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19.01.2017

10:49 Uhr

Generation Gründer

Sozialer Klebstoff

VonMiriam Schröder

Alle Start-ups wollen mit ihren Kunden befreundet sein – bei Twitter, Instagram und Facebook. Den wenigsten gelingt es. Glück hat, wer in einer Nische steckt – zum Beispiel in der klassischen Musik.

In digitaler Gesellschaft: Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder gibt wöchentlich einen Einblick in die deutsche Start-up-Szene.

Miriam Schröder

In digitaler Gesellschaft: Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder gibt wöchentlich einen Einblick in die deutsche Start-up-Szene.

BerlinWenn ich an Menschen denke, die klassische Musik hören, fällt mir immer Ludwig Dressler aus der Lindenstraße ein. Ein feiner, älterer Herr, der sich nach dem Essen gern mit einem Glas Rotwein in seinem Rollstuhl vor den Plattenspieler setzte und das soziale Elend um sich herum vergaß.

Oder ich denke an zwei grauhaarige Freundinnen, die sich ein Abo für die Philharmonie teilen und zu Hause einen Schuhkarton haben, in dem sie die Konzertkarten aufheben.

Im Großen und Ganzen ist ihnen alles Elektronische suspekt, obwohl sie heute natürlich auch ein iPhone haben. Sie können es sich leisten: Sie sind – oder waren - Anwälte und Lehrer, oder Ärzte. Für die Musikindustrie sind die Klassikfans eine kleine, aber feine Zielgruppe. Und außerordentlich treu.

Das Problem ist: Sie sterben aus. Auch der Klassikbranche bleibt darum nichts anderes übrig, als sich zu digitalisieren. Längst kann man für die großen Orchester der Welt online Tickets buchen, Konzerte im Live-Stream verfolgen oder Aufnahmen downloaden.

Die neuen Gründer – Idagio: Beethovens Datenstrom

Die neuen Gründer – Idagio

Premium Beethovens Datenstrom

Während die großen Streamingdienste um die Vorherrschaft auf dem Musikmarkt konkurrieren, entstehen in Nischen neue Start-ups. Idagio setzt auf den wachsenden Markt für Klassik. Dafür brauchen die Gründer gutes Timing.

In Berlin gibt ein Start-up namens Idagio – ein Streaming-Dienst für klassische Musik. Wer Lust dazu hat, kann sich dort für acht Euro im Monat jederzeit Beethovens Fünfte, dirigiert von Herbert von Karajan, anhören und sie mit der Interpretation von Gustavo Dudamel vergleichen. Danach kann er die Leistung der Dirigenten gemeinsam mit der Community analysieren. Im Besserwissen unterscheiden sich die Klassik-Freunde nicht von Fußball-Fans. „Sozialer Klebstoff“, nennt das Idagio-Gründer Till Janczukowicz.

Man kennt das auch von anderen Start-ups. Jeder will mit seinen Kunden befreundet sein. Den wenigsten gelingt es wirklich. Ob sie Matratzen produzieren oder Urlaube vermitteln, sie wollen meine Freunde sein, bei Twitter, Instagram oder Facebook. Von der Zalando-Community soll ich mir sagen lassen, welcher Lippenstift zu meinen Schuhen passt, bei Windeln.de über die besten Tipps bei Babyblähungen diskutieren. Sozialer Klebstoff.

So gesehen, bietet eine Nische wie die Klassik gute Chancen. Zumal die Musikbranche ein ziemlich sozialer Haufen ist. Zumindest wenn man der preisgekrönten Amazon-Serie „Mozart in the Jungle“ Glauben schenken will. Sie basiert auf den Erinnerungen einer New Yorker Oboistin, zusammengefasst in dem Roman „Sex, Drugs and Classical Music“. Demnach dreht sich in so einem klassischen Orchester alles andauernd um die ganz großen Themen: um Leidenschaft und Intrigen, Ideale und Verrat.

Und es gibt viele Parallelen zwischen klassischem Orchester und Start-up. Denn die Kunst eines Dirigenten besteht darin, in dem Chaos den Überblick zu behalten und der Truppe eine Richtung vorzugeben. Ständig wird er gestört von ungeduldigen Sponsoren, sinkenden Verkäufen – und Bob, der Gewerkschafter, der die Querflöte spielt und bei der Probe immer die Pinkelpausen anmahnt. Also eigentlich wie in fast jeder Firma.

Auch Gründer stammen ja nicht selten aus Familien, in deren Wohnzimmern ein Klavier stand. Wo die Eltern ein Konzert-Abo hatten und die Kinder erst zur Geigenstunde und später auf teure Privat-Unis schickten. Die wenigsten spielen heute noch ein klassisches Instrument. Aber irgendetwas bleibt halt kleben.

Handelsblatt-Redakteurin Miriam Schröder berichtet über deutsche Start-ups aus Berlin und anderswo.

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