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19.07.2013

18:42 Uhr

Deutsche IT

Brauchen wir ein deutsches Microsoft?

VonChristof Kerkmann

Weg von Microsoft, Google und Intel: Politiker, Unternehmer und IT-Experten fordern die Entwicklung einer deutschen IT – zum Schutz gegen die Spitzel des US-Geheimdienstes. Doch der Plan ist nicht so gut, wie er klingt.

Ein Netz in Schwarz-Rot-Gold? Nach dem Überwachungsskandal wird die Forderung nach einer deutschen IT laut. Getty Images

Ein Netz in Schwarz-Rot-Gold? Nach dem Überwachungsskandal wird die Forderung nach einer deutschen IT laut.

DüsseldorfImmer wenn es darum geht, dass der Staat die Wirtschaft massiv subventionieren soll, muss Airbus als Beispiel herhalten. Nur dank staatlicher Förderung von Frankreich und Deutschland konnte der europäische Flugzeughersteller den Abstand zum einstigen Monopolisten Boeing aufholen. Heute ist Airbus in der Luftfahrt nicht mehr wegzudenken.

Daher überrascht nicht, dass Politiker eine deutsche IT fordern. Bundeskanzlerin Angela Merkel kommentiert die Bespitzelungsaffäre mit dem Satz, dass Europa dort aufholen müsse, wo es „eigene technische Fähigkeiten verloren“ habe. Beim Satellitensystem Galileo und eben bei Airbus gibt Europa bereits kontra. Folgt die IT-Branche?

Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Dieter Wiefelspütz sagt: „Wenn Washington die Marktmacht amerikanischer Unternehmen in der Internet-Branche missbraucht, dann müssen wir angemessene Alternativen schaffen.“ Und der CSU-Innenpolitiker Hans-Peter Uhl meint, die Regierung müsse „dreistellige Millionenbeträge“ für IT-Sicherheit „Made in Germany“ aufbringen.

Welche Unternehmen halfen dem Geheimdienst?

Neue Enthüllungen

Amerikanische und britische Geheimdienste haben weitläufigen Zugriff auf die Daten von Internetnutzern, das legen die Enthüllungen des Informanten Edward Snowden nahe. Die Firmen bestreiten, den Behörden „direkten Zugang“ zu ihren Servern zu gewähren – man rücke nur Daten heraus, wenn dies gesetzlich vorgeschrieben sei. Allerdings dürfte auch dafür einiges Entgegenkommen notwendig sein: So half der Windows-Riese Microsoft angeblich dem Abhördienst NSA, die Verschlüsselung von Nutzerdaten zu umgehen.

Wie half Microsoft?

Einem Bericht des „Guardian“ zufolge arbeitete Microsoft eng mit dem US-Geheimdienst NSA und der US-Bundespolizei FBI zusammen. So soll das Unternehmen geholfen haben, die Verschlüsselung im Microsoft-Chat zu umgehen. Der US-Geheimdienst habe die Möglichkeit zum Zugriff auf eigentlich verschlüsselte E-Mails bekommen, ebenso wie zu Daten beim Online-Speicherdienst Skydrive. Die US-Geheimdienste bekamen demnach zudem die Möglichkeit, über Skype geführte Videotelefonate mitzuschneiden – und sollen davon auch regen Gebrauch gemacht haben. Skype sei dem Überwachungsprogramm Prism bereits im Februar 2011 beigetreten, noch bevor Microsoft die Firma übernahm. Mit Prism sammelt die NSA früheren Medienberichten zufolge Daten von Internetfirmen wie Google, Microsoft, Yahoo oder Apple.

Sind deutsche Nutzer betroffen?

Davon ist auszugehen, denn auch viele Nutzer in Deutschland sind bei Facebook angemeldet, verschicken ihre E-Mails über Microsofts Hotmail oder besitzen Apple-Geräte. Der „Spiegel“ berichtete, dass monatlich eine halbe Milliarde Kommunikationsverbindungen aus Deutschland abgefangen werden. Da die Internetkommunikation global abläuft, kann eine Mail von Berlin nach München über Computer in den USA laufen und so von den US-Geheimdiensten abgegriffen werden.

Hatten die Schnüffler direkten Zugriff?

Ob die Geheimdienste direkten Zugriff auf Nutzerdaten hatten, ist strittig. Edward Snowden sagt ja. „Firmen wie Google, Facebook, Apple, Microsoft, sie alle tun sich mit der NSA zusammen“, sagte er dem „Guardian“ in einem Videointerview Anfang Juni. „Sie geben der NSA direkten Zugang, den sie nicht beaufsichtigen müssen, damit sie dafür nicht haftbar gemacht werden können.“

Die Firmen dagegen bestreiten vehement, den Geheimdiensten eine Hintertür in ihre Computersysteme gebaut zu haben. Daten würden nur aufgrund richterlicher Anordnungen und nicht massenhaft herausgegeben, betonten die Unternehmen wiederholt. „Wir kommen nur solchen Anordnungen nach, die sich auf spezielle Konten oder Identifikationsmerkmale beziehen“, erklärte Microsoft. Einen unbeschränkten oder direkten Zugriff gebe es nicht.

