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26.04.2013

12:54 Uhr

Ex-Google-Chef

Schmidt fürchtet „Balkanisierung” des Internets

Angst um sein Baby: Die Regulierung des Internets macht dem Ex-Google-Chef Sorgen. Um seine Vision des Internets aufrecht zu erhalten, reist er auch schon mal nach Nordkorea.

Ex-Google-Chef Eric Schmidt bei einer Veranstaltung der Harvard University in Cambridge. Reuters

Ex-Google-Chef Eric Schmidt bei einer Veranstaltung der Harvard University in Cambridge.

BerlinEx-Google-Chef Eric Schmidt sorgt sich um die Zukunft des Internet. Jedes Land werde versuchen, das Internet zu regulieren, schreibt Schmidt in seinem Buch „The New Digital Age“ (dt. „Das neue digitale Zeitalter“). Ein Folge könne ein Auseinanderbrechen des Netzes in regional getrennte und staatlich kontrollierte Netzwerke. „Vielleicht wird die wichtigste Frage in zehn Jahren nicht mehr sein, ob eine Gesellschaft das Internet nutzt, sondern welche Version davon.“

Es drohe eine „Balkanisierung“ mit einzelnen Netzen, in denen jeweils bestimmte Inhalte nicht zugelassen seien, mahnt Schmidt (57). Staaten würden ihre Kontrolle über die Internet-Infrastruktur ausnutzen, um Inhalte zu filtern. Das finde bereits statt, von der aggressiven Blockade einer Vielzahl an Themen in China zur sozial akzeptierten Sperrung von Neonazi-Inhalten oder Kinderpornografie.

Staaten mit ähnlichen Zielen würden sich zusammenschließen „um mehr virtuelles Territorium zu kontrollieren“, ähnlich wie bei Militärallianzen, prognostiziert Schmidt. „Was als weltweites Netz begann, wird immer mehr aussehen wie die reale Welt voller innerer Konflikte und auseinanderstrebender Interessen.“ Als „ultimative Eskalation“ sieht er Versuche von Ländern wie dem Iran, sich ganz vom weltweiten Netz abzukoppeln und ein eigenes Internet zu schaffen.

Googles wichtigste Geschäfte

Vielzahl an Produkten

Google Suche, Gmail, Google Maps, der Online-Speicher Google Drive, das Smartphone-Betriebssystem Android mit dem App-Store Google Play und, und, und: Die Liste der Google-Dienste wird immer länger. Und in seinen geheimen Labs arbeitet der Konzern an einem selbstfahrenden Auto oder Ballons, über die entlegene Gegenden mit Internet-Zugängen versorgen sollen.

Hochprofitable Suche

Wenn es aber um das Geldverdienen geht, ist Google vom Geschäft mit Online-Werbung abhängig. Fast 90 Prozent des Umsatzes stammen aus diesem Segment, ein Großteil aus der Internet-Suche. In der Bilanz wird sonst nur noch ein Segment mit dem wenig aussagekräftigen Titel „Other“ (Anderes) aufgelistet.

Android

Googles Betriebssystem Android dominiert den Smartphone-Markt. Es hilft dem Konzern, seine Dienste fürs mobile Internet zu verbreiten, sorgt mit dem Play Store mit Apps, Filmen und Musik aber auch für wachsende Einnahmen. Experten vermuten, dass diese den Großteil des „sonstigen“ Umsatzes ausmachen.

Google Appsl

Um sich aus der Abhängigkeit aus den Werbeeinnahmen zu befreien, hat Google in den vergangenen Jahren immer wieder Initiativen gestartet, etwa kostenpflichte Anwendungen für Firmen. Das Office-Paket Apps for Business und die E-Mail-Plattform sind Kernbestandteile der Geschäftskundenstrategie. Google Apps generiert Umsatz aus monatlichen Gebühren.

Google+

Soziale Netzwerke sind viele Internet-Nutzer zum ersten Anlaufpunkt im Internet geworden. Facebook ist hier mit Abstand die Nummer 1, Google will dem Marktführer mit Google+ Paroli bieten. Dass der Konzern den riesigen Abstand aufholt, ist allerdings unwahrscheinlich.

