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01.09.2014

15:26 Uhr

Erster Auftritt in Deutschland

Vorschau auf Netflix enttäuscht

VonStefan Winterbauer
Quelle:Meedia.de

Eigentlich wollte die Online-Videothek Netflix erst Mitte September in Deutschland starten. Durch ein Versehen konnten einige Nutzer schon vorab sehen, was die US-Firma hierzulande anbieten will. Prickelnd ist das nicht.

Serien von Netflix in den USA: Das Angebot in Deutschland wird offenbar nicht so schillernd sein. Meedia.de

Serien von Netflix in den USA: Das Angebot in Deutschland wird offenbar nicht so schillernd sein.

DüsseldorfFür den 16. September hat Netflix zum Launch-Event nach Berlin geladen. Firmenboss Reed Hastings gab dem „Spiegel“ für die aktuelle Ausgabe eine Audienz und gibt sich erstaunlich bescheiden: „Auch wenn wir Dritter oder Fünfter sind, ist das in Ordnung“, wird er dort mit Bezug auf den deutschen Markt zitiert. Ungewohnt kleinlaute Töne von der weltweiten Nummer 1 im Online-Video-Business, das einige für das nächste heiße Ding im Medienmarkt halten. Und andere für eine veritable Luftnummer.

Die öffentlich zur Schau getragene Bescheidenheit des Reed Hastings hat Gründe. Durch einen Leak konnten deutsche Nutzer des US-Angebots bereits einen Blick auf die Dinge, die da kommen, erhaschen. Prickelnd ist das nicht. Die von Netflix selbst produzierte Knastserie „Orange is the new Black“ wird dabei sein, die Büro-Comedy „Stromberg“, Til-Schweiger-Filme und „Die Sendung mit der Maus“. Das klingt so gar nicht nach dem erhofften supercoolen US-Video-Kram mit „House of Cards“ und Co.


Programmierte Enttäuschung


Wer dachte, dass Netflix hierzulande sofort mit einem Riesen-Katalog heißester Ware an den Start gehen würde, für den war eine Enttäuschung ohnehin programmiert. Netflix’ Vorzeige-Serie „House of Cards“ ist – zumindest derzeit – in Deutschland rechtemäßig an den Pay-TV-Sender Sky verkauft. D.h. Netflix kann seine eigene Topserie zunächst nicht selbst zeigen. Das internationale TV-Rechte-Business hat seine Tücken.

Alles rund um Netflix

Alternative zu den Videotheken

Die Netflix-Gründer Reed Hastings und Marc Randolph wollte eine Alternative zu den Videotheken aufbauen. 1997 fingen sie an, DVDs online zu verleihen – ohne Säumnisgebühren, die viele Nutzer nervten. Später führte das Unternehmen eine Flatrate ein.

Online-Dienst als zweites Standbein

2007 führte das Unternehmen einen Online-Dienst ein, Nutzer konnten die Filme auch übers Internet streamen. Für dieses Nebenprodukt verlangt Netflix seit 2011 auch Geld – erst empörten sich die Nutzer darüber, dann arrangierten sie sich damit.

Den Vorlieben der Nutzer auf der Spur

Netflix hat einen Algorithmus entwickelt, um die Vorlieben der Nutzer genau erfassen und passende Genres vorschlagen zu können. Das Unternehmen wertet zudem aus, welche Serien und Filme besonders häufig illegal heruntergeladen werden.

Einladung zum „Binge Watching“

Der Online-Dienst bietet alle Folgen einer Serie auf einen Schlag an – wer will, kann beispielsweise ein ganzes Wochenende mit der neuen Staffel von „House of Cards“ verbringen. Experten sprechen vom „Binge Watching“, also einer Art „Koma-Gucken“.

Schlagzeilen mit Eigenproduktionen

Netflix bietet größtenteils bereits ausgestrahlte Filme und Serien an, bemüht sich aber verstärkt um Eigenproduktionen. Die bekannteste ist wohl die hochgelobte Politserie „House of Cards“ mit Schauspieler Kevin Spacey. Auch Anbieter wie Amazon gehen inzwischen diesen Weg.

Expansion jenseits der USA

Der Heimatmarkt ist nicht genug: Netflix expandiert seit einigen Jahren, der Dienst ist bereits in Kanada, Südamerika, Großbritannien und den Niederlanden verfügbar. 2014 kamen diverse Länder hinzu, darunter Deutschland.

7,99 Euro monatlich soll Netflix in Deutschland kosten, das ist Branchenstandard und deutlich teurer als die derzeitigen Dumping-Angebote von Snap oder Amazon Instant Video. Diese beiden Faktoren – nur bedingt attraktives Programm und fehlendes Lock-Angebot – dürften die Ursache für die Zurückhaltung von Netflix-Boss Hastings sein. Den Netflix-Leuten ist selbst klar, dass sie mit diesem Paket den deutschen Video-on-Demand-Markt nicht im Sturm erobern werden. Es geht vielmehr darum, erst einmal den Fuß in die Tür zu bekommen, anzufangen Daten zu sammeln. Für den Anfang wird sich Netflix mit der dritten oder fünften Position zufrieden geben, auf lange Sicht jedoch gewiss nicht.

Wer den deutschen TV-Markt knacken will, der braucht einen langen Atem. Sky-Investor Rupert Murdoch kann ein Lied davon singen. 20 Jahre hat es gedauert, bis Sky, vormals Premiere, in Deutschland einen bescheidenen, operativen Gewinn ausweisen konnte. Mit den finanziell üppigst ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Sender, zwei großen Privatsender-Konglomeraten und bereits einigen internationalen Playern ist der hiesige Bewegtbild-Markt schon jetzt überbesetzt.

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