Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.06.2014

14:24 Uhr

Facebook-Nutzer in Rage

„Das Psycho-Experiment ist schreckenerregend“

Bin ich schlechter Stimmung, wenn meine Freunde es sind? Um das herauszufinden, hat Facebook den Nachrichtenstrom von mehr als 300.000 Nutzern manipuliert – ohne ihr Wissen. Jetzt entlädt sich die Kritik im Netz.

Mit Freunden vernetzt sein – dafür steht Facebook. Doch hat die Plattform für ein Experiment den Nachrichtenstrom von Freunden manipuliert. AFP

Mit Freunden vernetzt sein – dafür steht Facebook. Doch hat die Plattform für ein Experiment den Nachrichtenstrom von Freunden manipuliert.

Menlo ParkWeil es Nutzerrechte fraglich auslegt, ist das soziale Netzwerk Facebook immer wieder in den Schlagzeilen. Die jüngste Aufregung kommt allerdings mit vierwöchiger Verspätung: Facebook-Nutzer meldeten sich erst in diesen Tagen zu Wort, als es sich herumgesprochen hatte, dass die Plattform mit Sitz im kalifornischen Menlo Park ein psychologisches Experiment gebilligt – und dafür eine Woche lang 310.000 Startseiten von englischsprachigen Nutzern manipuliert hatte. Ohne deren Wissen.

Konkret geht es um den sogenannten Newsfeed, den Nachrichtenstrom, der Nutzern anzeigt, was ihre Freunde gerade tun oder denken. Bereits vor eineinhalb Jahren hatten Facebook-Programmierer den Algorithmus dahingehend verändert, dass bei der Hälfte der manipulierten Nachrichtenströme vor allem positive, bei der anderen Hälfte vor allem negative Posts der Freunde zu sehen waren.

Die Autoren der kürzlich veröffentlichten Studie kamen zu dem Schluss, dass Menschen, die mehr positive Nachrichten sahen, etwas eher dazu neigten, auch selbst Einträge mit positivem Inhalt zu veröffentlichen – und umgekehrt. Insgesamt wurden im Januar 2013 für eine Woche die Newsfeeds von knapp 690.000 Nutzern der englischsprachigen Facebook-Version manipuliert – doch nur ein wenig mehr als die Hälfte (die Kontrollgruppe) wusste Bescheid.

Es wurden laut Studie über drei Millionen Einträge von Software ausgewertet, die per Wortanalyse die Emotion zuordnete. Das brachte neben Kritik an der ethischen Seite des Experiments auch Zweifel an der Aussagekraft der Studie: So verwies das Psychologie-Blog „Psych Central“ auf Schwierigkeiten der verwendeten Software, die Stimmung eines Eintrags nur anhand einzelner Wörter zuzuordnen.

Facebooks Weg zum Weltkonzern

Vorläufer Facemash

Als Student an der Harvard-Universität programmiert Mark Zuckerberg mit mehreren Kommilitonen 2003 die Plattform facemash.com. Dort präsentiert er zwei zufällig ausgewählte Fotos von Harvard-Studentinnen – die Nutzer sollen über die Buttons „hot“ oder „not“ die attraktivere auswählen. Weil Zuckerberg die Bilder illegal beschafft hat und das Projekt massive Protesten auslöst, wird es nach kurzer Zeit wieder eingestellt.

„Thefacebook" geht online

Mark Zuckerberg und seine Mitgründer eröffnen im Februar 2004 „Thefacebook“. Es handelt sich um die Online-Version der gedruckten Jahrbücher. Das Konzept wird bald auf andere Universitäten ausgeweitet und verbreitet sich schließlich weltweit. Zwei von Zuckerbergs Kommilitonen klagen später mit dem Vorwurf, er habe ihnen die Idee für Facebook gestohlen. Der Streit wird im Jahr 2011 mit einem Vergleich beigelegt, die Kläger Tyler und Cameron Winklevoss erhalten 65 Millionen US-Dollar.

Der Newsfeed rückt ins Zentrum

Zweieinhalb Jahre nach der Gründung stattet Zuckerberg die Social-Media-Plattform mit dem Newsfeed aus – also mit einer Chronik, die alle Neuigkeiten aus dem Freundeskreis eines Nutzer anzeigt. Zuerst geht ein Aufschrei durch die Facebook-Gemeinde, die Mitglieder fürchten um ihre Privatsphäre. Doch der Amerikaner hält an seiner Idee fest und schließlich entwickelt sich Newsfeed zum zentralen Element von Facebook. Das Design der Nachrichtenchronik wird seitdem ständig überarbeitet, seit 2012 findet man dort auch Werbung.

Daumen hoch für Facebook

Im Februar 2009 führt Facebook den „Gefällt mir“-Knopf ein. Damit können Nutzer zeigen, dass ihnen etwas gefällt und dafür sorgen, dass sie bestimmte Nachrichten in ihren Newsfeed gespeist bekommen. Inzwischen hat das Symbol eine popkulturelle Bedeutung erlangt.

