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22.11.2012

11:19 Uhr

Financial Times Deutschland

Schmerzhafter Abschied

Der Aufsichtsrat des Verlags Gruner + Jahr hat beschlossen, die „Financial Times Deutschland“ möglicherweise einzustellen. Unsere Autoren haben für die G+J-Wirtschaftsredaktionen gearbeitet und berichten aus ihrer Sicht.

Die „Financial Times Deutschland“ wird wahrscheinlich eingestellt.

Die „Financial Times Deutschland“ wird wahrscheinlich eingestellt.

Der Verlag Gruner + Jahr (G+J) hat auf einer Aufsichtsratssitzung am Mittwoch in Hamburg beschlossen, dass der Vorstand „einen Verkauf, Teilschließung oder Schließung der G+J Wirtschaftsmedien“ vornehmen darf. Es liefen letzte Gespräche zu einem möglichen Verkauf der Zeitung, teilte ein Sprecher mit. Allerdings berichten Mitarbeiter bereits, dass am 7. Dezember der letzte Erscheinungstag des Blattes sein werde. Das Blatt selbst schreibt auf seiner Homepage, „vor der Einstellung zu stehen“. Unsere Autoren haben bei der FTD gearbeitet und berichten aus ihrer Zeit bei der Zeitung.

Thomas Hanke

Der Autor

Thomas Hanke ist Handelsblatt-Korrespondent in Paris.

Die FTD ist ein Kind der New Economy. Ende 1998 unterschrieb ich meinen Vertrag mit „Facts and Figures“, einem Provisorium, weil das Gemeinschaftsunternehmen von Pearson und Gruner + Jahr noch nicht einmal genehmigt war. Der Name war noch nicht klar: „Deutsche Financial Times“? „Financial Times Deutschland“? Oder gar ein deutscher Titel? Der Verzicht auf die Marke FT allerdings wäre genauso idiotisch gewesen wie die Farbe lachsrosa wegzulassen.

Damals schien alles möglich: Der Erfolg von Unternehmen wurde in der „cash burn rate“ gemessen, der Geschwindigkeit, in der ein Start Up das Geld der Investoren verbrannte. Auch wir heizten ordentlich mit Barem: Innerhalb von ein paar Monaten eine komplette, mehr als hundertköpfige Redaktion für eine qualitativ hochwertige Wirtschaftszeitung auf die Beine zu stellen, das ging nur, indem man gute Leute aus ihren Verträgen herauskaufte. Dafür war neben Charisma – das hatte Gründungs-Chefredakteur Andrew Gowers – auch Cash nötig. Zum Glück gab es das auch.

Gruner + Jahr: Financial Times Deutschland vor der Einstellung

Gruner + Jahr

FTD vor der Einstellung

Der Verlag Gruner + Jahr verhandelt noch über einen Notverkauf der Wirtschaftszeitung.

Dennoch machte ich eine interessante Erfahrung: Viele Wirtschaftsredakteure, die tagein, tagaus Mut zum Risiko und Innovationsfreude predigen, waren extrem risikoscheu, obwohl der Markt boomte. Aber nicht alle waren so ängstlich, deshalb konnten wir viele gute Leute an Bord holen, auch vom Handelsblatt: Der Name Financial Times war Programm, stand für Seriosität, einen hohen Qualitätsanspruch und Freude an der Veränderung.

Allerdings, das war die zweite Erfahrung: Neben guten Leuten lockt so ein Projekt auch manche Spinner und Querulanten an. Nach ein paar Wochen gab es die erste Krise, Widersprüche brachen auf. Einige verließen uns, lange bevor die erste Nullnummer in Arbeit war.

Rasch wurde klar, dass die FTD sich nicht durch ein besonders extravagantes Layout, sondern durch ihren Journalismus vom Wettbewerb abheben sollte. Wir wollten auf Internationalität und einen wirklich europäischen Standpunkt setzen, den Abschied von der „Festung Deutschland.“ Und das nicht nur in der politischen Redaktion, für die ich zuständig war.

Fakten zur Financial Times Deutschland

Mutige Gründung

Der Start der „Financial Times Deutschland“ im Februar 2000 war ein mutiges Projekt: Es war die erste Gründung einer überregionalen Zeitung in Deutschland seit der „taz“. Zunächst teilten sich der Verlag Gruner + Jahr und die britische „Financial Times“-Mutter Pearson die Verantwortung, 2008 übernahmen die Hamburger das Blatt komplett.

Ein britischer Chef

Bei der Gründung half Andrew Gowers vom Mutterblatt „Financial Times“ als Chefredakteur. Ihm folgten im Oktober 2001 Christoph Keese (inzwischen eine Art Cheflobbyist beim Axel-Springer-Verlag) und Wolfgang Münchau (heute Kolumnist für die „Financial Times“). Seit Mitte 2004 steht Steffen Klusmann an der Spitze der Redaktion.

