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20.06.2013

11:05 Uhr

Ein Blick in die Zukunft

Willkommen bei der Google-Bank!

VonSebastian Ertinger, Christof Kerkmann

Es ist bisher nur ein Gedanke: Was, wenn Google eine Bank gründet? Das Rüstzeug dazu hätte der Internetkonzern allemal: Kunden, Technologie, Kapital. Wie der Schreck der Finanzbranche aussehen könnte – ein Szenario.

Bezahlen mit Google: In einigen US-Städten ist das schon möglich. Doch der Internetkonzern hat größere Ambitionen. dpa

Bezahlen mit Google: In einigen US-Städten ist das schon möglich. Doch der Internetkonzern hat größere Ambitionen.

DüsseldorfDeutsche Bank, Commerzbank, Targo-Bank, Google-Bank: Die Aufzählung ist für Kunden ungewohnt, für die Branche ein Graus – aber möglicherweise schon bald die Realität. Denn die Finanzwelt fürchtet, dass der Internetkonzern Google und seine Konkurrenten wie Apple und Microsoft das Geschäft mit dem Geld aufrollen könnten.

„Diese Unternehmen wissen aufgrund ihrer riesigen Datenbasis viel mehr über die Bedürfnisse ihrer Kunden, als Banken es jemals erfahren werden, und können dadurch Dienstleistungen sehr gezielt anbieten“, sagte etwa Jürgen Fitschen, Co-Chef der mächtigen Deutschen Bank, der „Börsen-Zeitung“. Ähnlich klingt es bei Henri de Castries, Chef des französischen Versicherers Axa: „Google weiß schon so viel über die Menschen, damit könnte es auch Finanzdienstleistungen anbieten“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Und hinter vorgehaltener Hand äußern sich viele Banker noch ängstlicher.

Tatsächlich googeln viele Kunden erst einmal, bevor sie eine Versicherung abschließen oder ein halbwegs einträgliches Festgeldkonto suchen. Millionen bezahlen mit dem Smartphone schon Apps, Musik und Magazine. Und Google hat auch eine Lizenz für digitale Bankdienstleistungen. Was also, wenn der Konzern seine Suchmaschine zur Onlinefiliale umbaut? Sein Bezahlsystem für Smartphones zu einem mobilen Bankterminal aufrüstet? Und seine großen Reserven nutzt, um Kredite zu vergeben?

Ein Gedankenexperiment über die Google-Bank – fiktiv, aber nicht komplett abwegig.

Juni 2014: Weltweit bezahlen mit Google Wallet

Die Ankündigung ist selbstbewusst: „Das Portemonnaie können Sie jetzt zu Hause lassen“, erklärt Google-Chef Larry Page, als er bei der Entwicklerkonferenz Google I/O die internationale Einführung des Bezahldienstes Google Wallet bekannt gibt. Nutzer in aller Welt sollen mit ihren Android-Smartphones bezahlen, ob im Kaufhaus, Kino oder Kiosk – sofern der Händler ein passendes Lesegerät hat. Bislang testete der Konzern die Lösung nur in einigen US-Städten, allerdings mit durchwachsenem Erfolg.

Um viele Nutzer zu erreichen, sucht sich Google Verbündete und kooperiert mit Kassenherstellern und Technologie-Anbietern. In Deutschland geht die Telekom eine Allianz mit dem US-Riesen ein. „Intelligente Bezahldienstleistungen bieten erhebliches Wachstumspotenzial“, sagt Telekom-Chef Timotheus Höttges. Der Telekommunikationskonzern vermarktet die Lesegeräte in seinen Geschäften.

Gleichzeitig rüstet Google die virtuelle Brieftasche auf. Bisher konnten Nutzer damit Apps und Musik kaufen sowie bei einer Handvoll Onlinediensten bezahlen. Jetzt bietet der Konzern allen Onlineshops an, deren Bezahlungen abzuwickeln, wenn Nutzer auf den „Wallet“-Button klicken. Nach der Ankündigung bricht der Börsenkurs der Handelsplattform Ebay um 5 Prozent ein – die Anleger befürchten, dass deren Tochter Paypal, die ebenfalls Onlinezahlungen abwickelt, Kunden verliert. Zumal auch Apple mit dem Dienst Passbook das iPhone zum Portemonnaie machen will.

