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04.10.2011

15:04 Uhr

Fußball-Übertragungen

Kleine Kneipen dürfen Bezahlsender austricksen

Eine britische Wirtin zog gegen die großen Fußballligen und Bezahlsender Europas vor Gericht und bekam Recht. Das stellt die Fernsehvermarktung der europäischen Fußballligen auf den Kopf.

Auch ohne die "korrekten" Rechte wollen britische Kneipenbesitzer gern Fußballfans etwas bieten. dapd

Auch ohne die "korrekten" Rechte wollen britische Kneipenbesitzer gern Fußballfans etwas bieten.

Luxemburg/DüsseldorfBezahlsender wie Sky & Co müssen sich zukünftig mit neuer Konkurrenz auseinandersetzen. Heute hat der Europäische Gerichtshof die exklusiv Vermarktung von Fußballübertragungen gekippt, die bislang national geregelt war.

Künftig dürfen die Pay-TV-Sender ihre Decoder europaweit vertreiben. Somit bekommt Sky Deutschland bald aus ganz Europa Konkurrenz, denn sowohl Privatpersonen als auch Gastronomen können künftig wählen, ob Sie die Bundesliga von Sky Deutschland beziehen oder günstigere Anbieter aus dem Ausland wählen.

Ausgangspunkt des Rechtsstreits war die Idee der sparsamen Wirtin Karen Murphy aus dem britischen Portsmouth. Sie strahlte 2007 die Premier League in ihrer Kneipe nicht mehr über den englischen Pay-TV-Sender BSkyB aus, sondern zeigte die Spiele mit Hilfe eines griechischen Decoders des Bezahlsenders Nova. Den Kommentar ließ sie aus dem britischen Radio laufen, so dass auch die Kneipenbesucher mit der Lösung glücklich waren.

„Wenn ich ein Auto kaufen will“, sagte Murphy, „dann kann ich zu jedem Händler in Europa gehen. Will ich Fußball sehen, kann ich nur zum Sky-Händler und muss dort zehnmal mehr bezahlen als jeder andere in Europa. Diese Achterbahnfahrt hat reichlich Nerven gekostet, ich bin froh, dass das jetzt zu Ende geht.“

Ihr trickreiches Vorgehen sparte Murphy rund 5200 Pfund pro Saison. "Kleine Kneipen wie meine können sich BSkyB einfach nicht leisten", sagte sie der Lokalzeitung "Portsmouth Today". Allerdings kam die englische Fußballliga der Wirtin auf die Schliche und verklagte sie. Dagegen wehrte sie sich an höchster Stelle und bekam recht. Der EuGH entschied zu ihren Gunsten.

Die Luxemburger Richter sahen den europäischen Binnenmarkt dadurch verletzt. Juliane Kokott, EuGH-Generalanwältin, hatte bereits im Vorfeld gemahnt, dass vor allem die Dienstleistungsfreiheit durch die nationalen Exklusivitätsrechte eingeschränkt werde. Diese Sicht teilten auch die Luxemburger Richter. Die Verwendung ausländischer Decoderkarten zu untersagen, verstößt gegen den Grundsatz des freien Dienstleistungsverkehrs sowie gegen das Wettbewerbsrecht der EU, urteilten sie.

Mit großer Zurückhaltung hat die Deutsche Fußball Liga (DFL) die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes aufgenommen. „Dieses Urteil hat sich nach der Stellungnahme der Generalanwältin abgezeichnet, die DFL ist daher nicht überrascht. Wir werden nun die Urteilsbegründung hinsichtlich möglicher Konsequenzen prüfen“, teilte die DFL in einer ersten Stellungnahme mit.

Die DFL hatte sich gemeinsam mit ihrer Vertriebstochter DFL Sports Enterprises in den vergangenen Monaten intensiv mit der Thematik befasst und Vorkehrungen getroffen, um Auswirkungen sowohl auf die nationalen als auch die internationalen Medienrechte soweit wie möglich einzuschränken. „Dennoch müssen wir feststellen, dass auf europäischer Ebene die von den Rechte-Nachfragern akzeptierte Praxis mit individuellen Rechte-Zuschnitten für unterschiedliche Gebiete trotz zahlreicher Warnungen infrage gestellt wird“, hieß es in der Mitteilung.

Kommentare (1)

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flyingfridge

04.10.2011, 16:06 Uhr

Oh, da jammern die Bezahlsender. Denn Globalisierung soll nur gelten, wenn die Firmen davon profitieren: Weltweit die Arbeitnehmerrechte und die Steuersätze gegeneinander ausspielen ist ein beliebtes Ziel. Aber wehe, der Verbraucher profitiert von der Globalisierung, dann ist das natürlich richtig böse.
Zu dem Urteil kann ich nur sagen: Eine gute Entscheidung. Wie wäre es, nationale Absatzmärkte für Medikamente mal in Angriff zu nehmen, damit alle Patienten vom weltweit niedrigsten Preis profitieren können?

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