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28.12.2016

16:06 Uhr

Generation Gründer

Integration per Klick

VonMiriam Schröder

In der Start-up-Szene gehört das Lösen komplizierter Probleme zum Selbstverständnis. Warum nicht auch bei der Hilfe für Flüchtlinge? Erste Plattformen und Hilfsprojekte gibt es bereits – mit dem nötigen Gründergeist.

In digitaler Gesellschaft: Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder gibt wöchentlich einen Einblick in die deutsche Start-up-Szene.

Miriam Schröder

In digitaler Gesellschaft: Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder gibt wöchentlich einen Einblick in die deutsche Start-up-Szene.

BerlinEiner der schwierigsten Anrufe in diesem Jahr für mich war der bei Mahmoud, dem syrischen Flüchtling. Wir lernten uns im Frühling kennen, er war auch Journalist und machte ein Praktikum beim Handelsblatt. Ich übersetzte manchmal seine Texte aus dem Englischen ins Deutsche. Ich lud ihn auch zu uns nach Hause ein. Einer unserer Freunde spricht arabisch. Sie verstanden sich gut. Aber Mahmoud blieb nicht lange.

Vielleicht war es ihm unangenehm, von uns bewirtet zu werden. Vielleicht mochte er nicht mehr über den Krieg sprechen, nach dem wir fragten. Vielleicht vermisste er seine eigene Familie, die in einem Flüchtlingscamp in Jordanien darauf wartete, dass er sie nachholt. Ich habe es nie herausgefunden.

Als Mahmouds Praktikum vorbei war, verloren wir den Kontakt. Im Sommer traf ich ihn noch einmal auf der Straße – er kam gerade vom Markt und schenkte meinem Sohn und mir einen Apfel. Ich lud ihn wieder zu uns ein, aber er kam nicht. Viel später, im Herbst, rief er wieder bei mir an. Ich konnte gerade nicht, und ich rief auch nicht zurück. Irgendwann vergaß ich ihn.

Im letzten Jahr, als plötzlich die vielen Flüchtlinge im Fernsehen auftauchten, gab es eine Menge Hilfsbereite. Menschen, die etwas tun wollten, weil sie so gerührt waren. In den Erstaufnahmestellen stapelten sich die abgelegten Klamotten. Man hätte ganz Syrien damit einkleiden können. Aber am Ende hatten nicht viele genug Zeit und Willenskraft, um einen emotionalen Impuls in echtes Engagement zu verwandeln. Zu anstrengend der Alltag, zu kompliziert die Kommunikation.

Integration, dieses langgezogene Fremdwort, passt nicht so recht in unsere ungeduldige Zeit, in der die meisten Probleme mit einem Klick zu lösen sind. Aber wenn die Digitalisierung dabei helfen kann, den ersten Schritt zu erleichtern und die nächsten zu organisieren, wäre schon was gewonnen, meinen Leute wie Malte Bedürftig.

Vor einem Jahr hat er seinen Job bei McKinsey hingeschmissen und Go Volunteer gegründet. Auf der Plattform können Hilfsinitiativen bekanntgeben, was sie brauchen, und Hilfsbereite, was sie geben wollen. Man verpflichtet sich zu nichts, kann kommen und gehen, wie es einem passt. Es ist so etwas wie die Digitalisierung der Hilfe: Bequem und unverbindlich – wie das Bestellen einer Pizza, oder einer Putzfrau.

Es gibt 5000 registrierte Freiwillige bei Go Volunteer und Projekte in 85 Städten. Anwälte, die nach Feierabend für zwei Stunden bei Behördenkram helfen. Personalberater, die am Wochenende Lebensläufe optimieren.
In der Start-up-Szene, in der das Lösen komplizierter Probleme zum Selbstverständnis gehört, sind mehrere Hilfsprojekte entstanden. Die „ReDi School” zum Beispiel, in der Flüchtlinge zu Programmierern ausgebildet werden; oder „Flüchtlinge Willkomen”, eine Initiative, die WG-Zimmer vermittelt. Die meisten von ihnen sind auf Spendengelder angewiesen und vielen gehe langsam die Luft aus, sagt Malte Bedürftig.

Er selbst ist gerade in eine kleinere Wohnung gezogen, damit er sich den Betrieb seiner Plattform länger leisten kann. 30 Leute arbeiten jetzt für Go Volunteer, alle ehrenamtlich, ein Viertel davon sind selbst Flüchtlinge. Sie beraten die Hilfsprojekte bei der Organisation und dabei, wie man Freiwillige motiviert, dranzubleiben.

Als ich das hörte, war ich immerhin so motiviert, kurz vor Jahresende – zwischen Weihnachtsbraten und Geschenkeumtausch – noch mal bei Mahmoud anzurufen. Es geht ihm gut, seine Familie ist inzwischen in Deutschland. Nächstes Jahr treffen wir uns wieder.

Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder berichtet über deutsche Start-ups aus Berlin und anderswo.

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