Der Google-Dienst Wallet verwaltet außerdem Gutscheine. Ein praktischer Nebeneffekt: Der Internetkonzern kann einen weiteren Werbeplatz vermarkten. Kunden, die bereits in der Suchmaschine Anzeigen schalten, bieten mit einem zusätzlichen Klick auch Coupons an.

In den Geschäftsbedingungen lässt sich Google gestatten, Informationen über die Einkäufe der Nutzer für gezielte Werbung zu nutzen. Deutsche Datenschützer schlagen Alarm. „Die Verknüpfung der Daten macht den Nutzer immer gläserner“, warnt Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter von Schleswig-Holstein. Der Verbraucher verliere den Überblick, was das Unternehmen über ihn wisse. Zudem müsse er damit rechnen, dass der amerikanische Geheimdienst NSA darauf zugreife. Daher sein Rat: „Hände weg von Google Wallet.“

Die Nutzer beeindruckt diese Warnung indes wenig. Sie verwenden den Dienst ohne Bedenken. Besonders beliebt wird eine Zusatzfunktion, mit der Nutzer anderen innerhalb von Sekunden Geld überweisen können, sofern beide Seiten ein Google-Konto haben. So lassen sich gleich nach dem Junggesellenabschied oder dem Restaurantbesuch die Schulden begleichen, ganz ohne Kleingeld. Zumindest so lange der Akku hält.

Das Szenario im Realitätscheck

Das elektronische Portemonnaie

2011 führt Google den mobilen Bezahldienst Wallet ein, eine Art elektronisches Portemonnaie. Kunden müssen nur ihr Smartphone vor ein Terminal an der Kasse halten, um den Einkauf zu bezahlen – über die Nahfunktechnologie NFC wird die Verbindung hergestellt. Bislang ist Wallet jedoch nicht mehr als ein Experiment: Verfügbar ist der Dienst erst an mehr als 200.000 Terminals in ausgewählten amerikanischen Städten und nur auf einem guten Dutzend Geräte (Stand: Juni 2013). Der Ausbau kommt langsamer voran als ursprünglich angekündigt. Ob und wann die Funktion auch nach Europa kommt, ist noch nicht klar.

Bezahlen im Netz

Online kann man mit dem Dienst Wallet ebenfalls bezahlen, vor allem um im Play Store Apps, Musik und Filme für das Betriebssystem Android zu kaufen – dahinter steckt natürlich Google. Auch einige Apps und Websites nutzen die zuvor als Checkout bekannte Bezahlmöglichkeit, etwa der Reiseanbieter Expedia und der Blumenhändler 1800-flowers.com. Zudem integriert Google die Bezahlfunktion in seinen E-Mail-Dienst, Nutzer in den USA sollen so Geld als eine Art Mail-Anhang an Kontakte überweisen können.

Ohne Kreditkarte läuft nichts

Google Wallet und sein 2006 gestarteter Vorgänger Checkout müssen mit Kredit- oder Debitkarten von Anbietern wie Visa, Mastercard oder American Express verknüpft werden. In Ländern, wo diese Karten im Zahlungsverkehr weniger geläufig sind, findet der Dienst daher bislang vergleichsweise wenig Zuspruch.

Pläne für eine iBank?

Google-Konkurrent Apple hat noch kein eigenes Bezahlsystem der Öffentlichkeit vorgestellt, gewöhnt die Nutzer aber mit dem Programm Passbook an das Prinzip – hier lassen sich Bordkarten und Gutscheine speichern. Zudem hat der Konzern offenbar ein Patent für ein Bezahlsystem mit der Funktechnologie NFC angemeldet. Bei der Entwicklerkonferenz WWDC im Juni betonte Apple-Chef Tim Cook, dass sein Unternehmen 575 Millionen Kreditkarten in seinem System erfasst habe. Mit diesen ließe sich ein neues Bezahlsystem schnell starten. Wie bei allen Spekulationen über neue Apple-Produkte gilt aber: Nur ein kleiner Teil bewahrheitet sich.

