Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.05.2016

18:11 Uhr

Der Medien-Kommissar

Erregungswellen im Fernsehen

VonHans-Peter Siebenhaar

In den Fernsehtalkshows von Anne Will, Frank Plasberg & Co. werden die Diskutanten aufeinander gehetzt. Statt in TV-Debatten Lösungen zu liefern, wird der Negativismus verstärkt. Das hilft vor allem den Populisten.

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Der Medien-Kommissar

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Eine aufwühlende Musik wird eingespielt, warnende Bilder aus deutschen Nachrichtensendungen und eine Kanzlerin mit sorgenvoller Miene. Willkommen bei Anne Will und ihrer gleichnamigen Talkshow im Ersten!

Am Sonntag stand die Türkei am medialen Pranger. „Erdoğans Durchmarsch – Wer stoppt den Boss vom Bosporus?“ hieß der plakative Titel einer plakativen Gesprächsrunde. Die immer gleichen Spielregeln derartiger Talkshows sind einfach: Mustafa Yeneroğlu, Abgeordneter der türkischen Regierungspartei AKP, mimt den Bösewicht, während ihn Sevim Dağdelen, Abgeordneter von den Linken und der Grüne Türkei-Experte Burak Çopur – in der Rolle der Gutmenschen – attackieren dürfen. Ex-Minister Norbert Röntgen darf den staatstragenden Part spielen und „Spiegel“-Frau Christiane Hoffmann ihr Fachwissen dazu liefern. Fertig ist die unterhaltsame Politshow.

Doch statt wirklich Antworten zu geben, geht es in derartigen Talkrunden um die Inszenierung von Negativszenarien. Bei Anne Will, Frank Plasberg oder Sandra Maischberger steht am Anfang in der Regel eine negative Fragestellung: „Abhängig von Erdoğan – Zu hoher Preis für weniger Flüchtlinge?“, „Droge Zucker: Macht die Lebensmittelindustrie uns süchtig?“, „Europa: Läuft der letzte Countdown?“ oder „Immer online – machen Smartphones dumm und krank?“ Bereits in der suggestiven Frage des Sendungstitels wird die negative Antwort gleich mitgeliefert. Erregungswellen sind garantiert.

Zukunftsforscher Matthias Horx: „1000 Freunde bei Facebook sind die neue Einsamkeit“

Zukunftsforscher Matthias Horx

Premium „1000 Freunde bei Facebook sind die neue Einsamkeit“

Zukunftsforscher Matthias Horx über eine neue Offline-Kultur, die „Vershitstormung“ und Gefahren für unser Mediensystem.

Wenn wir mal ehrlich sind, wissen wir schon nach zwei Sekunden Nachdenken die Antwort auf die Fragen der Sendungen. Natürlich zahlen wir an die Türkei keineswegs einen zu hohen Preis in der Flüchtlingsfrage, selbstverständlich ist Europa nicht dem Untergang geweiht sind, offensichtlich handelt es sich bei Zucker nicht um Heroin und Kokain und logischerweise machen Smartphones klüger statt dümmer.

Über die sozialen Medien wie Facebook oder Twitter wird der Negativismus der Sendung später noch ordentlich verstärkt. Während in der Sendung mit ernsthaften Statements die tagesaktuellen Apokalypsen beschworen werden, herrscht in den sozialen Medien vor allem Verzerrung, Hetze und Mobbing. Der Wiener Zukunftsforscher Matthias Horx hat dafür einen schönen Begriff erfunden: „Bösartige-Runterziehen-Erregungs-Ignoranz“, kurz Brei.

Die Rituale bei Anne Will & Co. sind immer die gleichen: Die Diskutanten der TV-Talkrunden werden vom Moderator in geschickter Manier aufeinander gehetzt, um die Einschaltquote nach oben zu katapultieren. Dadurch entsteht bei vielen Zuschauern der Eindruck, gesellschaftliche Debatten machen sowieso wenig Sinn. Alle politischen und gesellschaftlichen Probleme sind scheinbar unlösbar, denn niemand liefert eine schnelle Lösung.

Dieser Art von Negativismus öffnet den Populisten Tür und Tor. Denn die liefern auf komplexe Fragen simple Antworten, die nur Lösungen vorgaukeln. Doch die Illusion stirbt zuletzt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×