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30.06.2014

17:21 Uhr

Der Medien-Kommissar

Wer sich in den medialen Krieg begibt, kommt darin um

VonHans-Peter Siebenhaar

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren begann der erste massenmediale Krieg. Seitdem ziehen immer neue Journalisten in immer neue Kriege und produzieren trotz aller Anstrengungen kaum mehr als Propaganda.

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Der Medien-Kommissar

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

Selbstkritik ist nicht gerade eine Tugend der Medien. Vor allem wenn es darum geht, die historische  Mitschuld aufzuarbeiten. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass große Ausstellungen zur fatalen Rolle der Medien im Ersten Weltkrieg fehlen – mit einer Ausnahme: im geschichtsträchtigen Palais Porcia in der  Wiener Altstadt hat das österreichische Bundeskanzleramt die Ausstellung "Extraausgabe - ! Die Medien und der Krieg 1914-1918" (Herrengasse 23, 1010 Wien, Ausstellung bis 31. Oktober, werktags 9-18 Uhr, Eintritt gratis) auf die Beine gestellt.

Im Hof des verwinkelten Stadtpalasts ist ein Feldkino samt schlichten Holzbänken aufgebaut, das in der Endlosschleife vorführt, wie (meist inszenierte) Bilder faszinierend lügen können. In den einzelnen Räumen wird minuziös dokumentiert, wie willfährig Journalisten und Schriftsteller in den ersten massenmedialen Propaganda-Krieg des 20. Jahrhunderts zogen. Selbst kluge Autoren wie Rainer Maria Rilke, Stefan Zweig oder Egon Erwin Kisch dienten begeistert dem Kriegspressequartier, um das millionenfache Schlachten in wohlfeile, patriotische Worte zu fassen.

Auch 100 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs übt jeder militärische Konflikt als Akt maximaler Barbarei eine große mediale Anziehungskraft aus.  Nicht nur 1914, sondern auch 2014 gelten Kriegsberichterstatter als die Elite des Journalismus: unerschrocken, hart, risikobewusst – eben Menschen, die ihr Leben für die Wahrheit riskieren. Doch das sind Märchen. Die mediale Realität sah und sieht die Arbeit ganz anders aus.

Egal, ob im Ersten Weltkrieg, bei den Balkan-Kriegen in den Neunziger Jahren, später im Irak und heute in Syrien sowie der Ukraine, eine unabhängige Berichterstattung ist kaum oder überhaupt nicht möglich. Die meisten Recherchen erfolgen unter der Kontrolle oder Unterstützung einer der Kriegsparteien. Auf eigene Faust zu recherchieren und zu reportieren, war und ist in der Regel unmöglich. Diejenigen, die es probiert haben, zahlten oft mit ihrem Leben – auch im Bürgerkrieg in der Ukraine.

Deshalb ist es fast schon ein unfreiwilliges Stück Ehrlichkeit, wenn Journalisten zwangsweise in die Uniform einer jeweiligen Kriegspartei gesteckt werden wie dies bei den „embedded journalists“ auf Seiten der Amerikaner beispielsweise im Irak-Krieg der Fall wahr. Somit wird für alle klar, eine objektive Berichterstattung kann es in einem solchen Krieg nicht geben. Die meisten journalistischen Arbeiten dienen propagandistischen Zwecken einer Kriegspartei. Daran hat sich auch 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg nichts geändert.

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