Cloud Computing

Ob Gmail, Google Docs oder Google Drive: Google-Dienste laufen nicht auf dem lokalen Rechner, sondern im Rechenzentrum. Der Konzern hat eine große Expertise in Sachen Cloud Computing, die er auch vermarkten will: Firmen können Rechenleistung oder Speicher bei dem Konzern mieten.

Chrome OS

Google will mit Chrome OS ein neuartiges Betriebssystem für Computer etablieren – es setzt voll aufs Internet und ruft Daten und Dienste aus der „Wolke“ ab. Mit dem System will das Unternehmen seine Produkte verbreiten. Bislang ist die Verbreitung von Chrome OS allerdings noch überschaubar.

Schmidt war bis April 2011 Chef von Google und führt seitdem den Verwaltungsrat des Internetriesen. Er reiste in den vergangenen Monaten etwa nach Nordkorea, um für eine Anbindung des abgeschotteten Landes an das weltweite Datennetz zu werben. Das Buch schrieb er gemeinsam mit Jared Cohen, einem ehemaligen Mitarbeiter des US-Außenministeriums, der jetzt bei Google arbeitet.

Neben militärischen Verbindungen könnte so etwas wie eine „neue Hanse“ entstehen, in Anlehnung an die Handelsgemeinschaft deutscher Städte im Mittelalter, meinen die Autoren. Westliche Staaten würden versuchen, Ideale wie Demokratie und Transparenz zu verteidigen und die Verbreitung restriktiver Überwachungssoftware zu verhindern.

Das dient nicht zuletzt wirtschaftlichen Interessen. „Wenn Länder zusammenarbeiten, um virtuelle Polizeistaaten aufzubauen, wird es immer schwerer für westliche Firmen werden, dort Geschäfte zu machen.“ Unternehmen aus nicht-demokratischen Ländern würden diese Lücke füllen. Das Eintreten des Google-Spitzenmannes für ein offenes, nicht staatlich unkontrolliertes Internet ist auch vor diesem Hintergrund zu sehen.

Auch Konflikte spiegeln sich in der digitalen Welt wider. „Man kann sagen, dass wir schon in einem Zeitalter staatlich geführten Cyberkriegs leben, auch wenn das den meisten von uns nicht bewusst ist.“ Virtuelle Angriffe würden zunehmen, erklärt Schmidt: „Sowohl Terroristen wie auch Staaten werden sich Taktiken des Cyberkriegs bedienen“. Er geht davon aus, dass Staaten eher digitale Spionage betreiben, während Terrorgruppen es auf die Zerstörung von Infrastruktur anlegen würden.

Dabei stünden angegriffene Staaten vor dem Problem, dass die Urheber der Attacken schwer zu identifizieren seien. Sie verwischten ihre digitalen Spuren oder legten falsche Fährten. Daher sei eine Verteidigung oder ein Gegenschlag schwer möglich. „Das macht dies zu einem Krieg, der im Dunkeln geführt wird.“ So gab es nach Angriffen auf mehrere US-Medien Hinweise, dass China hinter den Attacken stecke - doch das Land bestreitet dies stets.

Googles größte Deals

Googels größte Deals

Wenn Google auf Shopping-Tour geht, sind oft Milliardenbeträge im Spiel. Was steckt hinter den größten Zukäufen in der Google-Geschichte?

Platz 7: ITA Software

Im Juli 2010 erwirbt Google für 700 Millionen Dollar die Softwareschmiede ITA. Das Unternehmen aus Boston wertet Fluginformationen aus und stellt seine Daten beispielsweise der Reisewebseite Expedia zur Verfügung. Das macht ITA für Google interessant. Denn für die Suche nach Flugpreisen gibt es zwar diverse Suchmaschinen, Google selbst bietet aber noch keine entsprechende Suchfunktion an.

Platz 6: AdMob

Im November 2009 kauft Google für 750 Millionen Euro "AdMob". Der Name steht für "Advertising on Mobile" - und genau darauf ist die Firma aus dem kalifornischen San Mateo spezialisiert: AdMob ist eine der größten Plattformen für Werbung auf mobilen Plattformen. Die Firma wirbt damit, dass sie monatlich über 40 Milliarden Banner- und Textwerbungen auf Handys, Tablets und anderen mobilen Geräten schaltet.

