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03.03.2014

17:58 Uhr

Der Medien-Kommissar

Vergesst die Oscars!

VonHans-Peter Siebenhaar

„The Wolf of Wall Street“, der besten Wirtschaftsfilm seit dem Ausbruch der Finanzkrise, ging bei der Oscar-Verleihung leer aus. Eine krasse Fehlentscheidung – weil der Film nicht politisch korrekt ist?

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Der Medien-Kommissar

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Die Gefühle schlugen in Hollywood hoch. Bei der Oscar-Verleihung im Dolby Theatre setzte die Kenianerin Lupita Nyong'o einen Höhepunkt für das Millionenpublikum vor den Fernsehbildschirmen in aller Welt. Sie bedankte sich für ihre Rolle als erniedrigte Sklavin in „12 Years a Slave“ politisch korrekt – wie es PR-Berater nicht besser empfohlen hätten könnte. Mit tränenerstickter Stimme bekannte sie rührend: „Ich vergesse nicht einen Moment, dass ich die Freude in meinem Leben dem Schmerz so vieler Anderer verdanke.“ Jubel.

Einer konnte an diesen Galaabend überhaupt nicht jubeln: Martin Scorsese („Aviator“, „Good Fellas“). Sein Meisterwerk „The Wolf of Wall Street“ ging bei der Vergabe der Goldjungen in der Filmmetropole leer aus. Dabei war die Verfilmung der wahren Geschichte des amerikanischen Finanzhais Jordan Belfort, dargestellt von Leonardo di Caprio, für fünf Oscars nominiert. Die Entscheidung, diesen Film nicht bei der Preisvergabe zu berücksichtigen, ist ein krasses Fehlurteil der Jury.

Vergesst die Oscars! Denn „The Wolf of Wall Street“ ist ein Meisterwerk – auch ohne Oscar.

Mit eindrucksvollen Bildern schildert der mittlerweile 71-jährige Regisseur Martin Scorsese den kometenhaften Aufstieg eines rücksichtlosen, von Geld, Drogen und Sex besessenen Finanzhasardeurs Mitte der Achtziger Jahre in New York. Die Hauptfigur wird glänzend, überzeugend und unbarmherzig von Leonard di Caprio verkörpert.

Auch wenn am Ende des fast dreistündigen Melodrams das FBI das Finanzkartenhaus des smarten Börsianers zusammen brechen lässt, verfällt der Film eben nicht in Hollywood-Klischees. Das zeichnet ihn aus. „The Wolf of Wall Street“ ist zum einen eine bildreiche Metapher um die absurde Gier des Menschen nach Geld. Zum anderen ist das Werk auch eine massive Kritik am amerikanischen Finanzsystem und letzten Endes am entfesselten Kapitalismus.

Seit dem Zusammenbruch der amerikanischen Bank Lehmann Brothers im Herbst 2008 und der damit bis heute noch nicht bewältigten Wirtschafts- und Finanzkrise gab es keinen besseren Film zu diesem Thema.

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