Wie offen können die Firmen sein?

Die Online-Firmen unterliegen strengen Geheimhaltungsregeln. Erst nachdem sie die Politik dazu drängten, durften sie überhaupt zugeben, dass sie Anordnungen zur Datenweitergabe an Geheimdienste von dem zuständigen, geheim tagenden US-Gericht erhalten hatten. So betonte Microsoft jetzt, es gebe „Aspekte der Debatte, die wir gerne freier diskutieren würden“. US-Gesetze verpflichten die Firmen zur Zusammenarbeit – und Verschwiegenheit.

Wie kann man sich schützen?

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) empfahl Nutzern bereits, US-Dienste zu meiden. Computerexperten raten dazu, die eigene Kommunikation zu verschlüsseln und für das Speichern von Daten Dienste mit Sitz außerhalb der USA zu nutzen. Denn die Einschränkungen für US-Geheimdienste gelten vor allem für die Überwachung eigener Staatsbürger und nicht für Deutsche. „Ich fürchte, das ist ein relativ schwacher Schutz, denn die US-Gesetzgebung erlaubt den Zugriff auf Kommunikationsdaten von Ausländern in sehr breitem Umfang“, sagte der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar dem Bayerischen Rundfunk

Geht es nach solchen Äußerungen, ist jetzt wieder Zeit für Industriepolitik im großen Stil: Die Berichte über die Abhörprogramme des US-Geheimdienstes machen schmerzhaft deutlich, dass die vernetzte Gesellschaft kaum ohne chinesische Chips und amerikanische Software auskommt. Eine IT „Made in Germany“ oder „Made in Europe“ soll verhindern, dass ausländische Geheimdienste deutsche Staatsgeheimnisse und die Erfindungen des Mittelstandes ausspionieren. Doch es ist höchst fraglich, ob eine Förderung nach dem Prinzip Airbus hilft, das Internet weniger amerikanisch zu machen.

Bislang sind keine handfesten Beweise an die Öffentlichkeit gedrungen, dass fremde Staatsschnüffler deutsche Firmen ausspionieren. Allerdings ist die Zuordnung digitaler Angriffe schwierig. In einer Umfrage des Sicherheitsdienstleisters Corporate Trust unter 600 Unternehmen gaben rund 21 Prozent an, durch Spionage bereits Schäden erlitten zu haben. Immerhin 14 Prozent der Opfer gehen davon aus, dass ausländische Nachrichtendienste die Finger im Spiel hatten.

Die Forderungen nach einer deutschen IT klingen gut, gerade im Wahlkampf, und lenkt davon ab, wie wenig die Politiker derzeit gegen die Bespitzelung tun können oder wollen. Doch so einfach ist das nicht. Dagegen sprechen grundsätzliche Zweifel an der Industriepolitik, deren Erfolgsquote niedrig ist. Für jede erfolgreiche Förderung stehen mehrere misslungene Projekte. Auch in der IT-Branche.

Kommentare (68)

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Account gelöscht!

19.07.2013, 18:53 Uhr

ja, ein Betriebssystem was sicher ist und wo man eigene Rechte drauf hat..+ Leute wie Snowden..
die Entwickler sollten auch genau geprüft werden..

Problem wird sicher sein das einige Programme dann nicht kompatible sind oder sein werden..weil Microsoft das verhindern wird!

Account gelöscht!

19.07.2013, 18:53 Uhr

1.) So etwas made in Germany, da weiss ich sofort dass es vor Regulierungen und dummen Ideen nur so strotzen wird und eher im Himmelfahrtskommando enden wird.

2.) Politik redet womöglich mit? Auch noch in Sachen Spitzel usw? Da lach ich mich krank...der selbe kranke Staat der das BAnkgeheimnis aufhebt und Leute wenns notwendig ist auch wegen 5 Euros Steuern am Hintern der Welt jagt....die genau von den NSA Schweinereien wussten und jetzt so tun als wären sie überrascht......die reden da wohl noch mit? NEIN, Danke. Das kann nichts werden.

Solange diese Regierung und die Staatsform wie sie momentan besteht weiter existiert (ich meine die Demokratie die wir nicht haben), wird dieses LAnd langsam ersticken, nicht mehr und nicht weniger....Errungenschaften, aussergewöhnliche Leistungen...das war mal. Heute ist CDU, SPD, Grüne und FDP die den KArren weiter unterm Schutt der Zeit begraben.

Datenklauer

19.07.2013, 19:10 Uhr

Es wäre nicht die Lösung des Problems.
Warum eigentlich sollte sich dort die USA nicht auch nach Belieben bedienen ?
Es gibt praktisch keinen Schutz gegen Datenüberwachung oder Daten stehlen.
Solche Ideen wie oben erwähnt sind reine Hirngespinste.

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