Platz 5: AOL

Im Dezember 2005 steigt Google bei AOL ein: Für eine Milliarde Dollar erwirbt Google fünf Prozent der Anteile des Internetanbieters - bis dato eine 100-prozentige Tochter der Time Warner Company. Doch die besten Zeiten von AOL waren da schon längst vorbei: 2009 kauft Time Warner den fünfprozentigen Anteil für schlappe 283 Millionen Dollar wieder von Google zurück, um die verlustreiche Tochter endgültig abstoßen zu können.

Platz 4: dMarc Broadcasting

Im Januar 2006 steht dMarc Broadcasting auf der Einkaufsliste von Google: Insgesamt 1,2 Milliarden Dollar lässt sich Google den Erwerb des Unternehmens kosten. DMarc ist spezialisiert auf das Werbegeschäft im Radio: Über eine automatisierte Plattform werden Werbespots an amerikanische Hörfunkstationen verteilt. Google will sich damit einen neuen Distributionskanal für seine Werbeplattform "AdWords" erschließen.

Platz 3: YouTube

Im September 2006 kauft Google für 1,8 Milliarden Dollar die Videoplattform Youtube. Auch hier wittert Google einen klickträchtigen Verbreitungskanal für seine Werbung. Wer ein Video auf der Webseite betrachtet, bekommt fortan Anzeigen von Google präsentiert.

Platz 2: DoubleClick

Im Jahr 2007 sticht Google den Erzrivalen Microsoft im Bieterwettkampf um die Firma DoubleClick aus. DoubleClick schaltet grafische Werbeanzeigen auf Webseiten und pflegt exzellente Beziehungen zu finanzstarken Werbekunden. Das macht das Unternehmen für Google so begehrenswert, dass der Internetriese 3,1 Milliarden Dollar dafür auf den Tisch legt.

Platz 1: Motorola

Dieser Deal stellt alle bisherigen Google-Einkäufe in den Schatten: Für die Mobilfunksparte von Motorola bezahlt Google 12,5 Milliarden Dollar.

Schmidt und Cohen loben auch die segensreichen Auswirkungen der Digitalisierung. Dadurch bekämen die Menschen mehr Macht und Möglichkeiten. In ihrer Utopie wird ein Massai-Hirte in der Serengeti über sein Handy mit Hilfe von Spracherkennungssoftware und gesammelten Informationen von anderen herausfinden können, wo sich Raubtiere verbergen. In der westlichen Welt werden Menschen schon in wenigen Jahrzehnten in komplett digital verknüpften Haushalten leben.

Dort errechnet das Auto die Fahrzeit ins Büro und schickt rechtzeitig eine Erinnerung an die Internetverbundene Uhr. Für Schmidt und Cohen ist das ein Segen: „Alle profitieren von digitalen Verbindungen.“ Wer noch nicht online ist, wird es bald sein, und wer es schon ist , dessen Leben wird noch stärker digitalisiert.

Von

dpa

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

26.04.2013, 14:18 Uhr

"Ein Folge könne ein Auseinanderbrechen des Netzes in regional getrennte und staatlich kontrollierte Netzwerke. „Vielleicht wird die wichtigste Frage in zehn Jahren nicht mehr sein, ob eine Gesellschaft das Internet nutzt, sondern welche Version davon.“

Wieso wird? Ist doch schon alles Tatsache.
Die Datenautobahn hat schon weltweit soviele Schlagbäume, das grenzt an Kleinstaaterei wie im Mittelalter.
Alles unter dem Deckmantel der Patente, Rechte, Verwertungsgesellschaften, Jugendschutz (was man nicht sieht, gibts auch nicht), Staatsschutz, Terror, die Liste wird immer erweitert wenn jemand gerade feststellt, ups, da haben wir glatt was verschlafen, und wenn es die Moral ist.

Account gelöscht!

26.04.2013, 14:49 Uhr

Vielleicht sollte Google mal endlich anfangen seine Steuern in voller Höhe in Europa zu zahlen statt sie über das Double Irish With A Dutch Sandwich am Fiskus vorbeizuschleusen.

Denn ohne Steuereinnahmen keine staatlich geförderte Netzentwicklung und auch kein freies Internet mehr das Google ausbeuten kann Herr Schmidt!

Account gelöscht!

26.04.2013, 16:17 Uhr

da fehlt mir hier mal wieder der gefällt mir Button!
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