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06.02.2012

09:09 Uhr

Experten-Interview

Netzkampagnen können „Zünglein an der Waage“ sein

Unternehmen schielen bei der Standortwahl nicht nur auf harte Faktoren wie die Infrastruktur, sagt Jürgen Stember, Experte für Wirtschaftsförderung an der Hochschule Harz. Sie wollen sich auch willkommen fühlen.

Professor Jürgen Stember, Hochschule Harz. privat

Professor Jürgen Stember, Hochschule Harz.

DüsseldorfBislang nutzen Wirtschaftsförderer die Möglichkeiten sozialer Netzwerke nur verhalten, sagt Jürgen Stember, Professor an der Hochschule Harz. Von der Bevölkerung getragene Twitter- oder Facebook Kampagnen können seiner Ansicht nach offizielles Stadtmarketing sinnvoll begleiten.

Twitter-Nutzer bewerben ihre Stadt, um ein Unternehmen anzulocken. Ist das ein Erfolg versprechender Ansatz?

Unternehmen beziehen bei der Standortwahl mit ein, wie sehr sie sich in der Region willkommen fühlen. So spielt es etwa eine Rolle, wie schnell und effizient die Verwaltung in der Stadt agiert. Solche Werbeversuche über soziale Medien könnten zukünftig innerhalb einer Reihe an „weichen“ Faktoren, die bei der Wahl eines Standorts eine Rolle spielen, an Gewicht gewinnen. Aber dass eine Web-2.0-Kampagne alleine ein Beweggrund oder zumindest ein Hauptbeweggrund für die Standortwahl sein könnte, daran habe ich so meine Zweifel.

Wieso?

Unternehmen schauen nicht nur nach „harten“, sondern auch nach „weichen“ Faktoren, die für einen Standort sprechen. Zu den harten Faktoren zählen vor allem die Verkehrsinfrastruktur und der Zugang zu Fachkräften. Auch sogenannte Cluster oder Branchenschwerpunkte in einer Stadt oder Region sind Beweggründe. Mögliche Steuervorteile spielen auch eine Rolle, aber eher an hinterer Stelle. Die Gewichtung zwischen weichen und harten Kriterien hängt natürlich von der jeweiligen Branche und der Größe des Unternehmens ab und ändert sich zudem auch im Zeitverlauf. Stimmen die harten Faktoren nicht, können die weichen Faktoren noch so perfekt sein und die Firma wird nicht kommen.

Und wenn sich Regionen ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern und jeweils ähnlich gut geeignet sind?

Dann könnte eine von Bürgern getragene Twitter- oder Facebook-Kampagne tatsächlich das Zünglein an der Waage sein.

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Wird denn das soziale Internet von Wirtschaftsförderern generell als Werkzeug entdeckt?

Ein Student hat gerade bei mir eine Arbeit dazu verfasst. Das Fazit: Der Einsatz erfolgt noch sehr zurückhaltend. Die Wirtschaftsförderer sind an Kommunen aufgehängt und die Ressourcen sind oftmals schlichtweg nicht da, um ein Medium einzusetzen, das ja von Aktualität, Spontaneität und Kreativität lebt. Viele Standortvermarkter sind sich unsicher, ob soziale Netzwerke eine ähnliche Revolution für die Wirtschaftsförderung bedeuten können, wie das Internet in den 90er Jahren. Aber natürlich rückt das Thema immer mehr in den Fokus, schlichtweg weil die Zahl der Nutzer steigt.

Wenn nicht über soziale Netzwerke, wie wird denn bislang die Bevölkerung in das Standortmarketing eingebunden?

Früher wurde die Stadtentwicklungsplanung allein von der Kommune kontrolliert und vorangetrieben. Das hat sich maßgeblich gewandelt. Mittlerweile fühlen sich die Gemeindevertreter nur als ein Teil unter vielen. Es werden die Verbindungen zu bestehenden Unternehmen stärker gepflegt, um dann etwa Ideen für Cluster und Branchenschwerpunkte zu finden. Es werden nicht nur Firmen eingebunden, sondern auch dazugehörige Forschungseinrichtungen und andere Institutionen und Einrichtungen.

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Welche Rolle spielt in Deutschland finanzielles Entgegenkommen bei der Anwerbung?

Ihre Bedeutung ist nicht so groß, denn die Europäische Union schaut im Rahmen der Wettbewerbskontrolle sehr genau, ob Beihilfen berechtigt fließen oder nicht. Die Kommunen haben das daher sehr eingeschränkt.

Professor Jürgen Stember ist Dekan des Fachbereichs Verwaltungswissenschaften an der Hochschule Harz in Wernigerode. Er beschäftigt sich mit Themen wie effizienter Verwaltungsorganisation, eGovernment und Wirtschaftsförderung.

Von

mdo

Kommentare (1)

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denk.mal

06.02.2012, 10:24 Uhr

Stimmt genau, Steuersätze spielen keine Rolle, da Töchter von US-Unternehmen ihre Gewinne weder repatriieren (zu hohe Besteuerung von Auslandsgewinnen in den USA) noch bei den Töchtern belassen (zu hohe Besteuerung vor Ort), sondern lieber an eine beherrschende Gesellschaft in einer Niedrigsteuer-Region abführen und dort parken.

In 2011 gab es sogar einen Fall, in dem ein großes US-Unternehmen in den USA einen Kredit aufgenommen hat, um die Dividende ausschütten zu können -- das war günstiger, als die Unternehmensgewinne in die USA zu holen und die Dividendie hiervon zu bestreiten.

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