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23.11.2012

14:50 Uhr

Endgültig beschlossen

Gruner + Jahr stellt „FTD“ ein

Der deutsche Zeitungsmarkt verliert ein weiteres überregionales Blatt: Der Verlag Gruner + Jahr verkündet die Einstellung der „Financial Times Deutschland“. Das Magazin „Capital“ soll aber fortgeführt werden.

Die „Financial Times Deutschland“ (FTD) wird nicht verkauft. dpa

Die „Financial Times Deutschland“ (FTD) wird nicht verkauft.

HamburgDer Medienkonzern Gruner + Jahr stellt seine tägliche Wirtschaftszeitung „Financial Times Deutschland“ ein. Das Traditionsmagazin „Capital“ soll von Berlin aus weitergeführt werden, wie der Verlag am Freitag in Hamburg mitteilte. Die letzte Ausgabe sei für den 7. Dezember geplant.

Für die beiden Titel „Impulse“ und „Börse Online“ wird geprüft, ob sie verkauft werden oder ob sie durch ein Management-Buy-Out - also die Übernahme durch verlagsinterne Manager - weitergeführt werden können. Sollten die Gespräche nicht zu einem erfolgreichen Abschluss kommen, sei auch für diese beiden Wirtschaftsmagazine die Einstellung geplant. Von den Maßnahmen sind bei den Titeln direkt 314 Mitarbeiter betroffen, weitere 50 in angrenzenden Verlagsbereichen.

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Der Verlag hatte in der Finanzkrise 2008 seine Wirtschaftsmedien in Hamburg zusammengezogen, um Kosten zu reduzieren. „Zwar konnten erhebliche Einsparungen erzielt werden, diese reichten jedoch nicht aus, um die rückläufigen Anzeigenumsätze auszugleichen“, teilte Gruner + Jahr mit. Auch 2012 würden die Wirtschaftsmedien einen deutlichen Verlust machen. Seit ihrer Gründung im Jahr 2000 ist die „FTD“ nicht in die schwarzen Zahlen gekommen. „Vor diesem Hintergrund sehen wir keinen Weg, die "Financial Times Deutschland" weiter zu betreiben“, teilte G+J-Vorstandsmitglied Julia Jäkel mit.

Zuvor waren Verkaufsverhandlungen mit einem potenziellen Investor abgebrochen worden. „Gruner + Jahr lag ein ernsthaftes Angebot vor, allerdings konnte der G+J Vorstand dem dort dargestellten Fortführungsszenario weder konzeptionell noch wirtschaftlich folgen“, so der Sprecher.

Gruner + Jahr startete vor 50 Jahren mit Wirtschaftsmedien

1962

Das Magazin „Capital“ kommt heraus. Es versteht sich als Generalist und informiert über Unternehmen, Geldanlage, Steuern und Immobilien. Im Jahr der Finanzkrise 2008 wurde es von 14-täglicher auf monatliche Erscheinungsweise umgestellt. Im 3. Quartal 2012 wies das Heft im Vergleich zum Vorjahreswert stabil knapp 165 000 verkaufte Exemplare aus. Die sogenannte harte Auflage - sie umfasst Abonnement und Einzelverkauf - ist nach Berechnungen des Branchenfachdienstes „Horizont“ im Berichtszeitraum um 8,2 Prozent zurückgegangen.

1987

Das Anlegermagazin „Börse Online“ informiert über Anlageformen von Aktien bis Zertifikaten. Gebeutelt von Börsenturbulenzen und Rückzug der Anleger aus den Finanzmärkten hat die Auflage gelitten. Im 3. Quartal wies das Heft 57 681 verkaufte Exemplare aus (minus 18,6 Prozent). Auch die harte Auflage ging zweistellig zurück (minus 19,5 Prozent).


2000

Die lachsfarbene Wirtschaftszeitung „Financial Times Deutschland“ (FTD) erscheint. Das in Hamburg produzierte Blatt wendet sich an Entscheider in Politik und Wirtschaft und private Kapitalanleger. Ein Novum war, dass die Redaktion im Newsroom (Großraumredaktion) das Blatt mit dem täglichen Online-Angebot verknüpfte. Die „FTD“ hatte zuletzt eine verkaufte Auflage von 102 101 Exemplaren, aber auch eine rückläufige harte Auflage (Horizont: minus 8,9 Prozent).

2008

Gruner + Jahr zieht Konsequenzen aus der weltweiten Finanzkrise und absackenden Werbeerlösen. Der Verlag konzentriert seine Wirtschaftstitel komplett in Hamburg. Die Standorte Köln und München werden geschlossen. Alle Titel werden von März 2009 an von einer Redaktion am Verlagssitz Hamburg herausgegeben. Rund 330 Mitarbeiter arbeiten für die G+J-Wirtschaftstitel.

Mit den Betriebsräten werde über einen Sozialplan verhandelt. „Capital“ werde voraussichtlich mit einer verkleinerten Redaktion publiziert, teilte der Verlag mit. Bei 50 Arbeitsplätzen in angrenzenden Verlagsbereichen soll vorwiegend die Fluktuation genutzt werden.

Eine Betriebsrätin warf der Verlagsführung Versagen im Umgang mit den Mitarbeitern vor, seit die ersten Gerüchte über eine Schließung aufkamen: „Wir haben alles nur aus der Presse erfahren“, sagte sie.

Der Gründungs-Chefredakteur der FTD bedauert das Ende der Wirtschaftszeitung. „Das ist eine sehr traurige Nachricht. Es war eine sehr gute Zeitung mit exzellenten Journalisten. Viele von ihnen haben es verdient, einen neuen Job zu finden“, sagte Andrew Gowers der Nachrichtenagentur Reuters am Freitag am Rande einer Finanzkonferenz in Frankfurt. „Die Welt hat sich geändert.“

Kommentare (10)

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Unternehmensberater

22.11.2012, 22:14 Uhr

klar, dass ein Vorstand mit kompetenzarmer Quote einem Fortführungskonzept nicht folgen kann.
Schade um die Mitarbeiter die darunter leiden müssen.

saulusine

22.11.2012, 22:33 Uhr

Die Mitarbeiter können einem leid tun, doch der Stil des Blattes war überflüssig und nicht charakteristisch sondern einfach reisserisch-trocken, trivial-sensationslüstern ja manchmal auch laienhaft-naiv in der Berichterstattung. Ermüdend in einer medial überladenen Zeit. Anders gesagt ist das deutsche Leservolk nicht so hyperisiert auf Aktien und Finanzmärkte wie die Amerikaner bis 2008. Dort normalisiert es sich nun auch. Reagan stirbt allmählich auch in seinen unfassbaren Auswirkungen. Thatcher vegetiert ohnehin schon dahin. Merkt leider nur nix.

saulusine

22.11.2012, 22:55 Uhr

Apropo kostenpflichtige Digitalblätter: WER braucht diese wenig objektiven, politisch gesteuerten Blätter WIRKLICH?? Die Blätterwelt BRAUCHT doch allenfalls die zahlenden Leser, die in D durch Dumpinglöhne immer mehr, immer zahlreicher verarmen!

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