Sinkende Auflage

Die Zeitung auf dem rosa Papier brachte frischen Wind in die deutsche Presselandschaft, hatte aber in den vergangenen Jahren mit Absatzproblemen zu kämpfen. Zwar blieb die Gesamtauflage mit etwas mehr als 100.000 Exemplaren relativ stabil, aber die sogenannte harte Auflage aus Abonnements und Einzelverkauf sank seit 2006 auf zuletzt 46.300.

Tiefrote Zahlen

Das Wirtschaftsblatt hat in seiner gesamten Geschichte keine schwarzen Zahlen geschrieben. Insgesamt sind laut Medienberichten Verluste von 250 Millionen Euro aufgelaufen.

Gemeinsam sparen

Eine erste harte Sparrunde läutete Gruner + Jahr bereits 2008 ein: Der Verlag gründete für seine Wirtschaftsmedien „FTD“, „Börse online“ und „Capital“ eine Gemeinschaftsredaktion in Hamburg. Dort arbeiten 350 Mitarbeiter, davon 250 Redakteure.

Auszeichnungen

Mitarbeiter der G+J Wirtschaftsmedien haben in den vergangenen Tagen eine beeindruckende Liste zusammen gestellt. Darin sind alle Journalisten- und Gestaltungspreise aufgeführt, die in den vergangenen vier Jahren von den Titeln eingeheimst wurden. Dazu zählen etwa die Auszeichnung „Wirtschaftsredaktion des Jahres“ im Jahr 2012, der Herbet Quandt Medienpreis und der Ludwig-Erhard-Förderpreis für Wirtschaftspublizistik.

In die Gründungszeit fiel der „Angriff“ von Vodafone auf Mannesmann, den sogar der angeblich so fortschrittliche Wolfgang Clement als Sakrileg empfand. Ein gutes Beispiel für das, was wir anders machen wollten. Die Unternehmensberichterstattung insgesamt sollte sich endlich befreien von Anbiederei und liebedienerischem Verlautbarungs-Journalismus.

In dieser Hinsicht hat die FTD tatsächlich viel verändert. Natürlich nicht sie allein, viele andere Faktoren kamen dazu. Aber das lachsrosa Baby war das sichtbarste Symbol dafür. Es wird fehlen.

Thomas Hanke arbeitet als Korrespondent für das Handelsblatt in Paris.

Kommentare (36)

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leser

22.11.2012, 07:22 Uhr

Verlust von Differenzierung im veröffentlichten Meinungsspektrum: so etwas kann einem einfallen bei den Nachrichten über FR und FTD.
In sprödem Wirtschaftsdeutsch hört man vlt auch wieder von "Gesundschrumpfen".
Von vielen Fehlern hört man auch: meist von "außen" und meist hinterher.
Zu Häme jedoch besteht indes kein Anlaß: nochzumal qualitativ hochwertiger Journalismus es durch diese Entscheidungen nicht leichter haben wird hierzulande.

Schaarschmidt

22.11.2012, 07:40 Uhr

Kurs-Cash-Verhältnis hieß das,nicht Kurs Burn Rate.Gemeint war ,das es nicht schlimm ist,wenn junge Unternehmen in der Gründungs-und Wachstumsphase z.B. durch Übernahmen und Fusionen Schulden machen,solange Story und Umsatz stimmen,Schulden wurden sogar als was Gutes angesehen,da man so weniger Steuern zahlte.
Das die Redakteure privat weniger risikoreich waren mag stimmen,schließlich lag allen noch die Asien- und Rußlandkrise sowie die Pleite des Ltcm-Hegefonds in den Knochen,ein Vorgeschmack auf kommende Zeiten ,in der z.B der DAX inerhalb weniger Wochen über 30 % crashte.
Natürlich schossen in dieser Zeit viele "Börsenblätter" aus dem Boden,schließlich hatte sich der DAX von Mitte 95- Juli 98 verdreifacht,eine Rate die er selbst zur Jahrtausendwende nicht mehr erreichte. Von September 99-März 00 waren es "nur" noch 50%.

Energy

22.11.2012, 08:07 Uhr

FTD ist mir hauptsächlich durch eine verzerrte Berichterstattung in der Euro-Thematik aufgefallen. Amerikanische Ökonomen werden zu "Star-Ökonomen" stilisiert, während heimische Gewächse wie Prof. Sinn als tollpatschig dargestellt werden.

Gleiches gilt für Kommentare über unsere EZB-Vertreter und Politiker, soweit sie sich gegen weitere Zugeständnisse und Bürgschaften Deutschlands ausgesprochen haben.

Ich konnte unterm Strich nicht ansatzweise eine ausgeglichene Berichterstattung erkennen, und dies seit Beginn der Probleme im Euro-Raum.

Mein Eindruck ist: keep the problems on the other side of the ocean. Put Germany down.

Insofern für mich persönlich: kein großer Verlust, auch wenn andere Themenblöcke durchaus von hoher Qualität sind

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