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01.11.2016

19:11 Uhr

Generation Gründer

Irgendwas mit Keksen

VonMiriam Schröder

Jeder kann ein Start-up gründen. Zumindest wenn es nach der beliebten Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen” geht. Das ist richtig – aber nur in der Theorie. Denn oftmals heißt es: Insolvenzantrag statt Exit.

In digitaler Gesellschaft: Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder gibt wöchentlich einen Einblick in die deutsche Start-up-Szene.

Miriam Schröder

In digitaler Gesellschaft: Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder gibt wöchentlich einen Einblick in die deutsche Start-up-Szene.

BerlinIm analogen Fernsehen gibt es immer seltener das, was man ein TV-Ereignis nennt. Eine Ausnahme ist „Die Höhle der Löwen” bei Vox. Heute Abend geht die dritte Staffel zu Ende, wieder mit sensationellen Quoten. „DHDL" heißt die Show bei ihren Fans. Darin pitchen – wie man jetzt für präsentieren sagt – die Kandidaten ihre Geschäftsidee vor Investoren. Es ist ein bisschen wie bei „Wetten, dass..?“. Zumal seit dieser Staffel auch Carsten Maschmeyer in der Jury sitzt, der Mann von Veronica Ferres, die früher oft bei Thomas Gottschalk zu Gast war.

Aber was macht diese Sendung so erfolgreich, dass sie nicht nur von Berliner Nerds geschaut wird, sondern auch von Studenten, Taxifahrern und Grundschullehrern? Kürzlich traf ich morgens eine Bekannte im Bus, eine Ministerialbeamtin, die gerade ein Häuschen im Grünen baut. Wir plauderten über die DHDL-Folge des Vorabends. Wenn sie nicht so eine gute Pension in Aussicht hätte, würde sie auch was gründen, sagte sie: „Irgendwas mit Keksen“.

Jeder kann gründen, ist das Versprechen dieses Formats, das so gut in eine Zeit passt, in der Gründer wie Elon Musk oder Mark Zuckerberg gefeiert werden wie Stars. Es gibt Schauspieler, die machen nicht mehr mit neuen Filmen von sich reden, sondern mit ihren Start-ups. Leonardo Di Caprio investiert in Matratzen, Ashton Kutcher bei Airbnb. Die Gründer verkörpern den Traum nach einem selbstbestimmen, individuellen Leben. Viele von ihnen machen ja nebenbei auch noch Yoga.

Bei DHDL hat es in dieser Staffel unter anderem ein Typ namens Richy geschafft, der Leucht-Schilder produziert, die man sich nach einem Unfall auf das Auto kleben soll. Mit Botschaften wie: „Brauche Benzin“ oder „Hilfe kommt“. Pannenfächer heißt seine Innovation. Der Effekt beim Zuschauer ist der Gleiche wie einst bei „Wetten, dass..?“. Wir denken: Moment mal, kann ich denn nicht auch irgendwas? Will ich in meinem Einzelbüro in der elften Etage eines Konzerns hockenbleiben und grau werden? Oder sollte ich der Welt nicht vorher schnell noch meine Idee pitchen?

Für ihre Verdienste um die Verbreitung des Gründergeistes in Deutschland hat die Fernsehsendung schon mal den Grimme-Preis bekommen. Gefühlt macht inzwischen jeder was mit Start-ups. In der Realität aber gehen die Gründungszahlen in Deutschland seit Jahren zurück. Statistisch gesehen ist das ganz normal: Wenn es ausreichend feste Beschäftigungsverhältnisse gibt, sinkt der Anreiz, sich selbstständig zu machen.

In der Gründerszene ist es wie im Show-Business: Es gibt strahlende Gewinner, aber auch viele namenlose Verlierer. Der Großteil der Deals, die bei DHDL vor der Kamera besiegelt werden, kommt nach der „Due Diligance“ – wie man jetzt für „genau hingucken“ sagt – gar nicht zustande. Und selbst wenn sie investieren, rechnen die Geldgeber nicht damit, dass aus jeder Firma etwas wird. Wenn sich zwei von zehn Beteiligungen gut entwickeln, gilt das in der Branche als guter Schnitt. Für viele andere heißt es: Insolvenzantrag statt Exit. Von Selbstbestimmtheit kann in den ersten Jahren keine Rede sein; da diktieren Investoren, Kunden und der Wettbewerb, wo es lang geht. Und die Richtung ändert sich ständig. Das Tempo muss man aushalten können.

DHDL-Juror Frank Thelen erzählte mal, dass er seine Frau bei ihrem ersten Date eine Stunde im Restaurant warten ließ, weil er dringend telefonieren musste. Mit Hollywood-Romantik habe es wenig zu tun, wenn man eine Patentklage kriegt, der beste Softwareentwickler kündigt oder ein großes Unternehmen mit mehr Geld ein Konkurrenzprodukt auf den Markt wirft. „Irgendeine Scheiße passiert immer”, sagt Thelen. Richy, der Erfinder des Pannenfächers, hat für sein Start-up schon die Lebensversicherung seiner Schwester verzockt. Da läuft dem Zuschauer ein wohliger Schauer über den Rücken, wenn er an seine Beamtenpension denkt.

„Wer etwas riskiert, kann verlieren. Wer nichts riskiert, der verliert garantiert“, sagte ein anderes Jurymitglied gern. Jochen Schweizer verkauft den Leuten nicht nur „Erlebnisse“, er tritt auch als Motivationsredner auf. Aber nicht mehr in der Höhle der Löwen. Schweizer hat heute bekanntgeben, dass die vierte Staffel ohne ihn laufen wird. Er wolle sich ganz und gar der neuen Erlebnishalle widmen, die er gerade bei München baut. Darin soll man durch einen Windkanal mit 280 Stundenkilometern fliegen können. Wie Fallschirmspringen, nur sicherer. Und weniger aufwändig. Auch eine Alternative zum Gründen.

Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder berichtet über deutsche Start-ups aus Berlin und anderswo.

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