Das meint der Experte

„Einzelne Konzerne wie Apple oder Google werden wahrscheinlich nicht im Alleingang Bezahlsysteme aufbauen. Vielmehr dürften sie strategische Allianzen mit Kreditkartenanbietern und Telekommunikationsunternehmen eingehen“, sagt Thomas Dapp, Analyst bei Deutsche Bank Research und Autor einer Studie über die Zukunft der Zahlsysteme. Der Aufbau einer eigenen Infrastruktur für die Abwicklung des Zahlungsverkehrs sei aufwändig und teuer. „Zudem sind die Margen bei geringen Volumen niedrig“, erläutert Dapp. Eine Allianz mit externen Partnern dürfte daher effizienter sein.

Dennoch betont Dapp das Potenzial der Internetkonzerne: „Apple und Google zählen natürlich zu den Akteuren, die den Takt angeben.“ Sie dürften sich aber mit Drittanbietern zusammenschließen, die innovative, vielversprechende Zusatz-Anwendungen für den Konsumenten entwickelt haben, so der Experte.

Fazit

Google und Paypal, Amazon und Apple wickeln auf ihren Online-Plattformen ohnehin Millionen von Transaktionen ab, daher wäre der Aufbau eines elektronischen Bezahlsystems ein logischer Schritt. Allerdings lernt Google derzeit, wie schwierig es ist, die Gewohnheiten der Nutzer zu verändern: Der Internet-Riese hat nach Angaben von Bloomberg Businessweek bereits mehr als 300 Millionen Euro ausgegeben, um Startups rund um digitale Bezahlsysteme zu kaufen. Trotz der Investitionen sei die Software Google Wallet bislang weniger als zehn Millionen Mal heruntergeladen worden. Dennoch ist mit den Internet-Riesen zu rechnen – der Markt ist attraktiv.

Kommentare (21)

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kraehendienst

20.06.2013, 11:24 Uhr

„Das Rüstzeug dazu hätte der Internetkonzern allemal: Kunden, Technologie, Kapital“. – Da fehlt noch etwas: die Daten der Mio. Dummies, die dort alles abwickeln. Dann….“Nutzer in aller Welt sollen mit ihren Android-Smartphones bezahlen“ – GENAU das System, bei dem viele Trojaner auf das Gerät und zuletzt auch auf die Konten zugriffen, diese aus etwa Lateinamerika in Europa ansässig, räumten. TOLLE WERBUNG!

Account gelöscht!

20.06.2013, 11:30 Uhr

...hahaha lol
Mein Reden: wie hoch sind noch gleich deren Bar-Reserven?

mini-me

20.06.2013, 11:33 Uhr

Die zukünftigen Deppen der Nation werden wohl die Banken, vorallem die Sparkassen sein. Zumindest wenn es um das Privatkundengeschäft geht. Gerade die Sparkassen haben die Möglichkeit ähnliches aufzuziehen wie PayPal. So sind die Sparkassen zu einem Viertel an der Schufa Holding beteiligt. Stattdessen werden reihenweise Sparkassen zusammengelegt und Leute nicht eingestellt oder entlassen. Zumal die Sparkassen hier jeder kennt und großen Vertrauen in die Institute vorhanden ist, besteht großes Potential.
Paypal funktioniert, auch Googles vorhaben wird sich durchsetzen. Einfache Impementationen von PayPal-Zahlungsvorgängen in z.B. Onlineshops haben es möglich gemacht, dazu noch ein bisschen Käuferschutz und Konfliktklärung, fertig.
Liebe Sparkassen: wie wär mit z.B. SparPay ?

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