Profitabel dank Sandberg

Im März 2008 gibt Facebook bekannt, Sheryl Sandberg als Chefin fürs Tagesgeschäft (COO) von Facebook einzustellen. Der Auftrag der Harvard-Absolventin und ehemaligen Google-Managerin ist klar: Sie soll Facebook profitabel machen, was ihr zwei Jahre später auch gelingt. 2012 wird sie vom Time-Magazin in die Liste der 100 einflussreichsten Personen aufgenommen.

Umzug im Großformat

Mehr als 2000 Mitarbeiter beschäftigt Facebook im Juli 2011 – und allmählich werden die überwiegend angemieteten Gebäude in Palo Alto zu eng. Das Online-Unternehmen wird auf der Suche nach einer neuen Zentrale wieder im Silicon Valley fündig: Auf dem ehemaligen Campus des Computerherstellers Sun Microsystems stehen Mark Zuckerberg und seinen Mitarbeitern neun Gebäude auf knapp 24 Hektar zur Verfügung. Weil Facebook kurz zuvor 1,5 Milliarden Dollar von seinen Investoren eingesammelt hat, kann es sich den Umzug problemlos leisten.

Instagram und Whatsapp

Die bis dato größte Investition tätigt Mark Zuckerberg im April 2012: Für eine Milliarde US-Dollar schluckt Facebook das Start-Up Instagram. Das Unternehmen hatte eine gleichnamige App entwickelt, mit der man Fotos bearbeiten und teilen kann. Mit der Übernahme weicht Zuckerberg erstmals von seiner bisherigen Philosophie ab, die nur ein soziales Netzwerk für alle Nutzer vorsah. 2014 bewältigt Facebook eine weitaus größere Übernahme: Die Instant-Messaging-App Whatsapp kostet insgesamt 19 Milliarden Dollar.

Erst hui, dann pfui, dann hui

16 Milliarden US-Dollar an nur einem Tag – so viel Geld spült der bis dato größte Börsengang eines Internet-Unternehmens am 18. Mai 2012 in die Kasse von Facebook. Obwohl Experten einen deutlichen Anstieg des Kurses vorausgesagt hatten, bricht der Wert der Aktie dramatisch ein. Bis August 2012 halbiert sich der Ausgabepreis von 38 Dollar. Erst ein Jahr später wird dieser Wert wieder erreicht – danach steigt die Aktie in ungeahnte Höhen.

Jeder siebte bei Facebook

Im September 2012 verkündet Mark Zuckerberg stolz, dass Facebook die Marke von einer Milliarde Mitglieder geknackt hat. Rein rechnerisch ist somit jeder siebte Mensch der Welt bei dem sozialen Netzwerk angemeldet. Dabei haben die rund 1,3 Milliarden Einwohner Chinas bisher noch nicht einmal offiziellen Zugriff auf Facebook. Die Mitgliederzahlen steigen weiter, wenn auch langsamer als früher.

Geschäftsmodell überzeugt Anleger

Facebook reagiert auf die zunächst schlechte Entwicklung der Aktie: Das Unternehmen setzt alle Hebel in Bewegung, damit die Werbung in dem sozialen Netzwerk einträglicher wird, sowohl auf dem Desktop als auch auf mobilen Geräten – mit Erfolg. So gelingt es auch, die skeptischen Anleger zu überzeugen. Die Facebook-Aktie steigt im Oktober 2015 auf mehr als 100 Dollar.

Die Studie war bereits am 2. Juni veröffentlicht worden, kam aber erst jetzt mit Medienberichten und Kritik im Internet in die Diskussion. In dem Papier wird darauf hingewiesen, dass die Datenverwendungsregeln von Facebook, denen die Nutzer zustimmen, ein solches Vorgehen zulassen. Die Newsfeeds der Mitglieder werden von Facebook ohnehin nach Algorithmen gefiltert, um sie nicht mit Informationen zu überfluten. Von Facebook gab es bislang keine Reaktion auf die Vorwürfe.

Doch hat sich die Empörung der Nutzer, ein weiteres Mal übergangen worden zu sein, in den vergangenen Tagen im Netz entladen. „Facebook hat den Nachrichtenstrom von Nutzern manipuliert, um deren 'emotionale Ansteckbarkeit' zu analysieren. Nicht cool. Fraglich, ob Nutzer über die eigene Zustimmung Bescheid wussten“, schreibt etwa Matthew Nichols auf Twitter. „Wenn ein Professor sowas machen würde, würde er wahrscheinlich gefeuert“, meint Steve Faulkner.

Manche äußern ihr Unbehagen noch deutlicher: „Angesichts der Dinge rund um Snowden und dem Twitter-Dienst, mit dem die USA Kuba destabilisieren wollten, ist das Facebook Experiment 'Wie sich Ärger überträgt' schreckenerregend.“, schreibt Clay Johnson. „Melden Sie sich von Facebook ab, melden Sie ihre Kinder von Facebook ab. Wenn Sie dort arbeiten, kündigen Sie. Die sind richtig schrecklich“, meint Twitter-Nutzerin Erin Kissane.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×