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11.10.2016

19:10 Uhr

Generation Gründer

Frauenprobleme mit der digitalen Revolution

VonMiriam Schröder

Frauen können auch als Gründerinnen erfolgreich sein – solange sie nur schön sexy dabei aussehen? Die Aufklärungsmaschine Internet hat bislang nur wenig dafür getan, mit überkommenen Geschlechterklischees aufzuräumen.

In digitaler Gesellschaft: Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder gibt wöchentlich einen Einblick in die deutsche Start-up-Szene.

Miriam Schröder

In digitaler Gesellschaft: Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder gibt wöchentlich einen Einblick in die deutsche Start-up-Szene.

Wenn man die Gründer in Berlin-Mitte fragt, warum sie sich den ganzen Stress überhaupt antun, sagen sie oft, dass sie Menschheitsprobleme lösen wollen – wie die Jungs im Silicon Valley. Denn wenn die deutsche Start-up-Szene der amerikanischen in einer Sache nicht nachsteht, dann ist es die Dominanz junger Männer und ihrer Philosophie des Höher, Schneller, Weiter.

Jetzt hat drüben eine Frau namens Dolly Singh, bekannt dafür, dass sie die ehemalige Personalchefin von Space-X-Chef Elon Musk ist, ein Start-up gegründet. Die Idee: High-Heels, in denen die Füße nicht so wehtun, wie das gewöhnlich der Fall ist, wenn man auf hohen Schuhen läuft. Singh kam auf die Idee, weil sie abends immer so starke Schmerzen hatte, wenn sie wieder den ganzen Tag mit den Raketenforschern durch die Hallen von Space X gestakst war.

Sie hätte auch einfach flache Schuhe anziehen können, Sneakers zum Beispiel, wie die Jungs. Aber Singh trägt nun mal gern High-Heels. Sie fühle sich damit größer, sagt sie. Und am Ende komme es eben immer auch darauf an, attraktiv auf das andere Geschlecht zu wirken. Menschheitsprobleme im 21. Jahrhundert. Wahnsinn.

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High Heels sehen gut aus, doch sie zu tragen ist für Frauen häufig eine Qual. Nun hat eine Ex-Mitarbeiterin von Elon Musk Absatzschuhe entwickelt, mit denen man sogar tanzen können soll. Doch der Preis hat es in sich.

Ein Vorbild für deutsche Gründerinnen? Eher nicht. Die Geschichte von Singh transportiert zwei Botschaften: Frauen können auch gründen, ja, toll. Aber die Hauptsache ist, sie sehen schön sexy dabei aus. Überhaupt hat das Internet, diese riesige Aufklärungsmaschine, bislang wenig dafür getan, mit überkommenen Geschlechterklischees aufzuräumen. Selbstlernende Algorithmen revolutionieren Dienstleistungen und die Produktion, sie zementieren aber auch bestehende Stereotype.

Beispiel Google: Von dem Moment an, in dem werdende Eltern anfangen, nach Jungs- oder Mädchennamen zu suchen, empfiehlt ihnen die Suchmaschine passend dazu Bettwäsche mit blauen Elefanten oder rosa Enten. Die Karrierefrauen in meiner Facebook-Timeline ziehen ihren Baby-Mädchen aus Prinzip keine rosa Klamotten an. Aber wenn das Kind fünf Jahre alt wird, tragen sie verschämt die Prinzessinnen-Barbie in die Amazon-Wunschliste ein. „Ist halt doch irgendwie angeboren“, versichert man sich gegenseitig. Manchen von ihnen, vermute ich, tun abends die Füße weh, wegen der Doppelbelastung und wegen hohen Schuhe. Manche haben aber kürzlich auch ein Video geteilt, in dem ein achtjähriges Mädchen erklärt, warum sie T-Shirt-Hersteller blöd findet, die den Jungs das Wort „Abenteuer“ auf die Brust schreiben und den Mädchen bloß ein „Hey“.

Wenn sie erwachsen sind, und Gründer, spielen die Jungs das Spiel, wer zuerst auf dem Mars landet. Die Mädchen erfinden Schuhe. Wobei, in Deutschland waren es zwei Männer, die mit Zalando den Schuhhandel revolutionierten. Die Mehrzahl ihrer Kunden ist weiblich. Und es waren zwei ehemalige Zalando-Mitarbeiterinnen, die mit Outfittery die Shopping-Beratung für Männer einführten. Aber die Botschaft bleibt dieselbe: Frauen und Männer ticken irgendwie verschieden, das sollen sie bitteschön auch, ist gut für die Wachstumsraten.

In der populären Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“ hat sich schon mal ein ehemaliges Model mit einem „Soft Step Heel“ um ein Investment der Jury beworben. Letzte Woche trat eine Frau auf, die Kuchendeko entworfen hatte. „Superprodukt“, „bestimmt für ganz viele Mütter interessant“, lobte Juror Frank Thelen, ohne das Teil einmal anzufassen. Er selbst backe nicht. Auch Carsten Maschmeyer winkte ab. Er investiere lieber in Tech, auch Fin-Tech, sagte er. Überflüssig zu sagen, dass die Fin-Tech-Branche in Deutschland fast komplett von männlichen Gründern geprägt ist.

Klar gibt es schlimmere Verbrechen als ein paar Chauvi-Sprüche im deutschen Fernsehen. In anderen Gesellschaften prallen die digitale Revolution und der gesellschaftliche Stillstand noch viel krasser aufeinander. Der Taxi-Dienst Uber, finanziert unter anderem vom Staat Saudi-Arabien, ist dort so erfolgreich, weil die Frauen nicht Auto fahren dürfen. Zum deutsch-arabischen Wirtschaftsforum im Sommer kam auch die saudische Geschäftsfrau Reem Asaad nach Berlin. Sie hat vor zwanzig Jahren als einzige Frau unter lauter Männern im Handelsraum einer Bank ihre Karriere begonnen und bat um Verständnis für ihr Heimatland. Technologischer Fortschritt und Wirtschaft wachsen einem derart hohen Tempo, es brauche noch Zeit, bis die Veränderung nicht nur den ökomischen Verstand, sondern auch das Herz der Gesellschaft erreiche.  

Wenn sie die Frauen aus dem Westen um eines beneide, dann um die Freiheit, alles werden zu können, was sie wollen, sogar Astronautin. Sie trug kein Kopftuch, das tue sie nur zu Hause, sagte sie, in Europa passe sie sich den kulturellen Gepflogenheiten an. Sie trug hochhackige Schuhe.

Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder berichtet über deutsche Start-ups aus Berlin und anderswo.

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