprochen, dass sie bei einem Auftritt im dritten Programm der ARD im Schnitt nur Zuschauer, sprich Wähler jenseits der 60 Jahre erreichen. Eitelkeit statt Zielgruppenansprache.

Es sind vor allem die bürgerlichen Parteien, welche die Bedeutung von Facebook, Twitter, Instagram & Co. immer noch unterschätzen. Das ist ein strategischer Fehler. Denn die neue politische Konkurrenz von rechts hat die neuen Medienkanäle nicht nur für sich entdeckt, sondern nutzt sie geradezu erschreckend gut. Die rechtspopulistische FPÖ ist dafür ein Paradebeispiel. Der ehemaligen Haider-Partei ist es gelungen, mit Hilfe von Facebook und anderen Plattformen eine schmerzfreie Gegenöffentlichkeit geschaffen, die höchst erfolgreich verzerrt, motiviert und mobilisiert.

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

15.08.2016, 17:46 Uhr

Wenn ich nur schon den Begriff "demokratische Parteien" lese, wird mir schlecht.

Die einzige demokratische Partei in Deutschland ist mittlerweile die AfD! Die anderen wollen in einer Allparteien-Koalition machen können was sie wollen und die Bürger ganz grundsätzlich von Entscheidungen ausschließen. Das ist die Wahrheit, LÜGENPRESSE!!!

Herr Peer Kabus

16.08.2016, 10:01 Uhr

Bei seiner „Analyse“ übersieht der gute Herr Siebenhaar, dass in Deutschland die Wahlen weder von 0,5 noch von 1 Mrd. weltweiten FB-Nutzern oder Ähnlichem entscheiden werden.

Entschieden werden hier Wahlen von „Senioren“, für welche die Altparteien wie immer rechtzeitig vor Wahlen neue Wohltaten zu Lasten der FB-Generation versprechen. Solange das so ist, gibt es für diese machtaffinen „etablierten Politiker“ absolut keinen Grund, Politik für Jüngere zu machen, geschweige denn, deren kostbare Zeit intensiv mit FB zu vergeuden.

Das die AfD noch nicht auf diesen Zug aufgesprungen ist, liegt wohl daran, dass über FB wohl kaum erfolgreich intrigiert und Machtkämpfe öffentlich ausgetragen werden können. Daneben wäre es sicher ein enormes Problem, wenn sich liberalere Teile mit den paar rechten Hanseln (die eigentlich nur schaden und vom Wählerpotential von daher absolut überflüssig sind – denn dafür gibt es die NPD), auch noch öffentlich bei FB und sonst wo den Systemmedien „Material“ für weitere Kampagnen liefern würden.

Herrn Neuerer, der in jeder „Blähung“ eines x-beliebigen AfD-Mitglieds am liebsten einen Anschlag auf Demokratie, Verfassung und was sonst noch so üblicherweise in Frage kommt, sieht, hätte dann allerdings eine Quelle, aus der er unendlich und vor allem beliebig schöpfen könnte.

Herr Peer Kabus

16.08.2016, 10:08 Uhr

Die AfD ist ganz sicher eine ganz besonders demokratische Partei geworden, als Rechte und Rechtsnationale nach gründlicher Vorbereitung der zukünftigen Provinzfürstin Petry den „Diktator“ Lucke abgewählt haben.

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