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18.05.2015

15:07 Uhr

Der Medien-Kommissar

Vorsicht, Telefon!

VonHans-Peter Siebenhaar

Mit Bombendrohungen von Unbekannten wie zuletzt bei der ProSieben-Show „Germany’s Next Top Model“ werden Live-Sendungen zum wirtschaftlichen Risiko. Der Eurovision Song Contest muss die Sicherheitsmaßnahmen erhöhen.

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Der Medien-Kommissar

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Wie verwundbar das TV-Unterhaltungsgeschäft ist, zeigt die wegen Bombendrohung abgebrochene Finalsendung der Modelshow „Germany’s Next Top Model“. Eine bislang unbekannte Frau hatte offenbar die richtige interne Telefonnummer ausfindig gemacht und ProSieben mit einer Bombe gedroht. Daraufhin stoppte der Privatsender die Live-Übertragung mit annähernd 10.000 Gästen am Donnerstag in Mannheim. Nach einer Bombe suchte die Polizei aber vergeblich. Die Täterin ist noch immer auf freien Fuß.

Die kriminelle Aktion hat Folgen. Live-Sendungen werden zum wirtschaftlichen Risiko, denn selbst die größten Sicherheitsvorkehrungen können Bombendrohungen nicht verhindern. Fernsehsender wie ProSieben sind geübt darin, Probleme klein zu reden. Tatsächlich trifft jedoch eine derartige Aktion das börsennotierte Unternehmen ins Herz. Denn gerade Live-Events sind die letzte verbliebene Domäne des linearen Fernsehens. Während Serien und Filme längst auf Filmabrufportalen abgerufen werden, kann der Zuschauer Shows wie „Germany’s Next Top Model“ oder den RTL-Dauerbrenner „Deutschland sucht den Superstar“ eben nur in Echtzeit empfangen.

Die Bombendrohung gegen ProSieben kommt zu einer Unzeit, denn am Samstagabend soll in Wien mit dem Eurovision Song Contest die größte Musikunterhaltungsshow der Welt in Echtzeit über die Bühne gehen. Knapp 200 Millionen Zuschauer sollen die Live-Übertragung aus der Wiener Stadthalle erleben, bei der sich die österreichische Hauptstadt als weltoffen und tolerant darstellen möchte. Hinter den Kulissen werden die Sicherheitsmaßnahmen emsig verstärkt, damit ein Desaster wie bei ProSieben in Mannheim verhindert werden kann. Ein Zittern bleibt dennoch.

ProSieben hat unterdessen erste Konsequenzen bereits gezogen. Der hoch rentable Unterföhringer Sender verzichtet künftig auf eine Live-Show als Abschluss einer Staffel. Die neue Finalsendung, die am 28. Mai ausgetragen wird, werde in einem „intimen Rahmen“ stattfinden, hieß es. Der Ort sei noch ausgemacht. Der TV-Konzern will auf Nummer sicher gehen.

Auch wenn sich auf der Chefebene bei ProSiebenSat1 niemand zum wirtschaftlichen Schaden äußern will, so ist er doch beträchtlich. Denn die Werbeblöcke waren prall gefüllt – trotz der mäßigen Quoten. Marken wie Opel, Maybelline oder Pampers suchen die Nähe zu Heidis Models und damit zur jungen Zielgruppe.

Gerade börsennotierte Unternehmen müssen unkalkulierbare Risiken meiden wie der Teufel das Weihwasser. Deshalb liegt es auf der Hand, dass Privatsender wie ProSieben oder RTL in Zukunft die Zahl von Live-Sendungen reduzieren werden. Denn selbst beste Sicherheitskonzepte können am Ende des Tages nicht garantieren, dass es doch wegen eines Kriminellen zu einem Abbruch der Unterhaltungsshow kommen kann. Hinzu kommt, dass durch mehr Sicherheitsvorkehrungen die Produktionskosten überdurchschnittlich ansteigen und dadurch die Rendite verringern.

Das unlösbare Problem für die Sender: für den Zuschauer ist gerade der Live-Charakter das entscheidende Motiv einzuschalten. Sollte die Live-Kultur im Fernsehen kaputt gehen, wird sich die Attraktivität von linearen Fernsehsendern dramatisch verringern.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

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