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14.03.2016

17:51 Uhr

Der Medien-Kommissar

Grenzerfahrung im Auftrag des Zuschauers

VonHans-Peter Siebenhaar

Die ARD-Korrespondentin Susanne Glass gewährt in ihrem neuen Buch einen ungeschminkten Blick hinter die Kulissen des politischen Journalismus.

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Der Medien-Kommissar

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Vom Balkan-Krieg bis zur Flüchtlingskrise – niemand unter den deutschen Korrespondenten hat die politisch labile Region Südosteuropa länger beobachtet als Susanne Glass. Zuerst als Hörfunk-Korrespondentin und später als ARD-Studioleiterin in Wien hat sie anderthalb Jahrzehnte über rund ein Dutzend Länder berichtet: zuerst vom blutigen Kampf zwischen Serben und Albanern im Kosovo, am Schluss über einen Flüchtlingsjungen Nihat, der es vom unmenschlichen Lager im Budapester Keleti-Bahnhof am Ende ins sichere Finnland geschafft hat.

Bevor die promovierte Politikwissenschaftlerin ihre neue Aufgabe als ARD-Studioleiterin in Tel Aviv übernahm, hat sie ihre Erfahrungen als Journalistin aufgeschrieben. „Grenzerfahrung – Vom Balkankrieg bis zur Flüchtlingskrise“ (Herbig-Verlag, 256 Seiten) heißt das Buch, zudem ich die Menschenfängerin ermuntert habe. Denn Geschichte kann man am Ende nur über Geschichten verstehen. Und Susanne Glass hat viele nachdenkliche, absurde und wichtige Geschichten von Donau und Schwarzen Meer zu erzählen.

Genau hinzuschauen, das ist die wichtigste Voraussetzung für einen Journalisten in einem so politisch zerrissenen Berichtsgebiet wie Südosteuropa. Wer zum Beispiel den komplizierten Kunststaat Bosnien-Herzegowina - das ethnisch, religiös und gesellschaftlich tief gespaltene Balkanland - verstehen will, kann natürlich ellenlange politische Analysen studieren. Doch das ganze Drama dieses „failed state“ erzählt Susanne Glass an einem kleinen, aber exemplarischen Fall – nämlich der Geschichte der geteilten Schule von Travnik.

13 Jahre nach Kriegsende besuchte die Reporterin des Bayerischen Rundfunks den Ort in Zentralbosnien und entdeckte eine Schule, deren eine Seite im k.u.k.-Stil blau-weiß gestrichen, frisch renoviert war und deren andere Seite vollkommen zerfallen war, noch mit Einschusslöchern aus dem Krieg. Sogar der Schulhof war mit einem hohen Zaun geteilt. Warum? Die katholisch-kroatischen Kinder hatten das Glück, dass die katholische Kirche Geld für die Renovierung investieren konnte. Die moslemisch-bosniakischen Kinder mussten aus Geldmangel weiter in einer Ruine unterrichtet werden. So funktioniert die Teilung in dem von Europa längst vergessenen, ehemaligen Bürgerkriegsland noch immer.

Susanne Glass ist eine Menschenfreundin, das schimmert im Buch von der ersten bis zur letzten Seite durch. Sie gewährt mit ihrem Buch einen ungeschminkten Blick hinter die Kulissen des politischen Journalismus. Sie erzählt einprägsam, warum ein Telefonanruf nicht eine Vorort-Recherche ersetzt. So konnte ein niederländischer Blauhelm-Soldat, der das Massaker von Srebrenica miterlebt hatte und dann nach Jahren in den Ort zur Sühne zurückgekehrt ist, internationalen Medien die verschiedensten persönlichen Geschichten „verkaufen“. Das Schlimme: offenbar ist das niemanden aufgefallen.

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